Eiskletterin Ines Papert

"Kompaktes Wassereis ist einfach perfekt"

| Lesedauer: 8 Minuten
Holger Kreitling

Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb / dpa

Während ganz Deutschland über das Glatteis stöhnt, hat Ines Papert aus Bayern überhaupt keine Schwierigkeiten damit. Die 35-Jährige ist die beste Eiskletterin der Welt. Sie besteigt gefrorene Wasserfälle und Gletscher. Allerdings muss sie viel trainieren. Hier verrät die Bayerin, wie sie zu Kraft kommt.

Morgenpost Online: Überall in Deutschland haben die Menschen Probleme mit dem Glatteis. Welche Beziehung haben Sie zum Eis?

Papert: Eine sehr, sehr gute. Ich habe zwar auch in meiner Hauseinfahrt eine dicke Eisschicht, aber ich streue kein Salz. Man muss damit umgehen und sich den Gegebenheiten anpassen. Zwischen den Eisklettertagen gehe ich Laufen, man muss eben langsamer laufen oder sich eine Spur zwischen dem Eis suchen. Ich finde das nicht schlimm, im Gegenteil. Wenn ich beim Autofahren irgendwo einen vereisten Wasserfall sehe, zieht es mich magisch an. Ich merke richtig, wie meine Augen hinwandern, und ich muss mich konzentrieren.

Morgenpost Online: Dann ist die jetzige Frostperiode gut für Sie.

Papert: Ich sehe es als Glück, viele sehen es als nervig und anstrengend. Ich denke mir oft: Was haben die Leute? Früher war jeder Winter so. Jetzt ist es doch herrlich. Es gibt nicht Schöneres, als wenn es draußen knackig kalt ist und man sich nach einer langen Tour aufwärmen kann. Ich bin jeden Tag draußen, egal wie das Wetter ist. Je länger es frostig ist, umso besser werden die Bedingungen im Gebirge.

Morgenpost Online: Sie nutzen, anders als die meisten Fußgänger, Steigeisen und Eisgeräte, an denen Sie sich festhalten.

Papert: Ich bin natürlich gut ausgerüstet, Ausrutschen ist für mich kein Thema.

Morgenpost Online: Empfinden Sie das Eis als Gegner?

Papert: Ich kämpfe nicht gegen das Eis an. Klar, es lebt nicht in der Form wie ein Mensch oder ein Tier. Aber es kommt und geht. Man muss beim Eisklettern zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Sich dann an diesen Eisstrukturen hochzubewegen, ist für mich ganz fantastisch.

Morgenpost Online: Wie fühlt Eis sich für Sie an?

Papert: Ich mag es wirklich gerne. Es gibt verschiedene Sorten Eis, so wie es im Sommer Vanille, Schoko und die ganzen Fruchtgeschmäcker gibt. Das Eis im Winter wächst unterschiedlich. Manchmal sind Lufteinschlüsse drin, und es ist sehr porös. Da wird es schwieriger zu klettern und sich abzusichern. Kompaktes, runtergeflossenes Wassereis, das richtig blau schimmert, ist einfach perfekt. Und dann gibt es Gletschereis, das über Jahrmillionen gewachsen ist. Gletscher war früher eine optimale Trainingsmöglichkeit, um sich auf Weltcups vorzubereiten. Aber die Gletscher schmelzen, es gibt eigentlich keine Trainingsrouten mehr.

Morgenpost Online: In welchem Eis klettern Sie am liebsten?

Papert: Im Moment klettere ich wahnsinnig gerne so Glasuren, dünnes Eis, sehr technisch. Es kommt nicht nur auf die Kraft an, aber mit Gefühl und Erfahrung kann man zügig und effizient vorankommen. Aber auch Eiszapfen mag ich sehr.

Morgenpost Online: Wie funktioniert das?

Papert: Wir klettern auch Mixed Routen, also über Felspassagen ins Eis, um etwa an einen Zapfen überhaupt ranzukommen. Das Wasser läuft senkrecht herunter und friert. Dann wächst ein Eiszapfen, der frei in der Luft hängt. Darunter liegt ein Felsdach, das logischerweise irgendwann an den Zapfen anstößt. Um an die Basis des Zapfens zu kommen, weil es dort relativ sicher ist, muss ich über das Felsdach klettern.

Morgenpost Online: Ist so eine Kletterei ihr höchstes Ziel?

