Radioaktivität

1250-fach erhöhter Wert um AKW Fukushima 1

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Lage in Fukushima verschärft sich

Atombehörde: Strahlung stark gestiegen. Radioaktive Strahlung aus Japan auch in Deutschland nachgewiesen.

Video: Reuters
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Die Auswirkungen der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1 auf die Umwelt sind gravierender als angenommen. Im Meerwasser nahe des AKW liegt die Konzentration von radioaktivem Jod 131 um das 1250-fache über dem zulässigen Höchstwert.

Am havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima spitzt sich die Lage erneut zu: Reaktor 3 der Anlage ist möglicherweise beschädigt, die Folge könnte eine erheblich stärkere Verstrahlung sein als bislang angenommen. In Block 3 von Fukushima „könnte etwas beschädigt worden sein“, sagte Hidehiko Nishiyama von der japanischen Atomaufsicht NISA. Sollte tatsächlich der Reaktorkern betroffen sein, könnte die Radioaktivität in der Umgebung des Kraftwerks deutlich ansteigen. Die wahrscheinlichste Folge wäre eine Kontamination des Grundwassers.

In Meerwasser außerhalb eines der sechs Blocks von Fukushima sei um das 1.250-fache erhöhte Radioaktivität gemessen worden, sagte Nishiyama. Grund sei vermutlich sowohl in die Luft abgegebene Radioaktivität als auch der Austritt von kontaminiertem Wasser. Die Probe wurde laut der Atomsicherheitsbehörde vom Akw-Betreiber Tepco einige hundert Meter von der Anlage entfernt im Pazifik entnommen. Ein Sprecher der Behörde sagte, die Konzentration sei „relativ hoch“. Würde ein Mensch einen halben Liter Wasser mit einer solchen Jodkonzentration trinken, dann hätte er auf einen Schlag die Menge an radioaktivem Jod zu sich genommen, die er in einem Jahr aufnehmen könne.

Die Auswirkungen auf die Umwelt seien aber vergleichsweise gering, sagte der Sprecher weiter. Das radioaktive Material werde sich im Meerwasser verteilen. Die Konzentration müsste deutlich höher sein, um von Algen oder Meerestieren aufgenommen zu werden. Zudem betrage die Halbwertszeit von Jod 131 lediglich acht Tage.

Pfützen mit 10.000-facher Strahlung

Am Dienstag hatte der Wert bei Messungen noch um das knapp 127-fache über der zulässigen Grenze gelegen. Daraufhin hatten die Behörden eine Verschärfung der Kontrollen von gefangenem Fisch und Meeresfrüchten an der Küste angeordnet. Am Donnerstag lag der Wert laut Tepco das 145-fache über dem Grenzwert.

Bei dem Akw an der Nordostküste Japans waren nach der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vom 11. März die Kühlsysteme mehrerer Reaktoren ausgefallen. Bei mehreren Explosionen und Bränden wurden große Mengen Radioaktivität freigesetzt. Die Lage ist noch immer nicht unter Kontrolle, das Ausmaß der Katastrophe nicht absehbar. Betreiber und Behörden versuchen, die Reaktoren von außen mit Wasser zu kühlen und die Kühlsysteme wieder in Gang zu bringen. Austretende Radioaktivität behindert die Arbeiten aber immer wieder.

Wie ein Sprecher der Atomsicherheitsbehörde sagte, wurde inzwischen auch im Keller des Turbinengebäudes von Reaktor 1 stark radioaktiv verseuchtes Wasser entdeckt. Es sei noch unklar, woher genau das Wasser stamme. Möglicherweise sei aber Wasser aus dem Reaktorgehäuse über ein beschädigtes Rohr oder Ventil zwischen Reaktor und Turbinengebäude ausgetreten.

In den Gebäuden von drei der sechs Reaktoren des AKW Fukushima steht radioaktiv verseuchtes Wasser. Am Donnerstag waren drei Techniker, die sich um die Kühlung des heißgelaufenen Reaktors Nummer drei bemühten, verstrahlt worden. Sie waren mit Wasser mit einer um das 10.000-fache erhöhten Strahlung in Berührung gekommen.

Ein Vertreter der Atomsicherheitsbehörde sagte, es werde versucht, das Wasser auf sichere Weise aus den Reaktorgebäuden zu bekommen. Es gebe keine Hinweise auf Risse am Reaktor drei. Dieser ist der einzige Fukushima-Reaktoren, der auch das besonders giftige Plutonium als Brennstoff verwendet.

Atom-Experten der Umweltschutzorganisation Greenpeace begannen am Samstag damit, in der Umgebung des Atomkraftwerks eigene Messungen vorzunehmen. „Wir sind nach Fukushima gekommen, um die Auswirkungen der Krise festzuhalten und unabhängige Erkenntnisse über die radioaktive Verseuchung zu ermöglichen“, erklärte Greenpeace-Atomexperte Jan van de Putte. Mit den eigenen Messungen solle eine Alternative zu den häufig „widersprüchlichen“ Angaben der Behörden geschaffen werden.

Behörden in Tokio verteilen Mineralwasserflaschen

In der Hauptstadt Tokio lag der Strahlungswert bei Leitungswasser doppelt so hoch wie der von der Regierung vorgegebene Grenzwert für Kleinkinder. Einwohner kauften massenweise Mineralwasserflaschen. Behördenvertreter verteilten Mineralwasser an Familien mit Babys.

Nach Polizeiangaben waren am Samstag 10.151 Todesopfer bestätigt, mehr als 17.000 Menschen wurden noch vermisst. Letztlich rechnen die Behörden mit mehr als 18.000 Toten wegen des Erdbebens und des nachfolgenden Tsunamis am 11. März. An der Nordküste Japans haben hunderttausende Menschen, deren Häuser zerstört wurden, noch immer keinen Strom und keine warmen Mahlzeiten.

( AFP/AP/toto )