Stoische Disziplin

Die unheimliche Ruhe der Japaner in Tokio

Während Rettungskräfte gegen die Katastrophe im Atomkomplex kämpfen, gehen in Tokio die meisten Menschen wie gewohnt zur Arbeit.

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Der Frau in der hellen Daunenjacke zittern die Hände. Sie hält den Hörer eines Satellitentelefons dicht ans Ohr gepresst, als könne sie so ein Gespräch erzwingen. Die Knöchel ihrer Hand zeichnen sich weiß ab. Ihrem Gesicht ist anzusehen, dass der Anruf vergeblich war. Wieder einmal. Sie legt den Hörer auf, wischt sich Tränen aus den Augen und stellt sich stumm gleich wieder ans Ende der langen Schlange. Eine der vielen Szenen der Verzweiflung, die der japanische TV-Sender NHK aus den Erdbebengebieten Japans ausstrahlte.

Wie oft sich die Japanerin in einem der Evakuierungszentren schon eingereiht hat in die Schlange der Wartenden vor den acht bereitgestellten Satellitentelefonen, weiß sie vermutlich selber nicht. Das Erdbeben überlebte sie. Dem enormen Tsunami konnte sie entkommen. Aber nun ist da die nagende Sorge um einige Verwandte. Viele der etwa 350 Menschen, die in der Halle Zuflucht gesucht haben, quälen Gedanken an Familienmitglieder oder Freunde, mit denen seit zwei Tagen kein Kontakt herzustellen ist. "Wir wissen nicht, wie es meiner Schwiegermutter geht“, erzählt ein junger Mann. Seine Frau sitzt neben ihm, um Haltung bemüht. Auf ihrem Schoß sitzt ihr kleines Kind, das sie geübt mit Brei füttert.

Es sind Routineabläufe wie diese, die Betroffenen nach Katastrophen ein wenig Halt geben. Routine hat etwas mit Alltag zu tun, mit Normalität. Und nichts wünscht man sich mehr als Normalität, wenn die Welt um einen herum nicht mehr die ist, die man kannte und in der man sich sicher fühlte. Doch von Normalität ist das Leben der meisten Menschen in Japan noch weit entfernt. Wer Strom und einen funktionierenden Fernseher hatte, sah am Wochenende live, was sich zusammenbraute in Fukushima. Die etwa 250 Kilometer nördlich von Tokio gelegenen Atomreaktoren drohen zum Fegefeuer zu werden. Oder doch nicht? Hin und her gehen die Meldungen, ein Auf und Ab an Hoffnung und banger Verzagtheit. Zermürbend ist das Warten auch hier, die Ungewissheit und die Angst vor dem, was kommen könnte. "Bisher glaube ich, was uns im Fernsehen gesagt wird. Ich denke nicht, dass die Behörde etwas runterspielt, dafür steht viel zu viel auf dem Spiel“, erzählt eine Bewohnerin in Tokio, die am Morgen mit dem Einkaufsbeutel unterwegs ist. Sie hat Glück, im Supermarkt kommt gerade Brot an, und einige Flaschen Wasser stehen auch wieder im Regal. Zusammen mit Instantnudeln und gefriergetrockneter Miso-Suppe kommt alles in den Korb. "Das reicht für zwei Tage“, sagt die Frau, bevor sie sich eilig auf den Heimweg macht.

Es sind wenige Leute unterwegs auf den Straßen der sonst so quirligen Hauptstadt Japans. Es gibt keine Schlangen an Tankstellen, keine an Geldautomaten. Das öffentliche Leben läuft auf Sparflamme. Während im Norden die Menschen sterben und im Atomkraftwerkskomplex Fukushima die Rettungsmannschaften gegen den Super-GAU kämpfen, steht im Hibiya-Park neben dem Kaiserpalast eine Schar Fotografen an einem Teich. Durch die riesigen Teleobjektive ihrer Kameras fotografieren sie scheinbar seelenruhig die Vögel. "Natürlich haben wir Angst, besonders vor dem Atomunfall“, sagt Shuji Yoshida, Geologie-Professor an der Universität Chiba. "Ein Atomunfall ist unbekannt für uns.“

