Projekt "Lernpate"

Herthaner Dardai hilft Kindern bei Hausaufgaben

Herthas Rekordspieler Pal Dardai und Model Anne Julia Hagen engagieren sich für das Projekte "Der Lernpate". Ziel ist es, Schüler bei Hausaufgaben zu unterstützen. Ein Gespräch mit den beiden über soziale Verantwortung, Vorbilder und schlechte Noten.

Foto: Massimo Rodari

In der großen Pause geht es auf dem Schulhof zu wie bei einem Eckball im Strafraum: Ein Junge zerrt Pal Dardai am linken Arm, ein Mädchen am rechten. Der Rekordspieler von Hertha BSC ist als Schirmherr des Projektes "Der Lernpate" zu Besuch an der Reineke-Fuchs-Grundschule in Reinickendorf, und alle wollen ein Autogramm von dem ehemaligen Profi, der jetzt in der U23 des Zweitligaklubs spielt. Gegründet hat das Projekt das Berliner Model Anne Julia Hagen (20), Miss Germany 2010 und Hertha-Fan.

Morgenpost Online: Herr Dardai, was war Ihr schlechtestes Fach in der Schule?

Pal Dardai: Ganz klar Mathe. Da hatte ich meist eine vier. In Sport und Biologie war ich aber gut.

Morgenpost Online: Und Ihres, Frau Hagen?

Anne Julia Hagen: Bei mir war es auch Mathe, ich hatte sogar eine vier Minus. Ich habe mein Abitur aber trotzdem mit einem Notenschnitt von 2,0 bestanden. Meine besten Fächer waren Englisch, Geschichte und Biologie. Insgesamt gesehen war ich ein Streber.

Morgenpost Online: Ihr Abiturschnitt, Herr Dardai?

Pal Dardai: Nächste Frage bitte (lacht).

Morgenpost Online: Kommen Sie!

Pal Dardai: Na gut, es war eine drei.

Morgenpost Online: Fußballer und Bildung, das ist derzeit ein großes Thema. Schalkes Ex-Trainer Felix Magath hat seinem 17-Jährigen Spieler Julian Draxler geraten, die Schule abzubrechen, um sich ausschließlich auf den Sport konzentrieren zu können.

Pal Dardai: Ich hätte ihm das nicht geraten. Meine Eltern haben mir immer gesagt, dass ich trotz meines Fußball-Talents das Abitur machen soll. Verletzungen können eine Karriere von heute auf morgen beenden, ohne guten Schulabschluss hat man dann richtige Probleme. Schule muss immer an erster Stelle stehen.

Morgenpost Online: Sie haben drei Söhne. Wenn einer mit der Idee zu Ihnen kommen würde, die Schule abzubrechen…

Pal Dardai: …würde ich nein sagen. Meine Söhne würden aber auch nicht auf diese Idee kommen. Sie haben verstanden, wie wichtig die Schule ist. Sie sind gute Fußballer und haben gleichzeitig gute Noten.

Morgenpost Online: Was versprechen Sie sich von dem Projekt "Lernpate"?

Anne Julia Hagen: Ich habe kürzlich das Buch "Das Ende der Geduld" von Kirsten Heisig gelesen. Sie lebte in Berlin, und in dem Buch geht es um jugendliche Gewalttäter. Sie beschreibt darin, wie sie in ihrer Schulzeit mit einem türkischen Mitschüler nach dem Unterricht gelernt hat. Sie hat ihm Deutsch, er ihr Mathe beigebracht. Ich dachte mir: Schüler helfen Schülern – das ist eine gute Idee! An meiner ehemaligen Schule, der Katholische Schule Salvator in Waidmannslust, habe ich schnell Schüler gefunden, die Jüngeren helfen möchten. Sie sind jetzt Lernpaten. Auf unserer Internetseite www.derlernpate.de kann sich jeder bewerben, der uns helfen möchte.

Morgenpost Online: Wie stellt sich diese Hilfe konkret dar?

Anne Julia Hagen: Jeder Lernpate kommt einmal in der Woche in den Hort der Reineke-Fuchs-Schule. Sie helfen den Kindern im Alter von sechs bis zehn Jahren bei Hausaufgaben und nehmen sich ihrer Sorgen an. Wir sprechen mit ihnen zudem darüber, wie man sich richtig ausdrückt und korrekt benimmt. Bald soll das Projekt auf weitere Schulen und auf die Stadt Stuttgart ausgeweitet werden.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt Hertha BSC dabei?

