China

Die gefährliche Patin von Chongqing

Im größten Stadtstaat Chinas ist eine beispiellose Anti-Kriminalitäts-Kampagne angelaufen. Schillerndste Figur ist eine Kasinobesitzerin. Sie ist der "schwarze Star" der angelaufenen Prozesse. Angeblich ist die bizzare Frau mit ihren Spielbanken in mehrere große Betrugsfälle verwickelt.

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Es ist drei Uhr nachmittags, als Barbesitzer Liang Yiping im Beibei-Stadtbezirk der Jangtse-Metropole Chongqing ins Auto steigen will. Die Männer, die ihm auflauern, fallen den Passanten erst auf, als sie verborgene Hackmesser hervorziehen. Am helllichten Tag stechen sie auf den Klubbetreiber ein und verschwinden sofort.

Lokalblätter schildern Details der Bluttat, die sich am 26. Juni ereignete. Die Killer hackten Liang das linke Bein und den linken Arm ab. Er starb acht Stunden später. Um die Leiche zum Totenabschied aufzubahren, lässt die Familie sie zusammennähen.

Viereinhalb Monate später klären Chongqings Gerichte die Hintergründe eines Auftragsmordes, dessen Art und Weise aus einem alten US-Gangsterfilm stammen könnten. Die Täter arbeiteten für Yang Tianqing, den 35-jährigen Boss einer Bande, die brutale Überfälle ausführte und Schutzgelder erpresste.

Umgerechnet 25.000 Euro erhielt er für die Bluttat, die der Geschäftspartner des Ermordeten, ein Mann namens Li Xiangguang, bestellt haben soll. Das Gericht braucht zehn Tage, um Yang Tianqing zu überführen. Mörder und Kredithai Yang und einer seiner Killer erhalten die beiden ersten Todesurteile.

Mörder Yang steht nicht allein. Seit Mitte Oktober sorgen Chongqings Massenprozesse gegen organisierte Kriminalität und Korruption für weltweites Aufsehen. In Schnellverfahren haben die Gerichte im ersten Durchgang auf einen Schlag fünf Gangsterbosse und 100 Bandenmitglieder verurteilt.

Es sind nur die ersten fünf von 61 mafiaähnlichen Banden, die in den Gefängnissen der Metropole auf ihre Prozesse warten, enthüllte Chongqings Justiz jetzt am Wochenende. Mord ist nur eines von 21 Delikten, die im ersten Durchgang verhandelt werden. „Das ist nur der Anfang“, orakelt Westchinas Wochenzeitung „Xibu Shibao“.

Seit dem bestialischen Straßenmord im Juni wurden in Chongqing 2954 Personen festgenommen. Die Sonderpolizei kassierte zugleich Dutzende der Korruption verdächtige Richter, Stadtbeamte und Polizisten mit ein. Es ist die größte Anti-Kriminalitäts-Kampagne in einer Großstadt seit Gründung der Volksrepublik.

Die Nation sieht gebannt per Fernsehen zu. In orangefarbenen Häftlingsjacken treten die Angeklagten vor Gericht. Angeblich sind sie Mitglieder der „schwarzen Gesellschaft“ der Triaden, wie die Medien die chinesische Form der Mafia nennen. Die Prozesse haben hohen Unterhaltungswert. „Kohletyrann“ wird der zum Tode verurteilte Grubenbesitzer und Bandenchef Liu Zhongyong genannt.

Er vertuschte tödliche Unfälle in seinen Kohlezechen und ließ beim Karaoke einen Gast erschlagen, weil der ihm zu laut sang. Als „Patin der Unterwelt“ wird die zu 18 Jahren Haft verurteilte Xie Caiping bezeichnet. Sie soll so viele Geliebte gehabt haben, wie sie illegale Spielbanken betrieb. Die 46-jährige Kasinokönigin ist „schwarzer Star“ der ersten Prozesse.