Die unsichtbare Angst der Japaner verwundert die Welt. Die Erde bebt, Häuser kollabieren, Tsunamis löschen Städte aus. Aber es findet sich bisher keine Spur großer Panik. Denn die Menschen sind erdbebensicher. Sie schwanken, aber sie verlieren nicht den Kopf. "Erdbeben sind wir gewohnt“, erklärt einer der wenigen Gäste in einer Bar im Stadtteil Yurakucho. Seit Kindheit trainieren die Japaner, was zu tun ist bei Beben. Sicherheit suchen, und wenn man überlebt hat, zu den Katastrophenzentren gehen. "Und wir wissen, dass wir danach wiederaufbauen können und das Leben weitergeht“, sagt der Japaner.

Viele Ausländer sind nicht davon überzeugt, dass Ausharren das Richtige ist. "Wenn es nur die Nachbeben wären, würde ich hierbleiben. Aber die Sache mit den Atomkraftwerken ist einfach unheimlich. Wer soll denn einschätzen können, was dort noch passiert“, meint eine Britin, die heute mit ihren Kindern nach Hause fliegen will. Weg aus der Ungewissheit, dorthin, wo man Sicherheit vermutet. Die letzte E-Mail an ihre Freundin, die in Tokio bleibt, lautet: "Freue mich schon auf ein leckeres Lassi im Restaurant.“ Der Wunsch nach Normalität, er hat nichts mit Nationalität zu tun.

Viele wollen einfach nur weg

"Ich weiß nicht mehr, welcher Seite ich glauben soll“, sagt die Französin Sandra Miyanagi (30), die mit ihrer Tochter Moka (2) und ihrem japanischen Ehemann im Tokioter Bezirk Edogawa lebt. Jeden Tag hört sie von mehr Freunden aus dem Ausland, die Tokio in Richtung Süden oder Japan in Richtung Heimat verlassen. Viele wollen so weit weg wie möglich von den Unglücksreaktoren. Gerade ist Sandra Miyanagis Mann aus Europa zurückgekehrt, die erste Zeit nach dem Erdbeben musste sie mit ihrer Tochter alleine in Tokio ausharren. Ständig hat sie im Internet die Nachrichtenlage im Blick, den Fernseher will sie vor ihrer Tochter nicht laufen lassen. An Schlaf ist kaum zu denken. Doch ihr Ehemann glaubt, dass die Regierung alles im Griff hat. Sorgen macht er sich nicht. "Was die westlichen Medien verbreiten, hält er für Panikmache“, sagt Sandra Miyanagi.

Das glaubt auch Maya Mochizuki (31), die mit ihrem Mann (37) und ihrer Tochter Noe (2) im Bezirk Minato lebt. Mittags war sie mit ihrer Tochter im Park, um wenigstens ein bisschen Alltag einkehren zu lassen. "Die Sonne hat geschienen, es war 16 Grad warm, und die Menschen haben sich die Kirschblüten angeguckt“, sagt Maya Mochizuki. "Wir haben mal eine Pause von der Anspannung, dem ständigen Starren auf den Bildschirm gebraucht. Das tat gut.“ Von Unruhe sei im Park nichts zu spüren gewesen. "Die Leute haben gelacht über die Horrorszenarien im ausländischen Fernsehen.“ Eine Flucht aus Tokio planen sie und ihre Familie nicht. Der Versorger Tokyo Electric Power (Tepco), der den Unglücksreaktor Fukushima Daiichi betreibt, hat angekündigt, wegen Versorgungsengpässen in der Metropole stundenweise den Strom abzustellen. Der japanische Industrieminister hat dazu aufgerufen, Strom zu sparen.

