Tsunami

Panik, Angst, Chaos nach dem Beben

Die Bilder nach dem Erdbeben aus Japan sind ganz düster: Wasser, das alles mitreißt, was ihm in den Weg kommt, und Tod und Zerstörung bringt.

Die erste gigantische Welle war fast zehn Meter hoch, als sie in der Hafenstadt Sendai auf die japanische Küste traf. Um 14 Uhr 46 Ortszeit hatte das stärkste japanische Erdbeben, seit es Aufzeichnungen gibt, den Meeresboden vor der Nordostküste des Landes erschüttert. Die Schockwellen waren selbst in der knapp 400 Kilometer entfernten Hauptstadt Tokio minutenlang zu spüren. Sofort darauf bewegte sich eine Wand aus Wasser auf die Küste zu und brachte Tod und Zerstörung.

Überall im Nordosten des Landes brachen Feuer aus. Filmaufnahmen aus Helikoptern zeigen verstörende Bilder: Wasser, das alles mitriss, was ihm in den Weg kam. Und Flammen, die wie Vernichtungsteufel vom Tsunami selbst über Land getragen wurden: Trümmer, die die Welle mit sich trug, hatten sich entzündet, und die Stichflammen wurde auf dem rasenden Wasser quer über Farmland und in die Millionenstadt Sendai getragen.

Schon kurz nachdem der Tsunami das Land erreicht hatte, wurde ein erstes Todesopfer gemeldet, aber die offizielle Zahl wuchs schnell. Allein sechs Tote wurden schon früh aus der Präfektur Fukushima gemeldet. Dann stieg die Zahl immer schneller immer weiter an. Dazu überschlugen sich die Gerüchte: Kinder seien ins offene Meer gespült worden, hieß es. Bestätigt wurden sie nicht, doch das ganze Land wartet schockiert auf Nachrichten von der Küste, während immer wieder Nachbeben für neue Panik sorgen und die Rettungsarbeiten erschweren.

Das japanische Fernsehen sendete düstere Bilder: ganze Häuser, Autos und Container, die In der Stadt Onahama in der Präfektur Fukushima weggeschwemmt wurden. Ein großes Schiff, das von der schieren Kraft der Welle direkt in die Kaimauer in Kesennuma gerammt worden war. Ödes Brachland, wo gerade noch eine moderne Stadt gestanden hatte.

Schlammwellen schossen gegen den Strom den Natori Fluss bei Sendai hinauf und bedeckten die Felder wie graue Decken. Gebäude waren vollständig von Wasser umgeben. Die Menschen waren in den oberen Stockwerken gefangen und riefen von den Fenstern aus verzweifelt um Hilfe. „Ich war in Panik und ich habe immer noch Angst”, erzählt Hidekatsu Hata, ein 36-jähriger Restaurantmanager aus Tokio, „Ich habe noch nie so ein schlimmes Erdbeben erlebt”. Dabei gehört Japan zu den seismisch aktivsten Regionen der Erde, die Menschen sind es gewöhnt, dass die Erde sich aufbäumt, die Bauten sind so gut es geht auf Erdbeben ausgerichtet. Doch auch die ausgereifteste Technologie hat ihre Grenzen.

Sofort nach den ersten Erdstößen war der Flughafen Narita in Tokio geschlossen worden. Dann machten auch sämtliche Häfen des Inselstaates dicht. Kurz darauf stellten die Nahverkehrzüge und U-Bahnen in der Hauptstadt ihren Betrieb ein. Über Lautsprecher wurden die Passagiere in den Bahnhöfen dazu aufgefordert, aus Sicherheitsgründen unter der Erde zu bleiben. Angstvoll hielten sie sich aneinander fest. Kinder weinten. Millionen Menschen wurden aus den stark schwankenden Hochhäusern evakuiert. Ängstlich versammelten sie sich in Parks und anderen offenen Flächen, während die Erde immer wieder von neuem bebte.

Vier Millionen Haushalte waren am Nachmittag in Tokio ohne Strom. Eine Ölraffinerie in Chiba nahe der Hauptstadt stand in Flammen. Eine tiefschwarze Rauchwolke verdunkelte den sowieso grauen Himmel. Einsatzkräfte der Feuerwehr versuchen noch immer nach besten Kräften, das Feuer einzudämmen und zu verhindern, dass es auf mehrere große Öltanks übergreift. Die Regierung entsandte Armee und Rettungskräfte in die Katastrophenregion.

In Sendai war ein Hotelgebäude eingestürzt. Bisher ist nicht bekannt, wie viele Menschen dabei umgekommen sind und wie viele noch in den Trümmern gefangen sind.

Elf Nuklearanlagen in der Küstenregion schalteten sich automatisch aus. Sie waren zwar stark beschädigt, doch, so die ersten Informationen, sei keine Radioaktivität ausgetreten. Dann meldete die Nachrichtenagentur Jiji eine neue Hiobsbotschaft: im Atomkraftwerk Tepco Fukushima Daiichi sei das Kühlsystem ausgefallen. Zuvor hatte Ministerpräsident Naoto Kan bereits kurzfristig eine Sondereinheit zum Schutz von Anwohnern im atomaren Notfall ins Leben gerufen.

Japans Nachbarländer Taiwan, Indonesien und die Philippinen haben ebenfalls Tsunami-Warnungen ausgesprochen. Diese wurden inzwischen auf den gesamten Pazifischen Raum ausgeweitet. Nun, so warnen Hilfsorganisationen besorgt, sind die Nachbarländer mit schwächerer Infrastruktur in Gefahr. Dort könnte die Zerstörung noch weit verheerender ausfallen. In den Philippinen zum Beispiel wird die Todeswelle in den frühen Morgenstunden erwartet. Das Schlimmste ist offenbar noch nicht vorüber.