Not-Team

Fukushima - 20 Freiwillige wollen in die Todeszone

Im Unglückskraftwerk Fukushima ist die Strahlenbelastung auf lebensbedrohliche Werte gestiegen. Dennoch versuchen Techniker, einen Super-Gau abzuwenden. Etwa 20 Freiwillige haben sich für ein Not-Team gemeldet - ein Himmelfahrtskommando, wie Experten meinen.

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In Japan sind erneut Versuche gestartet worden, die heiß gelaufenen Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima I zu kühlen.

Video: Reuters
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Schon jetzt gelten sie als Helden der Nation - die Ingenieure und Techniker, die Tag und Nacht daran arbeiten, eine Katastrophe im beschädigten Atomkraftwerk Fukushima noch zu verhindern. Der Akw-Betreiber Tepco hatte die Not-Mannschaft zuletzt bereits auf zeitweise 50 Arbeiter reduziert.

Nun Tepco hat etwa 20 freiwillige Helfer gefunden, die im letzten Moment einen Super-Gau abwenden sollen. Auf das Ersuchen des Unternehmens hätten sich sowohl Firmenmitarbeiter als auch Mitarbeiter anderer Unternehmen gemeldet, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji. Darunter sei ein kurz vor der Rente stehender 56-Jähriger mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich der Kernenergieproduktion.

Ihnen drohen schwere Verletzungen durch Explosionen und Feuer, doch noch gefährlicher ist ein unsichtbarer Feind: die radioaktive Strahlung. Sie kann die Arbeiter sofort töten oder erst Jahrzehnte später.

„Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll: Das ist wie ein Himmelfahrtskommando im Krieg“, sagt Professor Keiichi Nakagawa aus der Radiologieabteilung der Tokioter Universitätsklinik. Der Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz, Sebastian Pflugbeil, teilt die Einschätzung. Die letzten verbliebenen Arbeiter seien „Todeskandidaten“. Die gewaltige radioaktive Strahlung sei für sie eine „Katastrophe“, die sie wohl früher sterben lasse, sagte Pflugbeil.

Doch die Arbeiten gehen weiter. In kleinen Gruppen betreten die Arbeiter die Gefahrenzone, um Meerwasser in die überhitzten Reaktoren zu pumpen, Trümmer zu beseitigen und Messungen durchzuführen. Damit niemand der Strahlung zu lange ausgesetzt ist, werden sie nach zehn bis 15 Minuten abgelöst.

Um sich einigermaßen gegen die Strahlung zu schützen, tragen die Mitarbeiter des Atomkraftwerks Ganzkörperanzüge, Atemschutzgeräte, Helme und Handschuhe. Damit sie keine radioaktiven Partikel einatmen, kommen teilweise auch Sauerstoffgeräte zum Einsatz.

Strahlenbelastung enorm gestiegen

Nach einer Explosion am Mittwoch stieg die Strahlung in der unmittelbaren Nähe von Fukushima-Daiichi jedoch derart an, dass die Arbeiten für fünf Stunden unterbrochen werden mussten. „Die Arbeiter können in der Anlage derzeit noch nicht einmal geringfügige Tätigkeiten durchführen“, sagte Kabinettssekretär Yukio Edano.

In einigen Bereichen stieg die Strahlenbelastung auf 600 Millisievert. Laut einer Statistik der Betreiberfirma Tepco entspricht dies dem täglich zulässigen Grenzwert über den Zeitraum mehrerer Jahre. Wer zuviel Strahlung abbekomm, wird krank: Die Strahlenkrankheit schädigt unter anderem die Blutzellen. Erste Symptome sind Erschöpfung und Übelkeit.

Ministerium erhöht Strahlengrenzwerte

Von der natürlichen Strahlung oder beispielsweise bei Röntgenuntersuchungen nehmen Menschen pro Jahr durchschnittlich etwa sechs Millisievert auf. Experten gehen davon aus, dass eine Strahlenbelastung von unter 100 Millisievert gesundheitlich unbedenklich ist.

Die normale Dosis für Arbeiter in Atomkraftwerken sei 20 Millisievert, nie jedoch über 50 Millisievert pro Jahr, erklärt der australische Nuklearberater Tony Irwin. „Sie sollten die Leute also rotieren lassen, um unterhalb des Grenzwerts zu bleiben. Es gibt nicht viele Länder, die ein Notfalllimit von 100 Millisievert pro Jahr zulassen“, sagt Irwin.

Das japanische Gesundheitsministerium erhöhte den Grenzwert für die Arbeiter im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi am Mittwoch jedoch von 100 auf 250 Millisievert. Wegen der besonderen Umstände sei dieser Schritt unvermeidlich, teilte das Ministerium mit.

Dutzende Mitarbeiter verletzt

Die Techniker und Ingenieure versuchten in den vergangenen Tagen vor allem, Ventile zu öffnen, um Druck abzulassen, und Wasser in die Reaktoren zu pumpen. Zudem führten die Messungen durch und räumten die Trümmer der Explosionen beiseite.

Nach Angaben der internationalen Atombehörde IAEA in Wien sind bei den Arbeiten 23 Menschen verletzt worden. Mindestens 20 weitere Mitarbeiter wurden verstrahlt. Einer von ihnen war demnach sehr starker Strahlung ausgesetzt. Möglicherweise liegen die Verletztenzahlen viel höher. Medien hatten bereits von „dutzenden Verletzten“ in der schwer beschädigten Anlage gesprochen. Die IAEA bezieht sich mit ihren Angaben auf Mitteilungen der japanischen Regierung.