Darüber ärgern sich die Tokioter. Und diejenigen, die im Süden Schutz suchen, müssen nun teilweise auch um ihren Job fürchten, denn nicht alle können einfach so Urlaub nehmen. Ihre japanischen Kollegen, glauben sie, werden am Montag wohl diszipliniert zum Dienst erscheinen.

"Wir wissen, dass das vielleicht die größte Katastrophe ist, die Japan je erlebt hat, aber wir bleiben trotzdem ruhig“, sagt der Übersetzer Katsuyoshi Kuriya (32). Zusammen mit seinen Mitbewohnern sitzt er vor dem Fernseher, kocht, diskutiert. Zur Arbeit wollen sie am Montag alle gehen. "Es sei denn, die Situation eskaliert.“ Aber danach sieht es nicht aus: Die Bahnlinien in Tokio haben ihren Betrieb wieder aufgenommen, die Supermärkte sind wieder besser ausgestattet – auch wenn viele Regale leer stehen. Es kommt zu Hamsterkäufen. Besonders gefragt: Brot, Wasser, Nudelsuppen. "Die Leute kaufen mehr, als sie eigentlich brauchen“, sagt er. Zu seiner Familie auf die südliche Hauptinsel Kyushu zu fliehen kommt für Katsuyoshi Kuriya nicht infrage. "Ich glaube, die Behörden haben die Situation einigermaßen im Griff.“ Trotzdem kann er sich vorstellen, dass sie etwas verheimlichen. Wirklich entspannt ist niemand. "Aber wir Japaner tendieren dazu, auf das zu hören, was uns die Regierung sagt.“

Verglichen mit den Zuständen in Tokio gleicht die Hafenstadt Sendai im Nordosten Japans der Hölle. Nach dem schweren Beben bietet sich dort ein Bild der Verwüstung. Die Welle drang bis zu zehn Kilometer ins Landesinnere ein; überall in Sendai stehen die Straßen voller Wasser oder Schlamm. Zertrümmerte Autos und entwurzelte Bäume liegen herum, ein Flugzeug hat sich mit der Nase tief in die Trümmer eingestürzter Holzhäuser gebohrt. Überall zeugen Gegenstände von Leben, das ausgelöscht worden ist: ein Klavier, ein Buch, ein zerrissener roter Schlafsack. Es gibt keinen Strom, auch das Telefonnetz ist zusammengebrochen. Hunderte Menschen warten geduldig vor den wenigen Supermärkten, die wieder geöffnet haben, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Auch vor Tankstellen drängen sich Kunden.

Ein Lebensmittelmarkt fünf Kilometer von der Küste entfernt hat wieder geöffnet, obwohl es keinen Strom gibt und der Fußboden mit Schlamm bedeckt ist. Der Ladenbesitzer, Wakio Fushima, hat Erinnerungen, die sich nicht schnell wieder verflüchtigen werden. "Das Wasser floss von allen Seiten hinein. Autos trieben vorbei.“ Die meisten seiner Kunden versorgen sich mit Getränken und Fertiggerichten. Ihnen ist klar, dass es sehr lange dauern wird, bis wieder ein Zustand einkehrt, den man als normal empfinden könnte. Viele sind nur knapp mit dem Leben davongekommen. Der 34-jährige Lkw-Fahrer Koichi Takairin saß in seinem Fahrzeug, als das Wasser kam.

"Der Tsunami war unglaublich schnell. Kleinere Autos trieben an mir vorbei. Ich konnte nichts tun, als in meinem Lastwagen zu sitzen und zu warten.“ Die Nacht verbrachte er in einer öffentlichen Unterkunft. Andere übernachteten im Freien oder liefen durch die Straßen, um das Geschehene durch körperliche Bewegung zu verarbeiten. Viele konnten auch gar nicht nach Hause kommen, weil die Straßen unpassierbar waren. Ganz abgesehen von denen, deren Unterkunft gänzlich zerstört ist.

