Atom-Katastrophe

Langsam beschleicht die Japaner die Angst

Die Japaner bleiben im Angesicht der Katastrophe ruhig, so schien es. Doch das ändert sich jetzt: Angst macht sich breit - und Unruhe wegen der zurückhaltenden Informationspolitik von Regierung und Kraftwerkbetreiber.

Ein Witz, dachte er. Das konnte der Mann unmöglich ernst meinen. Daniel Gerber (33) war gerade mit seiner Frau Michiyo aus Tokio gekommen. Mit dem Zug waren sie aus der Hauptstadt nach Osaka geflohen, nun waren sie in Sicherheit, bei der Familie seiner Frau. Und dann sagte sein Schwiegervater das, was Daniel Gerber für bittere Ironie hielt. Die japanischen Betreiber von Atomkraftwerken, sagte er, würden nun bestimmt viele neue Aufträge bekommen – schließlich habe sich gezeigt, wie stabil die Anlagen sind. Er meinte es ernst. „Ein chinesischer Reaktor“, sagte Gerbers Schwiegervater, „wäre bei so einem Beben doch komplett zerbröselt.“

Daniel Gerber aus Frankfurt arbeitet als Unternehmensberater in Tokio. „Die Japaner“, sagt er, „begreifen den Ernst der Lage nicht. Viele hören das Wort Kernschmelze zum ersten Mal.“

Solange von Kühlproblemen in den Reaktoren die Rede ist, bleibt Daniel Gerber im Süden. Und überlegt stündlich, ob er mit seiner Frau das Land verlassen soll. „Ich bin zerrissen“, sagt er. „Es kommt mir verwerflich vor, einfach wegzufliegen.“

Der japanische Ministerpräsident schreit so laut, dass seine Stimme durch die geschlossene Tür drang. „Was zum Teufel ist da los?“, rief er. Naoto Kan war außer sich, angeblich hatte ihn der AKW-Betreiber Tepco nicht unverzüglich über die dritte Explosion informiert. Das Fernsehen berichtete von dem Gefühlsausbruch – und die Zuschauer waren ratlos. Wieso, fragten sie sich, werden wir zur Ruhe ermahnt, wenn ihr Ministerpräsident selbst nicht gerade Besonnenheit an den Tag legt?

Angst – „eines der wenigen internationalisierten Wörter“, sagt Raimund Wördemann, Leiter des Goethe-Instituts in Tokio. „Angst wird auch in Japan eher von den Europäern praktiziert“, sagt er. „Die sind auch geneigter, wenn es darum geht, die Nerven zu verlieren.“ Ein Schock sei in Japan etwas Vorübergehendes, „wie ein Stoß, kein Zustand, der sich setzt und sitzen bleibt.“ Bei aller Besonnenheit, die Angst wird immer stärker spürbar. Doch das Land verlassen? Geht schlecht: Wo soll die geliebte Hauskatze bleiben? Die meisten Menschen, sagt Wördemann, fahren nicht weiter als 50 Kilometer aus der Stadt.

Die schlaflosen Nächte stehen Yukio Edano im Gesicht geschrieben. Seit Beginn der Katastrophe tritt der 46-jährige Pressesprecher im Halbstundentakt vor die Medien. Meistens zurückhaltend, beschwichtigend. In seinem blauen Industrieoverall – der zeigen soll, dass Edano mitten im Geschehen steht – arbeitet er streng chronologisch die Ereignisse ab. Edanos dauernde Präsenz vor den Fernsehkameras bereitet manchen Japanern Grund zur Sorge. Bei Twitter raten ihm Hunderte von Usern im eigens kreierten Feed „Edano Go To Bed“, sich mal eine Mütze Schlaf zu genehmigen.

Mittlerweile kann auch Edano die Bedrohung nicht mehr kleinreden. Haruko Moritaki, die Tochter eines Atombombenopfers und eine von Japans führenden Anti-Atom-Kämpferinnen, sagt, die Regierung und der Kraftwerksbetreiber Tepco seien immer „mindestens einen Schritt hinter den Ereignissen zurück“. Und sie rückten stets erst mit Informationen heraus, wenn sich Probleme nicht mehr verheimlichen ließen.