Anne Julia Hagen: Auf einer Veranstaltung habe ich Herthas Präsidenten Werner Gegenbauer getroffen und von dem Projekt erzählt. Er war sofort begeistert. Dann habe ich mit Pal gesprochen und ihn als Schirmherren gewinnen können. Gerade für ausländische Kinder ist er ein Vorbild: Er hat einen Migrationshintergrund und viel erreicht. Wir wollen mit den Kindern bald zum Training von Hertha gehen, das Fußballinternat besichtigen und ein Heimspiel besuchen. Viele Kinder sind Hertha-Fans, sie sind durch diese Aktionen unheimlich motiviert.

Morgenpost Online: Herr Dardai, Sie wollten einst ja selbst Lehrer werden.

Pal Dardai: Ja. Ich bin in Ungarn ein halbes Jahr zur Universität gegangen und wollte mich zum Sportlehrer für Gymnasien ausbilden lassen. Das Studium hätte vier Jahre gedauert. Ich habe mich dann aber für den Fußball entschieden und aufgehört.

Morgenpost Online: Sie beide haben als Schüler schon einen Beruf gehabt: Die eine als Model, der andere als Fußballprofi. Wie haben Sie das mit der Schule in Einklang gebracht?

Anne Julia Hagen: Meine Mutter hat mir erlaubt, alles zu machen was ich möchte. Voraussetzung war aber immer, dass die Schule nicht leidet. Mein Schnitt durfte nicht schlechter als 2,5 werden. Das hat ganz gut geklappt, ich war immer besser. Obwohl ich in der Schulzeit für einen Monat in China und Barcelona war und in Modelapartments gelebt habe. Abends habe ich immer englische Bücher gelesen, um fit für den Englisch-Leistungskurs zu sein.

Morgenpost Online: Die Schule hat Sie dafür freigestellt?

Anne Julia Hagen: Ja, ich hatte Sonderurlaub. Das geht aber nur, wenn die Noten stimmen.

Morgenpost Online: Herr Dardai, waren Sie auf einer Sportschule?

Pal Dardai: Nein. Sportschulen sind super, aber mein Vater wollte, dass ich ein "normales" Gymnasium besuche. Das war auch gut. Als ich dann 14 Jahre alt war, bin ich sehr oft nach Budapest zur U14-Nationalmannschaft Ungarns gefahren und habe viele Unterrichtsstunden verpasst. Zu Prüfungen war ich aber immer da. Bei einigen Mitschülern war es umgekehrt: Sie waren die ganze Woche über anwesend, nur bei den Prüfungen nicht (lacht).

Morgenpost Online: Was geben Sie den Berliner Schülern mit auf den Weg?

Pal Dardai: Dass sie hart an sich arbeiten und bescheiden sein sollen. Und dass es Spaß macht, Zeit in andere Menschen zu investieren. In Ungarn habe ich kürzlich eine Auszeichnung als Vorbild des Jahres erhalten. Dem möchte ich natürlich weiterhin gerecht werden.

Morgenpost Online: Wer ist Ihr Vorbild?

Pal Dardai: Mein Vater, immer noch. Er war auch ein erfolgreicher Fußballer. Wenn die Müllabfuhr kommt, gibt er jedem der Männer die Hand und fragt, wie es ihnen geht. Er ist immer bescheiden geblieben. Wenn du so bist, kriegst du viel von den Menschen zurück. Das merke ich derzeit in Berlin. Ich war kürzlich zu Besuch bei der Arche, da gibt es ein Hertha-Zimmer. Ich war überrascht, wie viele Kinder nach der Schule nichts zu tun haben und von ihrer Familie wenig Zuwendung kriegen. Ich war für sie wie ein Ersatzpapa. Persönlich hatte ich das Glück, ein gutes Elternhaus zu haben. Meine Kinder haben das auch. Andere haben alleinerziehende oder arme Eltern. Ihnen zu helfen ist enorm wichtig.

Anne Julia Hagen: Bei meinem Besuch neulich in der Schule habe ich ein Kind kennengelernt, das keine Jacke besitzt. Es war im Sweatshirt unterwegs, dabei waren draußen minus drei Grad. Unglaublich. Das hat mich sehr bewegt. Ein anderer Junge hat mit sieben Jahren schon eine Akte bei der Polizei, unter anderem wegen Diebstahls. Als wir mit ihm zusammen saßen, war er lieb wie ein Lamm. Wenn die Kinder etwas Sinnvolles tun, kommen sie nicht auf dumme Gedanken. Zuhause ist oft keiner da, oder es läuft nur der Fernseher. Mit Hertha wollen wir gerade diesen Kindern helfen.

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