Ein Elektronikladen sieht von Weitem so aus, als sei er unversehrt geblieben. Der Eindruck täuscht: Die Wände sind eingestürzt, die Ware – Fernsehgeräte, Lüfter, Klimaanlagen – liegt beschädigt auf dem Boden. Das Erdbeben löste überdies die Sprinkleranlage aus, sodass alles voller Wasser ist. "Um uns herum stürzte die Decke ein“, erinnert sich der Angestellte Hiroyuki Kamada. "Der Boden wackelte, sodass wir uns nicht auf den Beinen halten konnten. Nach drei oder vier Minuten wurde es besser, und wir flüchteten uns ins Freie.“

Trotz des Chaos geben Mitarbeiter an Kunden Batterien, Taschenlampen und Handyzubehör aus. Trotz zahlreicher Nachbeben warten die Menschen geduldig, bis sie an der Reihe sind. Panik gibt es nicht. Aber die Sorge ist groß, vor allem bei denjenigen, die Angehörige außerhalb haben. Die Kontaktaufnahme ist schwierig. Der 21-jährige Katsunari Asano, der im US-Staat Missouri studiert, hat zwar Nachricht von seiner Familie, die sich in Sicherheit bringen konnte. Ob sein Zuhause in Sendai noch steht, weiß er nicht. "Ich kann nicht glauben, was passiert ist. Es ist wie ein Traum, eine Fernsehshow“, sagt er.

Und doch gibt es sie, die kleinen Wunder, die Geschichten, die Hoffnung machen in einer Zeit großer Trostlosigkeit. Zwei Tage lang trieb Hiromitsu Shinkawa auf dem Trümmerteil seines Hausdachs vor der Küste der Provinz Fukushima im Meer, nachdem der durch das schwere Erdbeben ausgelöste Tsunami seinen Heimatort Minamisoma überrollt hatte. Die Marine zog den 60-Jährigen am Sonntag 15 Kilometer vor der Küste des Landes aus dem Wasser. Er war bei Bewusstsein und in "guter Verfassung“ und wurde per Helikopter in ein Krankenhaus gebracht. "Ich bin weggelaufen, als ich gehört habe, dass der Tsunami kommt“, sagte Shinkawa seinen Rettern. "Aber ich bin umgekehrt, um von zu Hause etwas zu holen, dann wurde ich davongespült.“ Er habe im Wasser nur auf dem Dach seines Hauses "gehangen“.

Eine Autostunde entfernt von Sendai halten Techniker mit weißen Atemschutzmasken und Schutzanzügen Geigerzähler an Tausende Menschen, um sie auf radioaktive Strahlung zu überprüfen. Viele Japaner ringen immer noch mit ihrer Fassung. "Träume ich? Ich komme mir vor wie im Kino“, schildert der 50-jährige Ichiro Sakamoto in der Stadt Hitachi seine Eindrücke. Wenn er allein sei, kneife er sich, um endlich aufzuwachen aus diesem Albtraum.

Auf der Suche nach Angehörigen studieren besorgte Überlebende Aushänge an einem schwarzen Brett. Einige weinen, andere schreien. Befürchtungen werden wahr: Die Nachrichtenagentur Kyodo meldet, am Sonntag seien in Yamadas Heimatort viele Leichen geborgen worden.

Womöglich mehr als 10.000 Menschen kamen durch den Tsunami und das Erdbeben zu Tode, zitierte der Fernsehsender NHK einen hochrangigen Polizisten. Bis zum Abend konnten mehr als 1000 Leichen geborgen werden, Zehntausende sind auf der Flucht und Suche nach Unterkünften. Weltweit war es das fünftschwerste Beben seit 100 Jahren.

Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, kam am Abend noch eine Hiobsbotschaft, diesmal aus dem bislang weitgehend verschont gebliebenen Süden Japans: Nach einer Ruhezeit von mehr als 50 Jahren brach der Vulkan Shinmoedake aus und spie Asche und Felsen bis zu vier Kilometer in die Luft.