Der Bürgermeister der Stadt Minami Soma in Fukushima, Katsunomi Sakurai, kann im Interview mit dem Sender NHK seine Tränen kaum zurückhalten: „Unsere Bürger haben Angst, sie wissen nicht, was sie tun sollen, und wir kriegen von der Regierung kaum Informationen.“

Diese übervorsichtige Informationspolitik basiert laut Moritaki auf der Angst, dass die Fukushima-Krise heftige Kritik unter den bis jetzt atomenergiefreundlichen Japanern auslösen wird. „Stattdessen sollte man über eine mögliche Katastrophe und ihre Folgen nachdenken“, sagt sie. Doch selbst in diesem Fall würden die Regierung und die Atomindustrie niemals ihre eigenen Fehler eingestehen, davon ist Moritaki überzeugt.

Die katastrophale Situation in den Tsunamigebieten ist in der öffentlichen Diskussion vor allem in Deutschland in den Hintergrund geraten. Die 33-jährige Yuka Sawada, die für eine deutsche Organisation in Tokio arbeitet, kennt die Berichterstattung in beiden Ländern, sie weiß, dass sie sich sehr dadurch unterscheidet, dass es in Deutschland eine politische Diskussion über das Für und Wider von Kernenergie gebe. Und es weniger um die Rettungsaktionen gehe, die in Japan die Medien beherrschen.

Yuka Sawada ist dankbar für die Aufmerksamkeit, doch sie hat einen Appell an die Deutschen: „Wir wären euch noch dankbarer, wenn sich die Diskussion auch einmal um Hilfe für die Menschen in Nordjapan drehen könnte. Für eure Hilfe bedanken wir uns ganz herzlich. Wir streben die Normalisierung an, aber dazu brauchen wir unbedingt noch mehr Unterstützung!“

Besondere Sorge mache ihr die Wetterlage: „Das Wetter wird ab morgen winterlich kalt. Es kann schneien. Aber die Leute dort haben nicht genug Essen, Decken und Wasser.“ Und: „Ich frage mich wirklich, wie so etwas in Japan passieren kann, ein Land, das doch am meisten auf solche Naturkatastrophen vorbereitet sein sollte…“

Tatsächlich gehört Japan als Industrienation üblicherweise nicht zu den Empfängern, sondern zu den Spendengebern. Ein Grund, weshalb sich laut Yuka Sawada das japanische Rote Kreuz erst nach Zögern dazu entschieden habe, zu Spenden aufzurufen.

Deutschlands Firmen sind es nun auch, die sich zunehmend um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter in Tokio fürchten. SAP und Infineon verlegen ihre Mitarbeiter und Angehörigen in den als sicherer geltenden Süden. BMW, VW und Continental holen ihre deutschen Beschäftigten aus dem zerstörten Land nach Hause. Die Lufthansa kündigte an, Tokio vorerst nicht mehr anzufliegen. Zwei Flüge aus München und Frankfurt steuerten stattdessen die japanischen Städte Osaka und Nagoya südwestlich der Hauptstadt an.

Vorreiter bei der organisierten Flucht aus Tokio ist SAP. Aus Furcht vor möglicher radioaktiver Strahlung räumt der Walldorfer Softwarehersteller seine Büros in Tokio, Osaka und Nagoya. Den knapp 1100 Mitarbeitern sei angeboten worden, sich mit ihren Familien und Angehörigen im Süden des Landes in Sicherheit zu bringen, sagte eine Sprecherin. Dort habe SAP ein Hotel für die Betroffenen angemietet, die dort online arbeiten könnten. Auch der Chip-Hersteller Infineon will seine knapp 100-köpfige Belegschaft aus Tokio abziehen. Die Beschäftigten können in zwei Vertriebsstandorten im Süden des Landes unterkommen. Bisher sind nur 20 Beschäftigte auf das Angebot eingegangen.

