Japan-Krise

Tokioter Luxushotels nehmen Obdachlose auf

Weltweite Strahlenangst: Während sich in Fukushima die Lage zuspitzt, werden in Frankreich innerhalb von Tagen so viele Geigerzähler verkauft wie sonst in sechs Jahren.

Es war früher Nachmittag, als in Fukushima plötzlich die Arbeit gestoppt werden musste. Diesmal in den Reaktoren 1 und 2. Einen Tag vorher wurden die Arbeiten in Block 3 unterbrochen, als drei Männer in radioaktives Wasser traten und verletzt ins Krankenhaus gebracht werden mussten – ein Umstand, für den ihnen der Stromkonzern Tepco gleich eine Mitschuld gab.

Die Arbeiter hätten Strahlenzähler bei sich getragen, den ausgelösten Alarm hätten sie aber ignoriert. Nun ist also auch in den Reaktoren 1 und 2 belastetes Wasser aufgetaucht – mit einer Radioaktivität von 3,9 Millionen Becquerel pro Kubikzentimeter. Das ist 10.000 Mal so viel wie üblich bei Wasser im Turbinengebäude des Siedereaktors.

Ein Luxushotel für Obdachlose

Die Not zur Tugend gemacht, so kann man das nennen. Denn viele zahlende Gäste wird das Luxushotel "Akasaka“ momentan nicht erwarten. Die Flüge nach Tokio sind so gut wie leer. Also können nun einige von Hunderttausenden Obdachlosen einziehen.

Das 40-stöckige Hotel soll in diesem Jahr ohnehin abgerissen werden. Nun erfüllt es noch schnell einen guten Zweck. 1600 Opfer der Naturkatastrophe können in den 700 Zimmern des Hauses wohnen. Auch drei andere große Hotels in der japanischen Hauptstadt öffneten sich bereits für fast 600 Flüchtlinge aus dem Katastrophengebiet im Nordosten des Landes.

Besorgniserregende Strahlung

Die Strahlenwerte, die im weiten Umfeld von Fukushima gemessen wurden, nehmen mittlerweile besorgniserregende Ausmaße an. Wegen der stark erhöhten Radioaktivität rings um das Atomkraftwerk schließt Tepco nicht mehr aus, dass ein Reaktordruckbehälter in Block 3 beschädigt sein könnte.

Auf der Internetseite der japanischen Atomaufsicht Nisa ist zu lesen, dass in 40 Kilometer Entfernung zu den Reaktoren eine Cäsium-137-Belastung von 163.000 Becquerel je Kilogramm Erde gemessen wurde. Dieser Wert ist nach Einschätzung des Münchner Strahlenbiologen Professor Edmund Lengfelder, des Leiters des Münchner Otto-Hug-Strahleninstituts, hoch.

Die gemessenen Radionuklide, zu denen auch Cäsium gehört, seien bisher vor allem an der Oberfläche konzentriert. Erdproben würden aber normalerweise bis in etwa zehn Zentimeter Tiefe ausgestochen, wodurch die an der Oberfläche herrschende Belastung relativiert werden könne.

Geigerzähler in Frankreich begehrt

Von wegen German Angst. Auch unsere Nachbarn schlagen sich ganz gut in den Disziplinen Alarmismus und Hysterie. In Frankreich gab es einen Run auf Geigerzähler, in mehreren großen Versandhäusern seien die Geräte zur Strahlenmessung ausverkauft, berichtete die Zeitung " Le Parisien" .

Innerhalb von zwei Tagen habe er so viele Geigerzähler verkauft wie sonst in sechs Jahren nicht, sagte Olivier Martimort, Inhaber eines Spezialunternehmens. Gründe könnten in der Geschichte liegen: Frankreich hatte 1986 nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl bewusst die Fehlinformation verbreiten lassen, das Land bleibe von der radioaktiven Wolke aus der Ukraine verschont. Erst viel später gestand die Regierung ein, dass das Land sehr wohl betroffen war.

Stresstests für AKW

Die Staaten der Europäischen Union wollen als Folge der Nuklearkatastrophe die Sicherheit ihrer Kernkraftwerke testen. Die Meiler sollen in den kommenden Monaten durch sogenannte Stresstests überprüft werden, wie EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy ankündigte. „Das ist ein wichtiger und aus meiner Sicht notwendiger Schritt“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel.