Monique van der Vorst

Die gelähmte Frau, die wieder laufen kann

| Lesedauer: 12 Minuten
Torsten Thissen

Ihr halbes Leben lang war die Niederländerin Monique van der Vorst gelähmt – bis die Spitzensportlerin nach einem Unfall die Beine wieder bewegen konnte. Sie erkämpfte sich ein Wunder.

Sie hat ihre Rollstühle noch nicht weggegeben, und auch ihre Handräder stehen noch in der Küche, eingepackt, ihr Trainingsrad, ihr Wettkampfrad für die langen Strecken und das für die schnellen, kurzen. In der Wohnung hängen auch noch die Fotos von ihr bei den großen Rennen, von den Paralympics in Peking, bei denen sie zwei Silbermedaillen gewann. Pokale stehen im Regal, Urkunden. Eine Magnumflasche Champagner hat sie sich von damals aufgehoben für eine besondere Gelegenheit.

Wenn man sie darauf anspricht, auf ihre Erfolge, wird sie rot. Wenn man sie fragt, ob sie stolz darauf ist, winkt sie bescheiden ab, nickt aber. Die Pokale sind staubfrei, wie die Bilder, wie die Handräder, wie die Rollstühle. Monique van der Vorst pflegt ihre Erinnerungen.

Käme man als einfacher Besucher zu van der Vorst, als jemand, der nichts von ihr weiß, würde man vermuten, dass noch jemand in ihrer Wohnung wohnt, ein Behinderter eben, denn Monique van der Vorst kann ja laufen. Sie läuft zur Wohnungstür, um Besucher einzulassen, in die Küche, um ein Glas Saft zu holen, und normalerweise würde man sie wohl auch unten vor dem Haus treffen an einem schönen Sonnentag wie diesem. Sie geht gerne in das Einkaufszentrum von Almesteen, am Rande von Amsterdam, schlendert durch die Passagen, bleibt an den Schaufenstern stehen, betrachtet ihr Spiegelbild. Sie ist nicht behindert. Das ist seltsam für sie.

Wenn man aber genau hinsieht, fällt auf, dass irgendetwas an ihrem Gang nicht stimmt. Sie bewegt sich zu vorsichtig, setzt ein bisschen zu langsam einen Fuß vor den anderen, zumal sie offensichtlich eine Athletin ist, ihr Körper trainiert. Es ist wie bei Leuten, die selten rauchen oder gerade erst anfangen: Man sieht einfach, dass es ungewohnt für sie ist, die Zigarette zu halten, am Filter zu ziehen, auch wenn sie sich sehr darum bemühen, es ganz natürlich aussehen zu lassen, es wirkt unbeholfen. Und manchmal müssen sie auch husten.

Jeder Schritt, den Monique van der Vorst tut, schmerzt. Das ist immer noch so. Niemand weiß, ob sich das noch ändern wird, und deshalb werden auch die vier Kilometer, die sie an diesem Wochenende in Rom läuft, eine Tortur. Sie bilden das Rahmenprogramm für den Rom-Marathon an diesem Sonntag – ein Fun-Lauf, offen für alle, mit 40.000 Teilnehmern, die sich eine Gaudi daraus machen. Für Monique van der Vorst ist es eine der größten Herausforderungen ihres Lebens. Größer als Weltmeisterschaften, Europameisterschaften oder internationale Wettkämpfe.

„Ich fange wieder ganz unten an“, sagt sie. Sie will das noch nicht richtig wahrhaben, war schließlich Leistungssportlerin, die erfolgreichste Behindertensportlerin der Niederlande. Es ist nicht einfach für sie im Moment. Doch sie kommt klar, sagt sie. „Ich schaff das“, sagt sie, „die Schmerzen halte ich aus, Schmerzen können dein Freund sein.“ Man kann den Umgang mit Schmerzen lernen, die 26-Jährige ist Expertin darin.

Als Monique van der Vorst 13 Jahre alt war, musste sie am Knöchel operiert werden. Eigentlich ein Routineeingriff, doch es gab Komplikationen. Die Ärzte konnten es damals nicht genau erklären und wissen auch heute nur wenig darüber, aber als Monique van der Vorst damals aus der Narkose erwachte, konnte sie ihr linkes Bein nicht mehr bewegen. Wenn man mit anderen über Monique van der Vorst spricht, bewundern sie am meisten ihre Kraft, ihr Schicksal anzunehmen, das Beste aus ihren Möglichkeiten zu machen, sie sei keine, die klagt. Doch das war nicht immer so, das brauchte Zeit.

Damals war sie erst sehr deprimiert, sagt sie. „Ich war in der Reha und dachte viel nach.“ Beinahe hätte sie ihr linkes Bein verloren. Die Ärzte rieten damals schon zur Amputation, teilweise war es schon schwarz, doch Monique und ihre Mutter setzten sich durch, doch nicht zu amputieren. „Das Bein muss runter“, sagten die Ärzte, doch sie raffte sich auf und begann mit dem Sport, am Anfang als Flucht vor dem Krankenhaus, doch nach und nach besserte sich ihr Zustand. Dennoch dauerte es drei Jahre, bis sie ihre Behinderung und den Rollstuhl annehmen konnte. Sie sagt, sie wurde gezwungen, erwachsen zu werden.

Natürlich hat sie gehofft, dass sie irgendwann wieder laufen können würde. „Doch das war nicht präsent, nur im Hinterkopf.“ Sie verdrängte die Hoffnung und stellte sich der Realität.

Vielleicht fuhr sie auch vor ihr davon, stürzte sich wie eine Besessene in ihren Sport, das Handbiking, sie trainierte 40 Stunden in der Woche. 2001 gewann sie ihren ersten von 15 niederländischen Meistertiteln, wurde zum ersten Mal Europameisterin, drei weitere Titel sollten folgen. 2002 wurde sie zum ersten Mal Weltmeisterin, insgesamt gewann sie sieben Titel bei Weltmeisterschaften. Man kann nun Erfolg um Erfolg aufzählen, doch was sie wirklich prägte, waren die Rückschläge. Da war der erste Unfall 2007, als sie mit dem Auto unterwegs war und ihr jemand die Vorfahrt nahm, als sie sechs Monate lang in die Reha musste und beinahe die Qualifikation für Peking verpasste.

Oder der Unfall im Trainingslager 2008, als ein Autofahrer in Florida sie und ihren Trainingspartner übersah und sie sich eine Rückenmarksverletzung bei dem Unfall zuzog, was sie nicht daran hinderte, in Peking zu starten und zwei Silbermedaillen für die Niederlande zu gewinnen. 2009 gewann sie den Iron Man für Behinderte auf Hawaii. Sie schwamm 3,8 Kilometer, fuhr 180 Kilometer mit dem Handrad und absolvierte einen Marathon im Rollstuhl. Die Niederländer wählten sie in diesem Jahr zur Behindertensportlerin des Jahres. Sie war ständig unterwegs, startete auf allen Kontinenten, studierte nebenbei an der Amsterdamer Universität. Sie hatte eine Karriere, war Teil der niederländischen Sportlerszene. In ihrer Heimatstadt haben sie einen Platz nach ihr benannt. Ihre Behinderung war ein Teil von ihr geworden. Bis zu dem Ereignis, was einige heute ein Wunder nennen.

Manche Menschen denken ja, dass Wunder einem geschenkt werden, dass sie über Nacht einfach so zu einem kommen und dann da sind. Monique van der Vorst aber weiß, dass Wunder, oder Geschenke, die einem das Leben macht, sich nicht direkt zeigen, sich tarnen. Und dass man sich Wunder erarbeiten muss. Doch zuerst hatte Monique van der Vorst wieder einen Unfall.

Sie war 2010 auf Mallorca, wieder im Trainingslager, und wollte gerade zu einem Teamkameraden aufschließen, als sie mit einem Radfahrer zusammenstieß. Im Vergleich zu dem Unfall von Florida schien das zunächst harmlos zu sein, doch als sie dort auf der Straße lag, begann ihr ganzer Körper auf einmal zu zucken. Sie dachte sich nicht viel dabei, beendete das Trainingslager noch, obwohl es ihr immer schlechter ging und die Spasmen nicht verschwanden.

