Angst vor Kernschmelze

Notfall in zweitem japanischem Atomkraftwerk

Im AKW Fukushima 2 ist ebenfalls das Kühlsystem ausgefallen. Im AKW Fukushima Daichi ist die Radioaktivität um das Tausendfache gestiegen.

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Infolge des schweren Erdbebens in Japan sind in einem zweiten Atomkraftwerk massive Probleme mit dem Kühlsystem aufgetreten. In drei Reaktoren des Akw Fukushima 2 büßten die Kühlsysteme einen Teil ihrer Leistungsfähigkeit ein, wie die Betreiberfirma Tokyo Electric Power (Tepco) nach japanischen Medienberichten mitteilte. Die Anwohner in einem Umkreis von drei Kilometern müssen ihre Häuser verlassen.

Fukushima 2 liegt zwölf Kilometer vom Akw Fukushima 1 entfernt, wo ebenfalls das Kühlsystem beschädigt wurde. Damit gilt nun für insgesamt fünf Reaktoren in zwei Atomkraftwerken der Notstand. Betroffen sind zwei Reaktoren im AKW Fukushima 1 und drei im nahe gelegenen AKW Fukushima 2. Alle fünf Reaktoren wurden nach dem schweren Erdbeben vom Freitag abgeschaltet.

Aus dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1 ist nach Angaben der Betreiberfirma Tepco eine geringe Menge Radioaktivität ausgetreten. Der Brennstoff in dem Reaktor wurde wegen sinkender Wasserstände möglicherweise beschädigt, wie das Unternehmen am Samstag mitteilte. Tepco appellierte an seine Kunden, so wenig Strom wie möglich zu verbrauchen, weil die Nachfrage nicht erfüllt werden könne. Mehrere Reaktoren wurden wegen des Erdbebens abgeschaltet oder waren wegen Wartungsarbeiten ohnehin nicht am Netz.

Auch im Umkreis von Fukushima 1 ist die Radioaktivität gestiegen. Im Innern habe sie das Tausendfache des Normalwerts erreicht, teilten die Behörden am Samstag mit. Die Evakuierungszone werde ausgeweitet.

Nach dem verheerenden Erdbeben am Freitag war die Stromversorgung für das Kühlsystem ausgefallen und der Druck im Reaktor weiter angestiegen. Die Regierung rief für das Kraftwerk den Notstand aus.

Die Evakuierungen wurden nach dem Anstieg der Radioaktivität ausgeweitet, wie die Behörden mitteilten. Zuvor hatte die Regierung angeordnet, Tausende Anwohner in Sicherheit zu bringen. Sie sollten mindestens drei Kilometer Abstand von der Anlage halten und sich innerhalb von Gebäuden aufhalten.

Um den gestiegenen Druck in einem der sechs Reaktoren zu reduzieren, wollen die Behörden dort etwas radioaktiven Dampf ablassen. Die Atomsicherheitsbehörde erklärte, der Druck sei auf das 2,1-fache des Normalwerts angestiegen.

Der kontrolliert freigesetzte Dampf werde gefiltert, um Radioaktivität in der Anlage zu halten, teilten japanische Behörden der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA mit. Nach einer Experteneinschätzung ist es aber unwahrscheinlich, dass in solch einer Situation keinerlei Radioaktivität freigesetzt wird.

Kabinettssekretär Yukio Edano erklärte, die freigesetzte Menge an Radioaktivität sei „sehr gering“. Weil bereits Evakuierungen angeordneten seien und der Wind Richtung Meer wehe, „können wir Sicherheit garantieren“, sagte Edano auf einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz.

Die Ingenieure täten ihr Möglichstes, um das Kühlsystem des etwa 270 Kilometer nordöstlich von Tokio gelegenen Atomkraftwerks wieder in Betrieb zu setzen, teilte die Atomaufsichtsbehörde mit. Der Erfolg dieser Maßnahme sei jedoch nicht garantiert.

Nach dem Ausfall des Kühlsystems hatten selbst die Notstromgeneratoren versagt. Ein Mitarbeiter der Atomsicherheitsbehörde erklärte, derzeit werde der Reaktor mit einem zweiten System gekühlt, das aber nicht so effektiv sei wie die eigentliche Anlage. Nach Greenpeace-Angaben schauten Brennstäbe teils zwei Meter aus dem Wasser, weil zu wenig Kühlwasser nachgepumpt werden konnte. Experten sprachen vom einem „Station Blackout“.

