Staatsanwaltschaft Osnabrück

Vier Jungen nach Missbrauch auf Ameland angeklagt

Ameland und die Folgen: Die Staatsanwaltschaft Osnabrück klagt vier Jugendliche wegen sexueller Nötigung und gefährliche Körperverletzung an.

Das "Haus Silbermöwe" ist ein altes Bauernhaus auf der niederländischen Nordseeinsel Ameland. Genutzt wird es für Freizeiten. Der Name klingt nach Idylle, nach unbeschwerten Ferienfreuden am Sandstrand unter Sommersonne. Für acht Jungen im Alter von 13 und 14 Jahren war der zweiwöchige Urlaub dort im vergangenen Sommer ein erniedrigender Albtraum. Sie wurden von älteren Kameraden gepackt, festgehalten, auf den Bauch gelegt. Unter Johlen zogen ihre Mitbewohner ihnen Hose und Unterhose herunter, sprühten Sonnencreme auf den Po und klemmten die Stiele von Handfegern oder Flaschenhälse zwischen die Pobacken. Das alles innerhalb von Minuten am helllichten Tag, wenn die Betreuer nicht da waren.

Schnell wurden die Vorfälle nach der Rückkehr der Jugendgruppe des Stadtsportbundes Osnabrück bekannt. Medien aus ganz Deutschland berichteten wochenlang über die Vorfälle. Jetzt sind drei Jugendliche im Alter von 15 und einer im Alter von 16 Jahren der gemeinschaftlichen sexuellen Nötigung und der gefährlichen Körperverletzung angeklagt.

Es gab wohl viel mehr Übergriffe als aufgeklärt wurden, sagt der Osnabrücker Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer am Freitag. Aber die Ermittlungen seien schwierig gewesen. In vielen Fällen hätten sich die Zeugen untereinander widersprochen. „Wir haben die Fälle angeklagt, die wir vernünftig ausermitteln konnten“, betont er. In sieben weiteren Fällen mussten die Ermittler der Polizei kapitulieren und stellten ihre Arbeit ein. Tatnachweise fehlten. In sechs Fällen wurden die Ermittlungen unter Auflagen oder nach Ermahnungen eingestellt.

Drei der Opfer sind im Laufe der Ferien selber zu Tätern geworden. Es habe sich um „hierarchische Kämpfe“ gehandelt, die irgendwie auch typisch für Lager mit Jugendlichen seien, sagt Retemeyer. Kissenschlachten im Schlafsaal, Ringkämpfe, das berühmt-berüchtigte „Nippeldrehen“ – solche Dinge passieren unter pubertierenden Jugendlichen. Dinge zu tun, die man normalerweise nicht tun darf, mache auch den Reiz einer Ferienfreizeit aus. Dass aber hier eine Grenze überschritten wurde, sei wohl keinem der mutmaßlichen Täter wirklich bewusst gewesen, meint Retemeyer. „Sie hatten mit Sicherheit keine Vorstellung, was sie mit ihren Taten ausgelöst haben.“ Die Jugendlichen seien heute erschrocken und zerknirscht.

Die Begriffe, die die Jugendlichen verwendet haben, stammen aus der Sado-Maso-Szene. Die Gruppe, von der die Übergriffe ausgingen, nannte sich die „Analindianer von der Fistprärie“. „Sicherlich hatten sie überhaupt keine Vorstellung davon, was dieses „Fisten“ sein könnte“, sagt der Oberstaatsanwalt. Anscheinend hatte sich der „harte Kern“ der Jugendlichen schon vor Beginn der Ferienfreizeit zusammengefunden. Eigentlich hätten sie auch gar nicht mehr in die Altersgruppe gepasst. „Sie sind nur auf intensiven Wunsch der Eltern hin mitgenommen worden“, sagt Retemeyer.

Was jetzt mit den Jugendlichen geschieht, muss die Große Jugendkammer des Landgerichts Osnabrück unter Ausschluss der Öffentlichkeit feststellen. Im Jugendstrafrecht stehe der Erziehungsgedanke im Vordergrund, betont der Oberstaatsanwalt. Bei niemandem hätten die Ermittler den Eindruck, dass er auch künftig Straftaten begehen könnte. Den Opfern sei professionelle Hilfe angeboten worden, was aber niemand genutzt habe.

Auch gegen neun Betreuer der Jugendgruppe wird derzeit wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt. Ob es bei ihnen auch zu Anklagen kommt, hat die Staatsanwaltschaft noch nicht entschieden.