Zurück in den Niederlanden merkte sie, wie alle Kraft langsam ihren Körper zu verlassen schien. Selbst das Kauen bereitete ihr Probleme. Zum Kühlschrank konnte sie nur noch kriechen, doch im Krankenhaus war man ratlos. „Man gab mir ein paar Paracetamol und schickte mich nach Hause“, sagt sie. Dabei wurde es immer schlimmer. Ihr ganzer Körper schmerzte, ihr Rücken brannte. Doch irgendwann in all den Schmerzen spürte sie etwas, das sie eigentlich komplett vergessen hatte: ihre Beine. „Es fühlte sich an, als ob man mich mit kleinen Kugeln beschießt. Es war absurd, weil in meinem Kopf die Beine gar nicht mehr existierten.“ Nach ihrem Unfall 2008 war ihr erster Gedanke, nachdem sie aus dem Koma erwacht war: "Aufstehen, um sechs Uhr ist Training". So machte sie es jetzt auch.

Auf Händen zog sie sich durch das Krankenzimmer, man gab ihr einen Ball, den sie nach Wochen mit ihren Beinen hochheben konnte. Sie übte am Barren. Weil ihre Arme so stark waren, konnte sie dort das Laufen simulieren, langsam ihre Beine immer mehr belasten. Es gibt Videos davon: Eine Frau, die nur aus einem Oberkörper zu bestehen scheint, mit dünnen Beinen, die wie Uhrenpendel unter ihr baumeln. Irgendwann konnte sie die Beine wieder kontrollieren, irgendwann nahm sie Kontakt zum Boden auf. Nach Monaten schließlich konnte sie stehen.

„Ich bin vorher wohl Hunderte Male umgefallen“, sagt sie. Dann der erste Schritt, zwei Schritte hintereinander, wieder vergingen Wochen voller Schmerzen und Zweifel. Dann schließlich lief sie alleine. Erklären kann das bis heute niemand. Sie will einen Marathon laufen, irgendwann, sie will den Iron Man mitmachen, irgendwann, sagt Monique van der Vorst. Das wird nicht leicht, weiß sie. Es ist dann der Iron Man für Nichtbehinderte.

Seit Monique van der Vorst wieder laufen kann, hat sie vieles verloren. Ihre Karriere als Spitzensportlerin ist beendet, sie darf nicht mehr an den Wettbewerben teilnehmen, in London wird sie 2012 nicht an den Paralympics teilnehmen. Auch der Kontakt zu ihren ehemaligen Mannschaftskameraden ist abgebrochen. Es ist nicht leicht für sie, Monique laufen zu sehen, ohne Rollstuhl, als Nichtbehinderte. „Wenn du im Rollstuhl sitzt, sind die Menschen freundlicher zu dir, sie halten dir die Tür auf und fragen, ob sie irgendwie helfen können. Du bist aber auch auf ihre Hilfe angewiesen. Erst jetzt ist mir bewusst, wie eingeschränkt ich im Rollstuhl wirklich war. Wenn ich jetzt in einer Bar bin, bin ich mit den anderen auf Augenhöhe. Es ist ein komplett neues Lebensgefühl.“

Monique van der Vorst weiß noch nicht genau, was sie mit ihrem neuen Leben anfangen soll, sie versucht, ihr Studium so schnell wie möglich abzuschließen, doch sie ist dankbar. Natürlich. Angst, dass die Lähmung zurückkommen könnte, hat sie keine.

Es gibt ein paar Sachen, die sie den Menschen nun nahe bringen will, sagt sie, und dass ihr Leben eine Inspiration für andere sein kann. „Ich habe gelernt: Wenn man etwas machen will, sollte man es auch so schnell wie möglich tun, weil das Leben so kurz ist, weil sich alles mit einem Schlag ändern kann, von jetzt auf gleich.“

Im September saß sie zum ersten Mal seit mehr als 13 Jahren wieder auf einem normalen Rad. „Es war so wahnsinnig hoch, ich hatte ziemliche Angst“, sagt sie. Es ging zunächst nur ein paar Hundert Meter. Sie fährt heute wieder ihre alte Trainingsrunde, 65 Kilometer. Das Rad stellt ihr noch eine Stiftung, doch sie will sich bald ein eigenes kaufen, wenn sie erst die Rollstühle und die Handräder verkauft hat. Die will sie bald bei Ebay einstellen.

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