Tat von Lichtenberg

Entsetzen über eine Orgie der Gewalt

Ein Handwerker aus Berlin ist von Jugendlichen brutal zusammengeschlagen worden. Ein Zeuge soll dem Opfer noch die Jacke geklaut haben.

Die ungebändigte Brutalität, das junge Alter der Täter, die möglichen Folgen – die Tat weckt Erinnerungen an die tödliche Attacke auf den Geschäftsmann Dominik Brunner, der 2009 an einem Münchner S-Bahnhof tot geprügelt wurde.

Es war eine Tat mit Zeugen, die offenbar zusahen, ohne einzuschreiten. Sie ereignete sich am vergangenen Freitag um 23.50 Uhr am U-Bahnhof Lichtenberg in Berlin. Zwei Handwerker waren gerade auf dem Heimweg, als sie von einer Gruppe Jugendlicher zwischen 14 und 17 Jahren angegriffen wurden.

Einer der beiden konnte fliehen, auf den anderen, einen 30-jährigen Malergesellen, schlugen und traten die Täter solange ein, bis er bewusstlos und lebensbedrohlich verletzt am Boden liegenblieb. Der Mann liegt im Koma, sein Zustand ist lebensbedrohlich. Schwere Spätfolgen – sollte er jemals aufwachen – gelten als wahrscheinlich.

Erst am Dienstag, als die Täter, die von einer Überwachungskamera gefilmt worden waren, gefasst wurden, wurde die Tat bekannt. Inzwischen haben sie den Angriff gestanden. Eine Tötungsabsicht bestritten sie und gaben nach Informationen von Morgenpost Online an, durch das Rufen von "Sieg Heil“ provoziert worden zu sein. Für die Ermittler nichts weiter als eine abgesprochene Schutzbehauptung. Entsprechende Aussagen von Zeugen lägen nicht vor. Die vier Jugendlichen wurden gestern dem Haftrichter vorgeführt.

Zwei der beschuldigten Jugendlichen waren beziehungsweise sind Schüler einer Lichtenberger Gesamtschule. Jeffrey U. besuchte bis zu seiner Festnahme die neunte Klasse. Lehrer beschreiben ihn zwar als lebhafter als seine Mitschüler, er habe auch mehr gestört als sie, sei aber niemals durch Aggressivität aufgefallen. „Obwohl seine gesetzlich vorgeschriebene Schulzeit vorbei war, haben wir alles unternommen, um den Jungen zu helfen“, so Direktorin Petra Jäger. „Wir wollten, dass er mit einem Abschluss von der Schule geht, um eine Chance im Leben zu haben.“

Klassenkameraden und andere Schüler zeigten sich entsetzt ob der „Orgie der Gewalt“, wie sie es nannten. „Es gab immer wieder Anfragen der Jugendlichen, um über das Thema zu reden. Wir haben uns dann mit ihnen zusammengesetzt“, so die Schuldirektorin. Staatsanwaltschaft und Polizei äußerten großes Unverständnis darüber, dass sich mehrere Zeugen zur Tatzeit am Tatort befunden hatten, aber nur einer über die Notrufleitung Hilfe rief.

Nach Informationen von Morgenpost Online wird geprüft, ob im Falle einer Identifizierung dieser Zeugen der Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung in Frage kommt. „Der Senat muss Programme zur Förderung von Zivilcourage ins Leben rufen“, forderte der Berliner Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Bodo Pfalzgraf, als Konsequenz. Die Beamten ermitteln sogar gegen einen unbekannten Zeugen wegen Diebstahls, weil er dem bewusstlosen Malergesellen die Jacke stahl.

Die Anzahl der Delikte die von der Polizei unter der Bezeichnung Jugendgruppengewalt geführt werden, waren in Berlin zuletzt rückläufig. Dabei werden Taten wie Raub und Körperverletzung erhoben, die von mehreren minderjährigen Tätern begangen werden. Außerdem werden Bedrohungen, Verstöße gegen das Waffengesetz, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte sowie gemeinschaftliche Sachbeschädigungen erfasst.

Weniger gemeldete Fälle von Körperverletzung

Die Zahl der von Jugendgruppen verübten Körperverletzungen war 2009 um 13,1 Prozent auf 1062 Fälle gesunken. Im Jahr zuvor hatte es noch 1222 Fälle gegeben. Noch stärker rückläufig – um 23,5 Prozent auf 1618 Fälle – war die Anzahl von Raubtaten in diesem Zeitraum zurückgegangen.

Verlässliche Daten speziell zu Straftaten zur Jugendgruppengewalt erhebt die Polizei seit 2008. Die Zahlen für 2010 werden voraussichtlich im März vorgelegt. Die polizeiliche Kriminalstatistik weist auch für den Bereich Jugendkriminalität insgesamt eine Abnahme der von Tatverdächtigen unter 21 Jahren aus.

Laut Polizei waren zuletzt 31.167 Tatverdächtige unter 21 Jahren mit dem Gesetzt in Konflikt geraten, ein Rückgang von 694 oder 2,2 Prozent. In der Altersgruppe von 14 bis 17 Jahren, zu denen die brutalen Schläger von Lichtenberg gehören, traten 12.598 Tatverdächtige im Jahr 2009 in Erscheinung. Hier belief sich der Rückgang sogar auf 5,5 Prozent. Gleichzeitig verweisen Experten jedoch auf die Zunahme der Gewaltbereitschaft und Brutalität, auch bei Straftaten von Jugendlichen.

Jüngstes Beispiel: In der Nacht zu Mittwoch wurde ein Busfahrer in Berlin-Reinickendorf von einem 26-jährigen Autofahrer massiv mit einem Baseballschläger bedroht. Der banale Anlass: Der Fahrer der Linie 122 war an einer Haltestelle am Wilhelmsruher Damm just in dem Moment angefahren, als der 26-Jährige überholen wollte. Wutentbrannt verfolgte der Mann den Bus bis zur Endhaltestelle und drohte dort an, die Scheiben einzuschlagen, wenn der Fahrer nicht öffnen würde.

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