Österreich

Die Wandlung der Natascha Kampusch

| Lesedauer: 6 Minuten
Karsten Kammholz

Foto: Christine Andorfer

Sie will nicht länger das Opfer sein. Seit Natascha Kampusch nach Jahren im Verlies in die Freiheit floh, sucht sie einem Platz im Leben. Nun meint sie ihn gefunden zu haben – ausgerechnet im Fernsehen und im Internet. Menschen, die sie kennen, haben Bedenken. Hat sie das Trauma schon überwunden?

Es hätte endlich ruhig werden können um Natascha Kampusch. Knapp 16 Monate nach ihrer spektakulären Flucht aus den Fängen ihres Peinigers Wolfgang Priklopil, der sie acht Jahre lang im Keller gefangen hielt, schien es fast so, als ob nun endlich Normalität in das Leben der 19-jährigen Österreicherin einkehren könnte. Vor vier Monaten sah das noch anders aus. Da hatten die Medien den ersten Jahrestag ihrer Flucht zum Anlass genommen, sich ausführlich ihrem neuen Leben zu widmen. Nicht alles, was geschrieben wurde, entsprach der Wahrheit. So wurde ihr etwa eine Beziehung angedichtet, die es nie gab.


Dann veröffentlichte Nataschas Mutter Brigitta Sirny-Kampusch ein Buch über das lange Bangen um die Tochter, über das sich Nataschas Vater laut beklagte. Kurz darauf sendete das österreichische Fernsehen ORF eine Reportage über Nataschas Kurztrip nach Barcelona. Danach war Ruhe.


Nun ist es Natascha Kampusch selbst, die dieser Atempause im Rummel um die eigene Person ein Ende setzt. Sie ist zurück in den Medien – in ganz neuer Rolle. Im österreichischen Privatfernsehsender Puls4 soll sie eine eigene Sendung bekommen. Kampuschs Medienaktivitäten haben sogar schon begonnen: Mit einer Videobotschaft begrüßt sie seit Mittwoch die Besucher ihres neuen Internetauftritts „Natascha's Welt“. Jede Woche will sie eine neue Botschaft via Internet aussenden.

Sie wolle aus der Rolle des passiven Medienobjekts heraustreten, so begründet Kampusch die überraschenden Geschäftigkeiten in eigener Sache. Sie ist in eine neue Rolle geschlüpft. Eine, mit der sie beweisen will, dass sie die volle Kontrolle über ihr Leben zurückhat. Und zum ersten Mal wird deutlich, in welche Richtung ihr neues Leben im Jahr zwei nach der Flucht gehen soll: in die Welt der steten öffentlichen Präsenz.

Das ehemalige Entführungsopfer zeigt sich auf seiner Internetseite mit neuen Bildern, viele darunter mit Mut zur Pose, und mit Fotos aus ihrem Privatleben: beim Bogenschießen, bei der Fahrstunde, auf besagter Barcelonareise. Bilder, die auch eine Botschaft übermitteln: Schaut her, ich bin erwachsen.


Wolfgang Brunner von der Medienagentur Diamond Age, die auch Kampuschs Auftritt im Internet (www.natascha-kampusch.at) entwickelt hat, sagt: „Frau Kampusch war in der Vergangenheit mit einer Reihe von unseriösen Berichten über ihre Person konfrontiert. Das ist mit ein Grund für sie, aktiv in das mediale Geschehen um ihre eigene Person einzugreifen.“


Sie werde auf ihrer Homepage über die von ihr unterstützten karitativen Projekte berichten, kündigt Brunner an. Erstmals spricht er auch über die Höhe der bisher in der Natascha-Kampusch-Foundation eingegangenen Spenden: „Es liegen 50.000 Euro auf einem gut verzinsten Konto, die für Hilfsaktionen verwendet werden sollen.“ Natascha Kampusch führe Gespräche mit einer Reihe von Hilfsorganisationen, unter anderem mit Amnesty International. Sie wolle mit dem Geld Projekte zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Kinder in Österreich aber auch in anderen Ländern unterstützen.