Papert: Das Nonplusultra sind für mich schwere Routen im Hochgebirge. Wir planen gerade eine Expedition nach Kirgistan zum Kysyl Asker (5842m) nahe der chinesischen Grenze. Die Wand ist grundsätzlich sehr schwierig, September sollte aber der bestmögliche Monat sein, um eine Besteigung zu realisieren. Die Eiswand, die wir erstbegehen wollen, ist fast 3000 Meter lang und steil.

Morgenpost Online: Wie trainieren Sie Kraft, um sich an den Eisgeräten festzuhalten?

Papert: Vorgestern war ich auf einer Messe und konnte nicht trainieren. Das ist für mich schlimm, dann bin ich aufgezogen wie ein Ziehaufmännchen. Gestern bin ich dann 600 Höhenmeter auf einen Berg gelaufen, das ging schnell. Anschließend habe ich Bewegungs-Tanz-Training gemacht und bin noch ins Fitnessstudio gegangen, um ein bisschen rohe Kraft zu trainieren. Da machte ich zehn Mal acht Klimmzüge und vier mal 25 Liegestütze. Ich schaffe auch mehr, aber ich möchte morgen nicht vom Muskelkater gequält nach Schottland fliegen.

Morgenpost Online: Und so etwas machen Sie ständig?

Papert: Im Fitnessstudio bin ich mittlerweile ganz selten. Eigentlich trainiere ich das ganze Jahr über am Fels. Im Herbst gehen wir mit den Eisgeräten an spezielle Felsrouten, das nennt sich Dry Tooling. Wenn Ende November, Anfang Dezember das erste Eis kommt, muss man schon fit sein. In diesem Jahr ist der Winter lang, normalerweise ist der Eiskletterwinter in ein, zwei Monaten vorbei. Wenn es eine Woche lang warme Temperaturen gibt, ist alles vorbei, und dann wächst auch leider nichts mehr nach.

Morgenpost Online: Wie kalt muss das Eis denn sein?

Papert: Perfekt ist es bei minus fünf bis acht Grad. Bei tieferen Temperaturen wird das Eis porös, ist voller Spannungen. Manchmal brechen riesige Teile ab.

Morgenpost Online: Reizt Sie das Flüchtige, Abenteuerliche des gefrorenen Wasserfalls?

Papert: Es ist faszinierend. In Norwegen gibt es etwa eine spiegelglatte Wand, wo man im Sommer wohl nie hochkommen würde. Da zieht sich bis zum Herbst eine Wasserspur herunter, nur ein Rinnsal. Das reicht, um im Winter einen riesengroßen gefrorenen Wasserfall zu haben, 20 Meter breit, 800 Meter hoch. Die Natur kann wunderschöne Eisformationen bilden. Es gibt Blumenkohl-Formationen. Die sind nicht leicht zu klettern, schauen aber schön aus. Dann die zapfigen Strukturen mit unterschiedlichen Farben.

Morgenpost Online: Wie gefährlich ist das?

Papert: Wenn ich morgens einsteige, kann es warm werden. Doch solche Eismassen schmelzen nicht innerhalb von Stunden weg. Das ist ein Prozess über Tage. Darum ist es für mich kein unberechenbares Risiko.

Morgenpost Online: Über welche Strecken geht es bei Wettbewerben?

Papert: 30 bis 35 Meter überhängende, schwierigste Kletterei. Im Finale sind zwölf Minuten das Zeitlimit, es wird geschaut, wer am höchsten kommt. Es gibt Regeln, Begrenzungen und etwa schwingende Eiszapfen, das hat mit der Natur überhaupt nichts zu tun.

Morgenpost Online: Die Strecken sind künstlich?

Papert: Ja, man verwendet nur die gleiche Ausrüstung wie in der Natur. Es sind völlig unterschiedliche Spielarten. Ich habe viel gelernt bei den Wettbewerben, auch wie man zielgerecht auf einen Punkt hin trainiert. Aber es hat für mich sehr wenig mit der Realität zu tun. Deshalb habe ich auch aufgehört.

Morgenpost Online: Haben sie mal darüber nachgedacht, geradeaus über Eis zu gehen?

Papert: Ich gehe ab und zu auf Eis zum Schlittschuhlaufen. Mein Sohn fährt so gerne. Aber keinen Horizont zu sehen oder einen Berggipfel – nein, das ist nicht meins. Ich brauche schon die körperliche und psychische Herausforderung, es über eine schwierige Stelle zu schaffen.

Morgenpost Online: Mögen sie bei Getränken eigentlich lieber Eiswürfel oder gestoßenes Eis?

Papert: Sie werden lachen, gar kein Eis. Ich bin nicht so ein Cocktail-Fan.

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