Xie Caiping führte mehr als zehn Klubs und Spielbanken. Eines war in einem Fünf-Sterne-Hotel gegenüber dem Gericht und Sicherheitsamt untergebracht, zwei lagen neben Polizeistationen. Als Schwägerin des Parteifunktionärs Wen Qiang genoss sie höchste Protektion, zumal Wen 16 Jahre lang Vizepolizeichef war und bis zu seiner Verhaftung im August auch die Justiz kontrollierte. Der Topbeamte soll der eigentliche Schutzpatron der organisierten Kriminalität gewesen sein. Gegen weitere 52 Beamte wird ermittelt. 29 Polizeioffiziere seien darunter, meldet die „Rechtszeitung“.

An der Spitze der ehrenwerten Gesellschaft von Chongqing aber standen inzwischen auch verhaftete „Großunternehmer“. Sie „kontrollierten Verkehr und Logistik, Energie- und Nahrungsmittelversorgung, Baugeschäfte, das Vergnügungsgewerbe und die Pfandleiher“, enthüllte Pekings finanzpolitisches Magazin „Caijing“. Unternehmermillionär und Stadtabgeordneter Li Qiang wähnte sich als Mitglied der politischen Elite unantastbar. Er kam als Erster vor Gericht.

Die Anklageschrift gegen ihn umfasste 240 Bände. Sechs Tage, von neun Uhr früh bis spät nachts, dauerte sein Verfahren, dessen Urteil noch aussteht. Selfmade-Unternehmer Li Qiang bestreitet, zu einer kriminellen Seilschaft zu gehören. Ihm gehörten Buslinien und Taxifuhrparks. Am Ende kontrollierte er öffentliche Verkehrsprojekte und ein Viertel des Personentransports Chongqings.

Zum ersten Mal in der Volksrepublik ziehen Gerichte den Vorhang über den glitzernden Fassaden der 32-Millionen-Einwohner-Metropole hoch und zeigen die darunter liegende Unterwelt in ihren Farben. „Rot und Schwarz“, schreibt „Caijing“.

Schwarz steht für organisierte Kriminalität und „Rot“ für ihre in Personalunion gehaltene politische Macht oder für die „Schutzschirme“, die Parteifunktionäre über sie halten. Die Sonderermittler spürten verdächtige Wucherzinskredite von 3,3 Milliarden Euro auf, die von den Banden besonders für Wohnungskäufe vergeben wurden, enthüllte jetzt die Wochenzeitschrift „China Newsweek“. Das sei ein Drittel des Finanzhaushalts der Metropole, die 1997 über eine Gebietsreform zum größten Stadtstaat Chinas umgewandelt wurde.

Chinas Medien stürzen sich auf den Skandal. Ob der Begriff „Mafia“ auf Chongqings wirtschaftskriminelle Szene zutrifft, ist politisch wie juristisch aber umstritten. Die Fälle unterscheiden sich wenig von vielen anderen Korruptionsskandalen, die die Kungeleien unter Chinas Ein-Parteien-Herrschaft zwischen skrupellosen Unternehmern und korrupten Parteifunktionären immer wieder hervorbrachten.

Es waren aber nicht Journalisten, die den kriminellen Sumpf trockenlegten, sondern ein Volkstribun. Hinter Chongqings „Blitzkrieg“ steht der neue starke Herrscher des Stadtstaates, Chinas Ex-Handelsminister Bo Xilai, den Pekings Führung Ende 2007 als Parteichef nach Chongqing schickte.

Der heute 60-Jährige, Sohn eines Altrevolutionärs und Mitglied des Politbüros, bringt fast alles für einen Spitzenplatz im höchsten Führungszirkel mit, wenn sich das große Machtkarussell Pekings zum 18.Parteitag 2012 wieder dreht. Politische Gegner unterstellen ihm daher, die gigantische Verbrecherhatz als Chance zur Rückkehr ins Zentrum der Macht zu nutzen. Bo verteidigte sich sofort:

Sein Blitzkrieg gegen die Banden sei nicht arrangiert, sondern „wurde uns aufgezwungen“. Die Prozesse gegen die ehrenwerte „schwarze Gesellschaft“ dürfen weitergehen und ziehen neue Kreise. Anfang Dezember, so meldete jetzt die „Chongqinger Abendzeitung“, geht es im zweiten Durchgang weiter: Vier Banden mit weiteren 105 mutmaßlichen Mördern, Erpressern und chinesische Mafiosi kommen vor Gericht. 22 Verbrechensarten wirft ihnen die Staatsanwaltschaft vor.