Sowohl die aufwendige Internetpräsenz als auch die eigene Fernsehsendung sind auf Kampuschs ausdrücklichen Wunsch hin entstanden. Im Februar, wenn der neue landesweit ausgestrahlte TV-Kanal Puls4 seinen Betrieb aufnimmt, soll zeitnah Kampuschs erste Sendung an den Start gehen. Sie werde Gespräche mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten führen, die dann zu einer prominenten Sendezeit im Abendprogramm im monatlichen Rhythmus oder öfter ausgestrahlt werden sollen.

Selbst Vertraute und Verwandte sind überrascht

Natascha Kampuschs Medienengagement hat selbst Verwandte und Vertraute überrascht. Ihr Vater Ludwig Koch sagt: „Nein, ich wusste davon nichts. Aber Natascha ist erwachsen genug, sich ihren Lebensweg nicht mehr von anderen Menschen bahnen zu lassen.“ Dass sie nun ins Moderatorenmetier einsteige, mache ihn stolz. „Ich glaube, dass Natascha nun den Zugang zu den richtigen Leuten gefunden hat, die es ehrlich mit ihr meinen.“ Aber Nataschas Vater hat auch Bedenken: „Sie ist zwar eine junge Frau, aber sie ist gleichzeitig auch noch ein Kind.“ Er fragt sich, ob das nicht zu früh kommt.

Auch Kampuschs Wendung hin zum Privatfernsehen hat manche Beobachter verwundert. Wann immer sich die junge Frau bislang auf das Fernsehen einließ, hielt der staatliche Sender ORF die Fäden in der Hand, genau genommen: der Journalist Christoph Feurstein.

Sein einfühlsames Interview mit Kampusch kurz nach ihrer Flucht ging um die Welt. Er war es auch, der ihr Leben in Freiheit weiter journalistisch begleitete – bis hin zur gemeinsamen Barcelonareise. Feurstein trifft Kampusch regelmäßig. Zuletzt haben sie sich vor einer Woche gesehen. Doch von ihren neuen Fernsehaktivitäten hatte sie ihm nichts erzählt. Der Journalist erfuhr es aus den Medien. Er sagt: „Ich war überrascht wie alle anderen auch.“ Feurstein hat Verständnis für ihre Entscheidung: „Sie wollte nie als Opfer betrachtet werden. Mit dieser Haltung tritt sie nun offensiv nach außen.“

Aber auch er äußert Zweifel an ihren neuen Wegen: „Es ist schwer in ihrer extremen Situation, Freunde zu finden. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr das Fernsehgeschäft dabei hilft. In diesem Business weiß man oft nicht, wer es gut mit einem meint und wer nicht.“

Während Natascha Kampusch nun an ihrer neuen Medienwelt bastelt und nebenbei im Blockunterricht den Hauptschulabschluss nachholt, scheinen sich die Konflikte ihrer Eltern ins Endlose zu ziehen. Brigitta Sirny-Kampusch und Ludwig Koch kommunizieren nur noch über ihre Anwälte. Am 22.Januar werden sie sich im Wiener Landesgericht wiedersehen. Ludwig Koch, der in Sirnys Buch durchweg als „der Koch“ bezeichnet wird, hat Klage wegen Rufschädigung eingereicht. Noch ein zweiter Prozess belastet Nataschas Umfeld. Der ehemalige Richter Martin Wabl glaubt beweisen zu können, dass Brigitta Sirny-Kampusch bei der Entführung ihrer Tochter 1998 als „Mittäterin“ eine Rolle spielte. Ob er das behaupten darf, soll ein Gericht entscheiden. Aussagen soll auch Natascha Kampusch.

Seine Theorien wird er in der kommenden Woche als Buch veröffentlichen. Auch das wird wohl ein Fall für die Anwälte.

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