Tabu-Thema

*** wieder scharfstellen, wenn juristisch geklärt*** Wie Österreich mit Haiders Bisexualität umgeht

Auch wenn Journalisten und politische Gegner längst Bescheid wissen – in Österreich spricht keiner öffentlich über Jörg Haiders Bisexualität. Vielleicht steckt in diesem Tabu sogar ein Rest von Anstand. Doch ist dieser angebracht? Oder sollte man dem Menschen die Wahrheit zumuten?

Foto: dpa / DPA

Seit Adolf Hitler wurde in Kärnten niemand so geliebt wie er. Die Behauptung klingt ebenso verstörend wie absurd. Noch aberwitziger ist bloß, dass sie stimmt. Das südlichste, das seltsamste Bundesland Österreichs befand und befindet sich nach dem Unfalltod Jörg Haiders in einem emotionalen Ausnahmezustand – zwischen Trauerrausch und Trauerwahn.

An der Betroffenheit von Abertausenden, einer Betroffenheit bis hin zu Tränen, lässt sich nicht zweifeln. Die schier endlosen Schlangen von Leuten, bunt gemischt aus Jung und Alt, die sich in Kondolenzbücher eintragen wollten, das Meer der Kerzen und Blumen auf Straßen und Plätzen sprechen eine unmissverständliche Sprache.


Der Erfinder und alternde Popstar des österreichischen Rechtspopulismus war unbestreitbar ein Idol der Massen und wird es für lange bleiben. Hände schüttelnd, Schulter klopfend, stets einen lockeren Spruch auf den Lippen, in quasifeudaler Manier Gunst erweisend und entziehend hat er sich diesen Status knapp unterhalb der Ehre der Altäre unermüdlich erarbeitet. Kultfiguren und Mythen haben nun mal die Tendenz zur Unsterblichkeit. Regelmäßig totgesagt und wieder auferstanden, vermochte Haider kürzlich noch das Ruder herumzureißen, erzielte einen bundesweiten Wahlerfolg, den ihm kaum einer und auch er selbst sich nicht zugetraut hätte.

„Heute“, sagte Haiders Stellvertreter und nunmehr geschäftsführender Nachfolger in der Landesregierung am Sterbetag, „ist in Kärnten die Sonne vom Himmel gefallen“. Man darf es auch etwas nüchterner ausdrücken: Der „Landesvater“, als solcher wird er in Kärntens Dörfern und Städten gepriesen, war volltrunken (1,8 Promille) mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 160 Stundenkilometern am Steuer seines Dienstwagens des mythischen, gleichsam schicksalhaften Namens „Phaeton“ ins Verderben gerast.

Jetzt wird Haider, als wäre er eine Mischung aus Lady Di und James Dean gewesen, buchstäblich zum „Landeshauptmann der Herzen“ verklärt. Sämtliche Spitzen der Zweiten Republik, die Haider abzuschaffen gedroht hatte, verneigten sich in Klagenfurt vor seinem Sarg, versicherten die Hinterbliebenen ihrer Anteilnahme. Und das ist auch gut so: Friede seiner Asche, Mitgefühl den Angehörigen.

Trotzdem scheint ewige Ruhe dem Toten bis auf weiteres nicht vergönnt zu sein. Rund um das plötzliche Ende Haiders wurde man Zeuge gespenstischer, bizarrer Szenen. Sein vormaliger Sekretär und Pressesprecher, der 27-jährige Stefan Petzner, kam auch vor laufenden und von ihm wiederholt zugelassenen TV-Kameras aus dem Schluchzen über den Verlust seines „Lebensmenschen“ gar nicht mehr heraus (keiner, der diesen Begriff auf Haider anwendet, ahnt übrigens, dass er ursprünglich von Thomas Bernhard stammt).

Das erinnerte nicht nur an weiland Sirimavo Bandaranaike, die „weinende Witwe“ aus Ceylon, die ihren politischen Aufstieg bis ganz oben ostentativer Trauer um den ermordeten Gatten verdankte, sondern funktionierte auch in Kärnten tadellos nach dem bewährten Muster: Denn prompt wurde Petzner zum vorläufigen Parteichef des verwaisten Haider-Wahlvereins BZÖ bestimmt.