Die Medien stecken noch in einem anderen Dilemma: Sie wollen möglichst aus erster Hand und nächster Nähe berichten, aber ihre Mitarbeiter nicht gefährden. Deshalb haben viele deutsche Medien Korrespondenten aus Tokio abgezogen, andere bereiten Evakuierungsszenarien vor. Die Hörfunkkorrespondenten der ARD sind bereits von Tokio ins etwa 500 Kilometer südlich gelegene Osaka gereist. Die eigens angereiste Peking-Korrespondentin Ariane Reimers ist mit einem Team im Nordosten der Hauptinsel Hokkaido unterwegs, derzeit halten sich nur noch Südostasienkorrespondent Robert Hetkämper und einige wenige Mitarbeiter in Tokio auf. Bei einer Zuspitzung der Lage „wäre auch die Möglichkeit, das Land vorübergehend komplett zu verlassen, eine Handlungsoption“, hieß es vom NDR.

Für den privaten Nachrichtensender N24 ist derzeit Christoph Wanner in Tokio, der regulär in Moskau stationiert ist und bereits über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 berichtet hatte. Es werde stündlich neu überlegt, ob er in Japan bleibe oder nach Hause fliege. Die RTL-Gruppe hat momentan noch zwei Journalisten in Japan, am Vortag wurden bereits zwei Mitarbeiter außer Landes geflogen.

„Spiegel“-Korrespondent Wieland Wagner hält sich südlich von Tokio auf und wird so lange nicht in die Hauptstadt zurückkehren, wie die atomare Wolke die Hauptstadt bedrohe, hieß es von dem Nachrichtenmagazin. Es werde versucht, für den Reporter ständig eine Heimflugmöglichkeit zu reservieren. Auch der „Spiegel“ hat schon mehrere Mitarbeiter aus Tokio abgezogen. Der „Focus“ hat mittlerweile keine Mitarbeiter mehr in Japan. Die Korrespondentin habe gute Kontakte nach Japan und arbeite jetzt von Deutschland aus.

Schon Stunden nach dem Beben war dem japanischen Journalisten Katsuyuki „Katz“ Ueno klar, dass er der Informationspolitik der Tepco und der Regierung etwas entgegensetzen musste. Auf seiner Internetseite YokosoNews richtete er einen Livestream ein. Dort sieht man ihn in einem dunklen Raum sitzen, er hat Kopfhörer mit Mikrofon auf. Vor ihm stehen mehrere Computerbildschirme, von denen er Nachrichten abliest. Rund 15 Stunden täglich verfolgt er Fernsehbilder und Internetforen, etwa Pressekonferenzen des Regierungssprechers Edano und übersetzt sie in Teilen simultan. „Er behauptet jetzt wieder, die Radioaktivität sei noch im Rahmen, es bestehe kein Grund zur Panik“, sagt er. Und fügt hinzu: „Das muss er wohl sagen.“

Parallel dazu nimmt Ueno Anrufe per Skype entgegen, mit neuen Informationen und Fragen: „Ich weiß nicht mehr, wem ich glauben kann“, sagt Christin aus Christchurch in Neuseeland. „Tepco, der Regierung… wem?“ – „Genau das ist das Problem. Die Kraftwerke in den Atomkraftwerken Tokai und Daini scheinen okay zu sein, aber Daiichi ist ein einziges Desaster“, antwortet Ueno.

„Reaktor 4 brennt“, meldet eine Anruferin namens Ema in sein Studio. Das war, noch bevor die Nachrichtenagenturen darüber berichteten. „Ist das sicher?“, fragt Ueno. „So ziemlich“, antwortet Ema, und macht damit deutlich, dass auch YokosoNews natürlich keine gesicherten Informationen über das Erdbeben und die Reaktoren verbreiten kann.

Dennoch ist „Katz“ Uenos Überblick und Expertise so gefragt, dass die Live-Übertragung immer wieder zusammenbricht. Fans schicken Twitter-Nachrichten, die ihn zum Durchhalten trotz seiner offensichtlichen Übermüdung auffordern. „Sag mir ehrlich, ,Katz‘, können die Japaner das überleben, wenn in Tokio die Strahlung steigt?“, fragt Philip Karuman.

Die japanischen Kollegen des Unternehmensberaters Daniel Gerber gehen weiterhin in Tokio zur Arbeit. Und auch Raimund Wördemann vom Goethe-Institut nimmt einen „reduzierten Alltag“ wahr. „Lärmende Straßenbauarbeiter, die schon wieder ihre Presslufthammer in die Erde rammen, die eben noch bebte – es bebt immer noch –, und die Müllabfuhr, ein Segen.“