Behandlungsfehler

So gefährlich sind Ärzte für ihre Patienten

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Philipp Neumann

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Bei Operationen an Hüften und Knien gibt es laut Statistik die meisten Probleme. Oft werden auch falsche Diagnosen gestellt.

Jeder macht Fehler, auch Ärzte. Erst jüngst hat ein Gericht in Göttingen eine Medizinerin zur Wiedergutmachung verurteilt. Sie hatte den Darmkrebs einer Patientin nicht erkannt und zunächst Psychotherapie und mehrere Medikamente gegen Schmerzen im Unterleib verschrieben. Erst fünf Monate später erfolgte die richtige Diagnose, sie kam aber zu spät. Nun muss die Hausärztin dem Witwer 70.000 Euro Schmerzensgeld zahlen und jeden Monat 650 Euro Unterhalt.

Der Fall ist einer von vielen. „Der typische Vorwurf von Patienten gegen ihren Hausarzt lautet, dass er sich zu lange selbst an der Behandlung versucht und zu spät an einen Facharzt überwiesen hat“, sagt Andreas Crusius, Präsident der Ärztekammer in Mecklenburg-Vorpommern. Crusius leitet das Gremium der Ärzteschaft, das sich mit Behandlungsfehlern beschäftigt. Gestern stellte die Bundesärztekammer die Daten für das Jahr 2009 vor.

Danach beschwerten sich im vergangenen Jahr 11.000 Patienten über ihre Behandlung, das waren so viele wie 2008. Doch in nur gut 7400 Fällen traf die angerufene Schlichtungsstelle dann auch eine Entscheidung, wovon wiederum gerade einmal ein Viertel zugunsten der Patienten ausging. In exakt 1771 Fällen konnten die von den Schlichtungsstellen beauftragten Gutachter nachweisen, dass Patienten durch eine falsche Behandlung zu Schaden kamen und ihnen deshalb eine finanzielle Entschädigung zusteht. Bei 91 Patienten führte die Behandlung zum Tod. Gemessen an den mehr als 400 Millionen Begegnungen, die es in jedem Jahr zwischen Ärzten und Patienten gibt, ist die Zahl der Behandlungsfehler verschwindend gering.

Die Zahlen der Bundesärztekammer sind allerdings nicht vollständig. „Die Statistik der Ärztekammer zeigt nur einen Ausschnitt“, sagt Matthias Schrappe, Direktor des Instituts für Patientensicherheit an der Universität Bonn. Es handele sich um Fälle, die vor ärztlichen Schiedsstellen landen: „Der größte Teil der Behandlungsfehler wird gar nicht aufgearbeitet.“ Viele Patienten würden ihrem Arzt trotz eines Fehlers weiter vertrauen. Schrappe lobte die Bundesärztekammer dafür, dass sie wenigstens ihre Daten veröffentlicht. Dies geschieht in diesem Jahr zum dritten Mal. Die Schlichtungsstellen der Ärztekammern gibt es seit 1975, sie sind aber häufig unbekannt.

Der Statistik der Bundesärztekammer zufolge passieren die meisten Behandlungsfehler bei Operationen und bei der Diagnose von Krankheiten. Am häufigsten seien Fehler bei Hüft- oder Knieoperationen. Auch bei chirurgischen Eingriffen nach Unterarm- und Unterschenkelbrüchen sowie nach Verletzungen am Sprunggelenk verlaufe nicht immer alles nach Plan. Während die Fehler in der Klinik oft bei der Operation geschehen, kommen sie in der Praxis bei der Diagnose vor. Dort werden etwa Röntgenaufnahmen entweder nicht gemacht oder falsch gedeutet. Bei der Gabe von Medikamenten geschehen ebenfalls Fehler, allerdings gibt es für diese Fälle keine bundesweit einheitlichen Statistiken.

Auch Krankenkassen registrieren Behandlungsfehler, allerdings nicht an zentraler Stelle. Nach den letzten Zahlen des AOK Bundesverbands klagten im Jahr 2008 rund 10.000 von 24 Millionen AOK-Versicherten über ihre Behandlung. Die Techniker Krankenkasse wiederum registrierte 2009 allein rund 3700 Fälle. Legt man den Marktanteil der Kasse von zehn Prozent zugrunde, müssten sich bundesweit insgesamt 37.000 Kassenversicherte falsch behandelt fühlen. Niemand weiß, ob und wie viele Fälle in den verschiedenen Statistiken doppelt gezählt werden. Über die Streitigkeiten, die Gerichte entscheiden, wird erst seit zwei Jahren Buch geführt.

Nach Einschätzung von Walter Schaffartzik, dem ärztlichen Leiter des Unfallkrankenhauses Berlin, hat sich die Einstellung der Mediziner zu ihren Fehlern in den vergangenen Jahren deutlich verändert: „Die Ärzte sprechen jetzt mit ihren Patienten über Fehler.“ Auch der CSU-Politiker Wolfgang Zöller, der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, glaubt an die Fähigkeit der Ärzte zur Selbstkritik. Er möchte deshalb erreichen, dass sie ihre eigenen Fehler bei einer zentralen Stelle anonym melden können. „Je mehr gemeldet wird, desto eher können Schwachstellen erkannt werden“, sagt Zöller und berichtet von Fällen, in denen Medikamente mit sehr ähnlichem Namen verwechselt wurden. Patienten sollen Fehler ebenfalls anonym melden. Das soll im Patientenrechtegesetz stehen, das Zöller vorbereitet.

Patientenschützer Schrappe schlägt vor, dass Krankenhäuser detailliertere Qualitätsberichte vorlegen sollen als heute, um mehr Hinweise auf Behandlungsfehler zu bekommen. Beispielsweise sollten Krankenhäuser Todesfälle bei Operationen veröffentlichen, bei denen normalerweise kein Patient stirbt. „Die Krankenhäuser müssen mehr Indikatoren veröffentlichen“, fordert Schrappe.