Atomkatastrophe

Plutonium tritt aus Fukushima aus

Der Katastrophen-Reaktor von Fukushima ist außer Kontrolle: Es trete weiter Plutonium aus, heißt es aus Behördenkreisen; das Super-Gift versickert im Erdreich. Radioaktive Partikel aus Japan sind inzwischen bis in die USA, nach China und auf die Philippinen getragen worden.

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Japanische Atomaufsicht vermeldet Schäden an Brennstäben der Reaktoren 1 und 3 des havarierten AKW.

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Aus dem beschädigten japanischen Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi tritt offenbar weiterhin hochgiftiges Plutonium aus. Das radioaktive Material sickere ins Erdreich ein, hieß es am Dienstag aus Behördenkreisen. Nach Angaben des Kraftwerksbetreibers Tepco wurde an mehreren Stellen außerhalb des Meilers Plutonium entdeckt. Die Dosierung sei jedoch, so das Energieunternehmen, für Menschen angeblich nicht gefährlich. Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan sprach mit Blick auf das Reaktorunglück und die Schäden durch das Erdbeben und den Tsunami im Osten des Landes von der „schwersten Krise Japans“ seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Lage bleibe „unvorhersehbar“, sagte der Regierungschef. Er wies Kritik der Opposition zurück, sein Hubschrauberflug über das Atomkraftwerk kurz nach Beginn der Krise habe möglicherweise den Katastropheneinsatz des Betreibers Tepco behindert.

Das bisher in Fukushima nachgewiesene Plutonium stammt laut Tepco von Brennstäben der Anlage, die bei dem Erdbeben am 11. März schwer beschädigt wurde. Aus welchem Block genau, war aber zunächst nicht bekannt. Tepco kündigte an, weitere Bodenproben nehmen zu wollen. Die Nachricht vom Plutoniumleck führte an der Börse in Tokio zu Kursverlusten. In Regierungskreisen wird nun eine Verstaatlichung des Betreibers der Atomruine erwogen. Das sei eine Option, sagte Koichiro Gemba, Minister für die nationale Politik, laut Bericht der Nachrichtenagentur Kyodo. Hintergrund ist, dass auf den Betreiber der Atomruine gewaltige Entschädigungszahlungen an die Opfer zukommen dürften. Dazu passte ein Bericht der Tageszeitung „Yomiuri“, in dem es hieß, das japanische Kabinett erwäge eine vorübergehende Verstaatlichung von Tepco. Dies wurde aber später von Edano und Tepco-Vertretern dementiert. Der Kurs der Tepco-Aktie gab aber am Dienstag an der Börse in Tokio um fast 20 Prozent nach.

Derweil kämpfen die Arbeiter in der Atomruine in Fukushima weiter gegen einen Super-GAU. Das Wasser in den Turbinenhäusern der Reaktoren macht die Arbeit lebensgefährlich. Es stand zeitweise bis zu einem Meter hoch in den Turbinenhäusern aller vier Reaktorblöcke von Fukushima Eins. Es ist jedoch unterschiedlich stark belastet. Nun wird versucht, das radioaktiv verseuchte Wasser aus den Turbinengebäuden der Reaktoren 1 bis 3 abzupumpen. Erst wenn das Wasser beseitigt ist, können die Männer versuchen, die dringend nötigen Kühlsysteme wieder in Gang zu bringen. Arbeiter schichteten außerhalb der Gebäude Sandsäcke auf, um zu verhindern, dass das radioaktive Wasser im Erdboden versickert.

Die Regierung hatte zuvor eingeräumt, dass im Reaktor 2 in den vergangenen zwei Wochen vermutlich eine Kernschmelze eingesetzt hatte. Man glaube aber, dass der Prozess mittlerweile gestoppt sei. Was genau in dem Problem-Meiler abläuft, ist immer noch unklar.

Wegen einer hohen Strahlenbelastung im Wasser an Block 2 hatten die Helfer die Wassermenge verringert, die zur Kühlung auf den Reaktorblock gesprüht wurde. Deshalb könnte die Temperatur im Innern wieder ansteigen. Derzeit werden die Geräte überprüft, die zur Wiederherstellung der Kühlsysteme in den Reaktoren notwendig seien. Der Chef der US-Atomregulierungsbehörde (NRC), Gregory Jaczko, sprach nach einem Treffen mit japanischen Regierungskollegen und Atomexperten in Tokio von einer „anhaltend ernsten Herausforderung“. Die NRC und das US-Energieministerium haben Dutzende Fachleute nach Japan geschickt, um die Lage einzuschätzen und Experten vor Ort zu beraten.

Das 1940 entdeckte und nach dem Planeten Pluto benannte silberweiße Plutonium gilt als einer der gefährlichsten Stoffe der Welt. Es ist ein radioaktives Schwermetall, das in Atomkraftwerken beim Abbrennen von uranhaltigen Brennelementen entsteht. Wegen der starken Alpha-Strahlung zählt es zu den giftigsten radioaktiven Stoffen. Schon wenige Mikrogramm Plutonium wirken tödlich. Der Stoff lagert sich in den Knochen ab, schädigt das Erbgut, zerstört Zellen, erzeugt Krebs. Das Einatmen von Plutonium-Staub kann Lungenkrebs hervorrufen. Bei einer biologischen Halbwertszeit von 40 Jahren in der Leber, beziehungsweise 100 Jahren in den Knochen wird es praktisch nicht mehr zu Lebzeiten ausgeschieden.

Plutonium kommt in der Natur nur in Spuren in Uranmineralen vor. Im Periodensystem der Elemente hat es die Nummer 94 und das Zeichen Pu. Es sind verschiedene Plutonium-Isotope (Varianten mit verschiedenen Neutronenzahlen im Atomkern) bekannt. Plutonium und das ebenfalls spaltbare Uran bilden die Grundstoffe zum Bau von Atombomben und sind Spaltstoffe für bestimmte Kernreaktoren. Plutonium-239 wird in größeren Mengen in Brutreaktoren erzeugt. Bei dem wichtigsten Plutonium-Isotop Pu 239 beträgt die Halbwertszeit, der Zeitraum in welchem die radioaktive Strahlung um die Hälfte abnimmt, 24.110 Jahre.

Im Nordosten der USA sind im Regenwasser Spuren von Radioaktivität entdeckt worden. Nach solchen Funden in den US-Bundesstaaten Massachusetts und Pennsylvania wurden nach Behördenangaben am Montag auch in Ohio erhöhte Strahlungswerte in Regenwasser nachgewiesen. Auch auf den Philippinen und in China sind radioaktive Partikel aus Japan angekommen. „Die Strahlenbelastung ist sehr niedrig und stellt keine Gefahr für die Gesundheit dar“, teilte das philippinische Kernforschungsinstitut PNRI mit. Es seien sehr kleine Mengen radioaktiver Isotope gemessen worden, die offenbar aus Fukushima stammten. Die Philippinen liegen mehr als 3000 Kilometer südwestlich von Japan.