Nach Angaben der japanischen Atomaufsichtsbehörde Nisa hat der Betreiber drei oder vier Generatorenfahrzeuge vor Ort, könne sie aber nicht anschließen, weil ein passendes Kabel fehle. Derzeit werde versucht, dieses Kabel per Flugzeug herbeizuschaffen. Gleichzeitig versuche das Unternehmen, aus einem anderen Kernkraftwerk eine Ersatzbatterie für den Notbetrieb des Kühlsystems zu dem havarierten AKW zu bringen.

Der Greenpeace-Reaktorexperte Heinz Smital erklärte, selbst ein abgeschaltetes Atomkraftwerk erzeuge noch so viel Nachwärme, dass man eine Kernschmelze nur dann verhindern könne, wenn die Kühlung sichergestellt sei. Das Erdbeben habe eine sehr große Energie gehabt, „so dass viele Systeme möglicherweise nicht funktionieren wie sie sollten“.

US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte zunächst, Washington stelle Japan Kühlflüssigkeit zur Verfügung. Gewährsleute erklärten später aber, Clinton habe sich versprochen. Die USA hätten Japan die Bereitstellung von Kühlmittel angeboten, Tokio habe dies aber abgelehnt. Der amerikanische Reaktorexperte Robert Alvarez sprach von einem „beängstigenden Rennen gegen die Zeit“.

Röttgen rechnet nicht mit Folgen für Deutschland

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagte, es bestehe eine ernste Situation. Im äußersten Fall sei auch eine Kernschmelze in bis zu drei Reaktorblöcken der Anlage möglich. Dies hätte wie 1986 in Tschernobyl weitreichende Folgen für Bevölkerung und Umwelt.

Angesichts der weiten Entfernung und des angekündigten Wetters sei im Falle einer Kernschmelze in dem japanischen Atomkraftwerk für Deutschland nicht mit radioaktiver Strahlung zu rechnen, so Röttgen. Nach jetzigem Stand würde eine mögliche radioaktive Wolke über den Pazifik hinweg ziehen.

Wiederaufbereitungsanlage hat ebenfalls nur Not-Kühlung

Auch die Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho im Erdbebengebiet wird derzeit mit Notstrom gekühlt. „Hier liegen rund 3000 Tonnen hochradioaktiver abgebrannter Brennstoff“, sagte der international tätige Atomexperte Mycle Schneider. Das entspreche etwa der Menge an Brennstoff, die in 25 bis 30 Atomreaktoren gelagert wird. „Wenn die Brennstäbe nicht gekühlt werden, entzünden sie sich selbst“, erklärte Schneider.

Aufgrund des Stromausfalls werde auch die Anlage in Rokkasho mit Dieselgeneratoren betrieben, bestätigte das Japanische Atom-Informationsforum (JAIF) in einer Presseerklärung. Die Notgeneratoren seien allerdings nicht darauf ausgelegt, langfristig zu laufen, erklärte Schneider, der mehrere Dutzend Male als Atomexperte in Japan war. „Wenn so eine Wiederaufbereitungsanlage in Brand gerät, weil die Kühlung versagt, entweicht Radioaktivität.“

Allerdings sei die Gefahr nicht ganz mit der eines Vorfalls in einem Atomreaktor zu vergleichen, erklärte Christoph von Lieven, Atomexperte der Umweltorganisation Greenpeace. „Der Atommüll liegt im Abklingbecken und befindet sich nicht mehr in einer Kettenreaktion. Radioaktivität würde zwar entweichen, jedoch nicht in Form einer Explosion“, sagte von Lieven.

In der von dem verheerenden Erdbeben der Stärke 8,9 am schwersten betroffenen Präfektur Miyagi brach zudem im Turbinenraum einer Atomanlage in Onagawa ein Feuer aus. Rauch stieg aus dem Gebäude auf, das abseits des Reaktorblocks liegt. Das Feuer konnte gelöscht werden, wie der Betreiber Tohoku Electric Power mitteilte. Radioaktive Strahlung sei aber nicht ausgetreten.