Fukushima-Krise

Atomruinen-Betreiber Tepco – Japans rotes Tuch

Die japanische Regierung prüft nach der Havarie eine Verstaatlichung des Krisenkonzerns. Dem Betreiber drohen immense Entschädigungsforderungen von Opfern und Firmen.

Täglich verkünden die Manager des japanischen Energiekonzerns Tepco neue Hiobsbotschaften aus dem Katastrophenkraftwerk Fukushima. Nun droht dem Konzern der Verlust der Unabhängigkeit. Die japanische Regierung schließt eine Verstaatlichung nicht aus. Das sei eine Option, sagte der Minister für die nationale Politik, Koichiro Gemba.

Er gilt im Kabinett als Gegner staatlicher Unternehmen. „Da der Staat Atomenergie gefördert hat, ist es notwendig, dass der Staat letztlich die Verantwortung übernimmt“, zitierte die Nachrichtenagentur Kyodo Gemba. Die Zeitung „Yomiuri Shimbun“ berichtet unter Berufung auf Regierungskreise, die Regierung plane, eine Mehrheit bei der Aktiengesellschaft zu übernehmen.

Der Betreiber der Atomruine von Fukushima steht wegen der Katastrophe vor immensen Kosten. Allein für die Reparaturen der Kraftwerke wollen Japans große Banken eine Notfinanzierung in Höhe von 25 Milliarden Dollar bereitstellen. Zusätzlich drohen dem Unternehmen gewaltige Entschädigungszahlungen. „Atomkraftwerke sind total unterversichert“, sagt Radioökologin Dr. Christine Frenzel vom Otto Hug Strahleninstitut.

Ihr zufolge versichern die großen Rückversicherer nur die Kraftwerksgebäude. Bei Schäden an Dritten sprängen die Versicherer dagegen nicht ein, da der Kostenumfang unabsehbar sei. „Eine Verstaatlichung von Tepco könnte als Signal der Regierung an die Bevölkerung verstanden werden: Wir sind für Euch da, wenn Entschädigungszahlungen anstehen“, sagt Frenzel.

Nach dem Tschernobyl-Unglück vor 25 Jahren blieb es außer Frage, wer die Opfer entschädigt: Der Staat. Denn in der Sowjetunion waren sowieso alle Betriebe staatlich. „Weißrussland hat vielen Tschernobyl-Opfern ihre Häuser und Wohnungen ersetzt, doch Weißrussland ist ein dünn besiedeltes Flächenland, Japan dagegen ein dicht besiedelter Staat“, sagt Frenzel. Daher sei unsicher, inwiefern eine Umsiedelung möglich sei.

Die Tokyo Electric Power Company (Tepco) wurde vor 50 Jahren als Energieversorger für den Großraum Tokio gegründet und ist seitdem zum größten Stromanbieter des Landes aufgestiegen. Mit knapp 45 Millionen Kunden versorgt das Unternehmen mehr als ein Drittel der japanischen Bevölkerung. In der Hauptstadtregion hält der Konzern ein Monopol für die Stromversorgung.

Auf seiner Website rühmt sich das Unternehmen für seine Beständigkeit in den Jahrzehnten des Wandels: Japans Wirtschaft sei in den Nachkriegszeit extrem gewachsen, habe zwei große Ölkrisen und das Platzen der Spekulationsblase durchgestanden – doch Tepco habe seine Kunden stets mit Elektrizität versorgt.

Doch dieses schöne Image passt schon seit Längerem nicht mehr zu Tepco: Kritiker vergleichen das Unternehmen mit seinen rund 38.000 Angestellten mit einer Behörde. Tepco gilt als eines der größten Auffangbecken für ausscheidende Ministerialbürokraten.

Konzernchef verschwindet im Nebenzimmer

Auch Konzernchef Masataka Shimizu machte zuletzt keine gute Figur. Kurz nach Beginn der Katastrophe am 11. März soll er sich aus der Einsatzzentrale am Tepco-Hauptsitz in ein Nebenzimmer zurückgezogen haben. Shimizu sei erschöpft gewesen, hieß es. „Tepco hat bislang ein miserables Bild abgegeben“, sagte Radioökologin Frenzel. „Schon einige Tage nachdem die ersten Schäden am Atomkraftwerk Fukushima bekannt waren, wurde von Tepco verharmlost und verschwiegen.“

Wie aus einem Bericht der Atomsicherheitsbehörde in Japan hervorging, kam es offenbar auch schon vor der Katastrophe bei Inspektionen in Fukushima zu massiven Unregelmäßigkeiten. Unter anderem sollen Teile des Kühlsystems und der Notstromgeneratoren nicht untersucht worden seien, die dann vom Tsunami beschädigt wurden und deren Ausfall zu den massiven Problemen in dem Kraftwerk führte.

„Tepco hat in den vergangenen Jahren ein langes Sündenregister aufgebaut“, sagt Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz. „Für unsere japanischen Freunde ist das Unternehmen ein rotes Tuch.“ Eine Verstaatlichung Tepcos wäre nach den Worten Pflugbeils nachvollziehbar.

Die Regierung habe Tepco wiederholt dafür kritisiert, dass sie nicht richtig informiert worden sei. „Fragen wie die Evakuierung von Menschen bedürfen einer engen Abstimmung zwischen Betreiber und Regierung. Mein Eindruck ist aber, dass das eher unsystematisch und konfus abläuft“, sagt Pflugbeil. „Die Komplexität der Thematik ist nur mit geballter Staatsmacht zu schaffen.“

Die Chancen, dass Tepco in seiner derzeitigen Aufstellung weiter besteht, sind also gering. Denkbar wäre auch eine Abspaltung des Atomgeschäfts von Tepco, das dann anschließend verstaatlicht werden könnte. „Es gibt keine andere Möglichkeit als Tepco zu verstaatlichen“, sagte ein Fondsmanager der Nachrichtenagentur Reuters. „Die Menschen sind sehr wütend auf das Unternehmen. Der Ärger wird nicht verfliegen wenn die Regierung nur Geld in das Unternehmen pumpt, aber das Management weiter machen lässt.“

Das Risiko, das das Unternehmen ohne Hilfe zusammenbricht, sei zu groß. Analysten zufolge muss Tepco monatlich mehr als eine Milliarde Dollar allein für alternative Energiequellen aufbringen, um den Ausfall seiner Reaktoren auszugleichen.