Tragischer Tod

Günter Amendt – Wissenschaftler an der Sexfront

Bei einem tragischen Autounfall in Hamburg starb auch der Sozialwissenschaftler Günter Amendt. Seine Sex-Bücher erhitzten in den 70ern die Gemüter:

In den Siebzigern war Günter Amendts kleines gelbes Buch „Sexfront“ mindestens so verbreitet bei linken jungen Menschen wie das kleine rote Buch des Vorsitzenden Mao – und es hat wesentlich mehr zur Revolutionierung Deutschlands beigetragen. Amendt gingen Leute wie Oswalt Kolle, die sich Sex eigentlich nur zwischen reifen Erwachsenen in der Ehe vorstellen konnten, nicht weit genug. Und so machte er sich daran, zu erklären, dass Onanie nicht schadet, sondern glücklich macht und dass Sex keine verhängnisvolle Affäre sein muss – wenn man die im Buch ausführlich und erstmals derart unbefangen gegebenen Verhütungsanweisungen befolgte.

Das geschah in einem jugendnahen Kunstjargon, der rückblickend ein wenig lindenbergesk wirkt („Peter Penisz und Thea Titte“ traten auf). Auch gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Jugendlichen wurde erstmals völlig entspannt thematisiert. Amendt selber bekannte sich zur Homosexualität, als das auch in linken Kreisen noch degoutant war. 300.000 Käufer fand sein zuerst bei Zweitausendeins erschienenes Werk. Das 1979 folgende „Sex-Buch“ wurde ebenfalls 200.000 mal verkauft – um zwanzig Jahre später wegen eines einzigen Fotos von zwei Amtsgerichten als „kinderpornografisch“ eingestuft zu werden.

Manches darin wirkte damals schon auf unvorbereitete Pubertäre verkrampft ideologisch. In einer Passage ging es um Hygiene, die als ein Unterdrückungstrick des Establishments dargestellt wurde. Erlaubt waren Wasser und Seife eigentlich nur jungen Arbeitern, die verschwitzt aus der Fabrik kamen – bei allen anderen war Sauberkeit reaktionär.

Als tabulose Sexualität selbstverständlich wurde, hat sich Amendt von diesem Thema verabschiedet. 1972 veröffentlichte er „Sucht. Profit. Sucht". In dem Buch analysierte er die politische Ökonomie des Drogenhandels, worin er zu dem Schluss gelangte, dass die Drogenprohibition einer der größten politischen Fehler des Jahrhunderts gewesen sei. Erst das Verbot habe den kriminellen Handel geschaffen, und dessen Schaden sei weit größer als das Risiko der Legalisierung.

Amendt war auch einer der ersten, der den Kampf gegen das Doping im Leistungssport als aussichtslos bezeichnete. „Sauberer Sport" sei eine Propagandaformel. „Propaganda all is phony“ zitierte er Bob Dylan – denn er war auch einer von Deutschland kenntnisreichsten Dylanologen und hat zahlreiche Texte über ihn verfasst. Am Samstagnachmittag starb Amendt in Hamburg, als ein Autofahrer eine rote Ampel missachtete, mit einem anderen Wagen kollidierte und in eine Fußgängergruppe schleuderte. Bei dem Unglücksverursacher wurde der Haschisch-Wirkstoff THC festgestellt.