Stefan Petzner freilich ist nur der letzte in der Reihe jener auf ihren Rudelführer absolut eingeschworenen jungen Gefolgsmänner, die unter dem Spitznamen „Haiders Buberlpartie“ in die Mediengeschichte eingingen. Ihnen allen war, zumindest zeitweise, bedingungslose Bewunderung ihres obersten Männerbund-Kumpels gemeinsam. Man kann es Schwärmerei nennen oder auch Liebe, und gewiss würde jeder von ihnen die – möglicherweise unbewusste – homoerotische Komponente dieser sehr starken persönlichen Bindung entrüstet in Abrede stellen.

Deshalb – nicht aus dreister Täuschungsabsicht, vielmehr aus Verzweiflung – musste Petzner auch vergeblich zu vertuschen versuchen, was sich in den Stunden vor Haiders Unfall abgespielt hatte. Sogleich zirkulierten infolge der offenkundigen Widersprüche in rechtsextremen Internetforen Verschwörungstheorien.

Nein, Petzner ist eben nicht der allerletzte gewesen, der Haider zu Lebzeiten gesehen hat. Der hatte vor seiner Todesfahrt noch ein von ihm des öfteren frequentiertes Klagenfurter Schwulenlokal besucht und dort gemeinsam mit einem jungen Mann binnen Kürze die für ihn fatale Menge Alkohol konsumiert. Na und? Vorzuwerfen ist ihm einzig und allein, dass er in seiner Verfassung ein Angebot, ihn zu chauffieren, abgelehnt hat.

Naturgemäß wussten innenpolitisch halbwegs versierte österreichische Journalisten über Haiders Bisexualität Bescheid. Erst recht wussten es seine ideologischen Gegner und die weit verstreute Gemeinde der Schwulen. Man schwieg, tuschelte höchstens hinter vorgehaltener Hand. In Österreich ist derlei bis dato kein Thema. Vielleicht steckt in diesem Tabu sogar ein Rest von Anstand. In der Arena demokratischer politischer Auseinandersetzungen haben Details aus dem Intimleben tatsächlich nichts verloren. Das ungeschriebene Gebot wurde im Fall Haiders bis auf wenige Ausnahmen eingehalten. Jörg Haider, der sich einstigen SS-Mitgliedern anbiederte, der gegen Ausländer, Asylanten und vermeintliche „Sozialschmarotzer“ wetterte, der sein außerordentliches rhetorisches, sein kommunikatives Talent wahrlich nicht immer für die gute Sache einsetzte, hat (mag sein: aus Vorsicht) nie in der Öffentlichkeit ein Wort gegen Homosexuelle verloren.

Hätte er sich „outen“ sollen, wie es führende Politiker in Berlin und Paris taten? „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, verkündete Kärntens berühmteste Dichterin, Ingeborg Bachmann. Wer das nicht glaubt, der hält den Mund. Die Privatperson Jörg Haider war auch Familienvater und Ehemann, und vermutlich ist er beiden Aufgaben sogar besser gerecht geworden als mancher andere. Gleichwohl ging der „fesche Jörg“ mit seinen Neigungen relativ unverklemmt um. Sonst wäre er – mit dem wahrscheinlich bekanntesten Gesicht Österreichs – nicht in einschlägigen Lokalitäten aufgetaucht.

Jörg Haiders grundsätzliche Problematik lag keineswegs in der sportlich-erotischen Faszinationskraft, seinem Sex-Appeal für Frauen und Männer, was anfangs allerdings beträchtlichen Anteil an seiner Wirkungsmacht hatte. Sie lag in gemeingefährlicher Selbstüberschätzung. Er war ein manischer Grenzgänger. Er meinte, über den Gesetzen zu stehen. Er hielt sich für das Gesetz. Daran ist er schließlich zugrunde gegangen.

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