Gewaltverbrechen

Der rätselhafte Tod zweier kleiner Mädchen

Im bayerischen Krailling sind zwei Mädchen tot aufgefunden worden – von ihrer Mutter. Die Hintergründe bleiben mysteriös.

Es ist eines jener Verbrechen, für die man immer nur die gleichen Worte finden kann: Schlimm. Entsetzlich. Unfassbar. Man hat sie so oft gehört und gelesen, dass sie abgegriffen klingen, aber jetzt denkt daran in Krailling niemand. „Schlimm“, heißt es immer wieder. „Für die zwei kann man nur beten“, sagen zwei ältere Herrschaften, die sich Tränen aus den Augenwinkeln wischen. „In 30 Jahren, die ich jetzt hier wohne, habe ich so etwas nicht erlebt“, sagt ein anderer Anwohner. Der Schock über das Geschehene steht den Menschen ins Gesicht geschrieben.

Was war passiert vor den Toren Münchens? Als die zweifache Mutter Anette S. um fünf Uhr morgens von der Arbeit aus einem rund 150 Meter entfernten Musiklokal in der Margaretenstraße von Krailling nach Hause kommt, will sie, wie jeden Abend noch nach den Kindern schauen. Sie sind es gewohnt, abends allein daheim zu bleiben, während die Mutter arbeitet. Dann der Schock: Sie findet die leblosen Körper ihrer acht und elf Jahre alten Töchter, die in getrennten Zimmern schliefen. Sofort ruft sie den Notarzt. Doch der kann nur mehr ihren Tod feststellen. Die Ermittler gehen von einem „zweifachen Tötungsdelikt“ aus, wie es ein Polizeisprecher formuliert.

Einmal mehr ist die vermeintlich idyllische Provinz Schauplatz eines grausamen Verbrechens. Krailling, 8000 Einwohner, zwischen München und Starnberg gelegen, viel Grün, eine beliebte Wohngegend. Durch das Städtchen plätschert die Würm, ein 35 Kilometer langer Nebenfluss von Isar und Amper.

Es sind 15 Grad, die Sonne scheint, kaum Wolken am Himmel, es herrscht schönstes Frühlingswetter. Die friedlich anmutende Margaretenkirche mit ihrem Zwiebeltürmchen ist nur einen Steinwurf entfernt. Oberbayern wie aus dem Bilderbuch. Doch an diesem Tag wird das schöne Bild hinweggefegt.

„Wird hier ein Film gedreht?“, fragt eine Passantin, als sie die vielen TV-Kameras erblickt. Hinter rot-weißen Absperrbändern stehen Polizisten. Die meisten von ihnen tragen Uniform, einige auch weiße Overalls. Soeben haben sie die Wohnung über einer Änderungsschneiderei in dem ockerfarbenen Haus auf Spuren untersucht, an der Haustür im Erdgeschoss werden noch Fingerabdrücke gesammelt. Wie so viele andere Anwohner auch kann die Dame mittleren Alters gar nicht glauben, was hier vor kurzer Zeit geschehen ist.

Gegen halb sechs hatte Hubschrauberlärm die Nachbarn geweckt, wenige Stunden später wurden die Leichen der Mädchen von einem Bestattungswagen abtransportiert und in die Rechtsmedizin gefahren. Zu Spekulationen, dass eines der Kinder bei der Rückkehr der Mutter noch gelebt habe, sagte der Polizeisprecher: „Das kann ich nicht bestätigen.“ Auch die Münchner Oberstaatsanwältin Andrea Titz wollte vor der Obduktion keine näheren Angaben machen.

Etwas auskunftsfreudiger zeigte sich ein Herr, der über dem Musiklokal in der Nähe wohnt. Es heißt „Schabernack“, ist bei den Kraillingern vor allem im Sommer wegen seines von mächtigen Kastanien beschatteten Biergartens beliebt. Der Betreiber, Klaus-Rüdiger P., ist der Lebensgefährte von Anette S. Die 41-Jährige ist geschieden, lebte mit ihren Töchtern Sharon, 11, und Chiara, 8, allein in Krailling. „Sie ist eine sehr sympathische Frau“, sagt er. Und engagiert: Gerade in den letzten Tagen, nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima, rief sie über Facebook immer wieder zu einem Ausstieg aus der Atomenergie auf. Eine Mutter, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgte.

Anette S., erzählt der Hausbewohner, habe in dem Lokal öfters ausgeholfen, so auch in der letzten Nacht, als dort eine private Feier stattfand. „Ich bin so um zwölf in der Gaststätte gewesen und habe sie da gesehen.“ Über die Kinder sagt er: „Das waren richtig Nette, wie man sie sich wünscht.“ Sharon, die Ältere, besuchte das Kurt-Huber-Gymnasium im benachbarten Gräfelfing. Wie auch andere Nachbarn berichten, habe die Mutter ein gutes Verhältnis zu ihren Töchtern gehabt. Keine Familie also, bei der abends die Türen knallten.

Der Vater der Kinder, ein Münchner Kunstschreiner, sei regelmäßig zu Besuch gewesen und habe sich offenbar ganz normal um die Elf- und Achtjährige gekümmert. Das Verhältnis zwischen Mutter und Vater sei freundschaftlich gewesen. „Wir haben definitiv keinen Tatverdacht gegen den Vater“, erläutert Oberstaatsanwältin Titz, nachdem Spekulationen zunächst darauf hindeuteten, der Vater der Kinder habe etwas mit dem Verbrechen zu tun. Ein Familiendrama scheint demnach als Tatmotiv auszuscheiden.

Der Fall blieb rätselhaft. Denn in der Wohnung fanden sich offenbar keine Einbruchsspuren. Haben die Mädchen ihrem Mörder selbst die Tür geöffnet? Wie die Kinder ums Leben kamen, war ebenso unklar. Die Staatsanwaltschaft verwies wiederholt auf die Obduktionsergebnisse. Gegen Mittag legte sich die erste Aufregung um den Tatort, die Fernsehleute packen ihre Ausrüstung zusammen, die Polizei zog ab.

Nur zwei Beamte vor dem Haus und zwei in einem in der Nähe geparkten Wagen halten Wache. Fragen dürfen sie keine beantworten. Bis die Obduktionsergebnisse bekannt werden, müssen sich auch die Nachbarn noch gedulden, bis sie erfahren, was sich im Haus neben ihnen zugetragen hat. Ob sie eine Antwort auf das „Warum?“ bekommen, ist fraglich.