Zwei Mädchen erstochen

Der rätselhafte Doppelmord von Krailling

Nach dem Mord an zwei Mädchen in Bayern wurden die Leichen obduziert. Einen sexuellen Hintergrund schließt die Polizei aus – und sie rätselt, wer der Täter sein könnte.

Der Mord an den beiden Mädchen im bayerischen Krailling bleibt mysteriös. Weder gibt es einen konkreten Tatverdacht noch eine heiße Spur. Chiara (8) und Sharon (11) waren am 24. März 2011 frühmorgens von ihrer Mutter und deren Lebensgefährten gefunden worden.

Nach der Obduktion der Leichen im Institut für Rechtsmedizin steht fest, dass die Mädchen eines gewaltsamen Todes gestorben und ermordet worden sind, teilte Oberstaatsanwältin Andrea Titz von der Staatsanwaltschaft München II mit. Eine eigens eingerichtete Sonderkommission mit Namen „Margarete“ – benannt nach der Straße in Krailling – ermittle derzeit „ in alle Richtungen“, so Titz.

Markus Kraus, Sprecher der Mordkommission, bestätigte, dass 30 Vernehmungen durchgeführt worden seien. Verhört wurden unter anderem die Mutter der Mädchen, Annette S., ihr Lebensgefährte und ihr geschiedener Mann und Vater der Kinder. Nach den bisherigen Ermittlungen hatte Annette S. die Kraillinger Wohnung um 22.30 Uhr verlassen.

Sie arbeitete in der Kneipe „Schabernack“, die ihrem Lebensgefährten gehört, knapp 100 Meter von ihrer Wohnung entfernt. Als S. gegen 4.40 Uhr mit ihrem Lebensgefährten nach Hause zurückkehrte, fand sie die beiden Mädchen „leblos“ in der Wohnung, ihr Lebensgefährte rief daraufhin die Polizei. Die Beamten kümmerten sich um die Mädchen, versuchten sie zu reanimieren, bis der Notarzt kam. Der konnte nur noch den Tod feststellen.

Die Mädchen wurden mit einem Messer getötet

Chiara und Sharon sind eindeutig Opfer eines Verbrechens geworden, sagte Oberstaatsanwältin Titz. Anhaltspunkte für einen sexuellen Hintergrund der Tat gebe es nach der Obduktion nicht. Die beiden Mädchen seien unter anderem mit einem Messer und durch „stumpfe Schläge“ getötet worden. Ob das Messer am Tatort aus der Wohnung stammt und ob der Täter sich möglicherweise ausgekannt hat, wollte die Staatsanwaltschaft nicht mitteilen.

Einbruchspuren wurden keine festgestellt, allerdings, so Mordkommissionssprecher Kraus, war die Haustür, die gleichzeitig auch die Wohnungstür ist, ohne Weiteres zugänglich: Annette S. hatte wie immer, wenn sie arbeiten ging und die Kinder zuhause blieben, nicht abgesperrt – angeblich, damit Chiara und Sharon im Brandfall fliehen könnten. „Sie müssen nur den Drehknopf der Tür betätigen, dann sind Sie drin“, so Kraus. Dies machte sich der Täter ganz offenbar zunutze.

Nur wer bringt zwei arg- und wehrlose Kinder auf so brutale Weise um? Und vor allem: Warum?

Angeblich war die familiäre Situation von Annette S. – auch nach Einschätzung von Bekannten und Nachbarn – intakt: Zum geschiedenen Ehemann und Vater der Mädchen hatte sie demnach ein entspanntes Verhältnis. Auch das Verhältnis zu ihrem momentanen Lebensgefährten war in Ordnung.

Auf die Frage, ob eine Beziehungstat auszuschließen sei, antwortete Titz jedoch ebenso ausweichend wie Kraus. „Wenn es stimmt“, dass der Ex-Ehemann sich wie verschiedentlich berichtet, zum Tatzeitpunkt nicht in München, sondern in Hamburg aufgehalten habe, scheide er als Täter „natürlich“ aus.

Erinnerungen an ein ähnlich grausiges Verbrechen

Neben dem unmittelbaren Umfeld konzentrieren sich die Ermittlungen auf die gut 50 Gäste, die sich am Abend im „Schabernack“ aufgehalten haben. Und auch die unguten Erinnerungen an ein ähnlich gelagertes, furchtbares Verbrechen kommen wieder hoch.

Am Faschingsdienstag 2002 war ein junger Mann, angetan mit einer Totenkopfmaske, in das Zimmer der damals zwölf Jahre alten Vanessa aus Gesthofen bei Augsburg eingestiegen und hatte das Mädchen erstochen. Der Täter sagte später vor Gericht, seine Tat sei nicht geplant gewesen, er habe Vanessa „nur erschrecken wollen“. Als sie aufwachte, habe er „aus Angst“ zugestochen.

Auch ein solches Verbrechen kann im Fall Krailling derzeit nicht ausgeschlossen werden. Die Polizei sucht deshalb Zeugen, die in der Mordnacht Verdächtiges wahrgenommen haben. Das Bayerische Landeskriminalamt hat für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, eine Belohnung von 5000 Euro ausgesetzt.