Japanische Atomkraftwerke

Die Angst vor der Kernschmelze nach dem Beben

Zwei Atomkraftwerke wurden in Japan beschädigt. Ein Gutachter nennt die Lage "sehr bedrohlich", in einem Reaktor steigt die Radioaktivität.

Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima steigt die Radioaktivität in einem Turbinengebäude des Reaktors Nummer 1. Das meldete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Betreibergesellschaft in der Nacht zum Samstag. Nach Angaben des Fernsehsenders NHK ist zudem auch der Druck in einem der Reaktoren gestiegen. Es werde derzeit überlegt, „ein wenig" Luft rauszulassen, um den Druck zu senken. Tausende Anwohner sind bereits in Sicherheit gebracht worden, Militär wurde in die Region geschickt.

Laut Betreiberunternehmen Tepco (Tokyo Electric Power Company) werde wenn überhaupt nur „wenig" Luft abgelassen, was einem Experten zufolge ein „üblicher Vorgang" sei. Bisher gelangt es nicht, die Stromversorgung für das Kühlwassersystem wieder herzustellen. In zwei Reaktoren des AKW fiel deshalb die Kühlung aus. Als Folge war das Kühlwasser bedrohlich zurückgegangen. Im äußersten Fall droht laut Experten die Gefahr einer Kernschmelze.

Nach Angaben derjapanische Atomaufsichtsbehörde Nisa habe der Betreiber drei oder vier Generatorenfahrzeuge vor Ort, könne sie aber nicht anschließen, weil ein passendes Kabel fehle. Derzeit werde versucht, dieses Kabel per Flugzeug herbeizuschaffen. Gleichzeitig versuche das Unternehmen, aus einem anderen Kernkraftwerk eine Ersatzbatterie für den Notbetrieb des Kühlsystems zu dem havarierten AKW zu bringen.

Die USA schickten Reaktorkühlmittel nach Japan , um einen Beitrag zur Lösung der kritischen Lage im Atomkraftwerk Fukushima zu leisten. Außenministerin Hillary Clinton sagte, die US-Luftwaffe habe aufbereitetes Kühlwasser zu der Anlage transportiert. Der amerikanische Reaktorexperte Robert Alvarez sprach von einem „beängstigenden Rennen gegen die Zeit“.

Nach Greenpeace-Angaben schauten Brennstäbe teils zwei Meter aus dem Wasser, weil zu wenig Kühlwasser nachgepumpt werden konnte. Experten sprachen vom einem „Station Blackout“. Trotz der durch das Beben erfolgten Abschaltung sei es im Reaktorkern weiter sehr heiß – und ohne Strom funktioniere kein Sicherheitssystem mehr. Der betroffene Block Daiichi-1 ist der älteste und war 1971 ans Netz gegangen. Die Anlage liegt 250 Kilometer nördlich von Tokio.

Zunächst hatte die Internationale Atomenergie-Organisation IAEA verkündet, die vier Atomkraftwerke, die dem Erdbebengebiet im Nordosten Japans am nächsten liegen, seien „sicher heruntergefahren worden“. Doch dann musste die Behörde von „erhöhter Alarmbereitschaft“ beim Atomkraftwerk Fukushima Daiichi berichten und einem „gelöschten Feuer“ in einer Anlage in Onagawa.

Aus beiden Reaktoren sei keine Radioaktivität ausgetreten. Die japanische Regierung rief dennoch knapp sechs Stunden nach dem verheerenden Erdbeben zum ersten Mal in der Geschichte des Landes den „Atomalarm“ aus.

Mycle Schneider, international tätiger Gutachter für Atomanlagen und Autor des renommierten „World Nuclear Industry Status Reports 2009“, hält die Aussage der IAEA vom „sicheren Herunterfahren“ ohnehin für „waghalsig“: In Wirklichkeit handele es sich um 14 Reaktoren an vier Standorten, von denen allerdings nicht alle im laufenden Betrieb gewesen seien.

Vor allem aber bedeute eine „Schnellabschaltung“ noch lange keine Entwarnung. Denn die Kühlung der Anlagen müsse weiter betrieben werden, weil die Reaktoren weiterhin Hitze abgeben. „Die Restzerfallswärme ist ungeheuer groß, nämlich sieben Prozent der Kraftwerksleistung“, sagte Schneider, der mehrere Dutzend Male in Japan war, um als Atom-Gutachter tätig zu sein. „Ich würde zurzeit alle Informationen aus Japan mit der Pinzette anfassen“, sagte Schneider.

Bisher gibt es ohnehin kaum Informationen über das gelöschte Feuer im Atomkraftwerk Onagawa. Sicher ist: Dort gibt es drei Reaktoren, die alle Siedewasserreaktoren sind. Dabei wandelt die bei der Kernspaltung im Primärkreislauf erzeugte Wärme das Wasser in Wasserdampf, der direkt die den Strom produzierenden Turbinen antreibt.

Durch das Feuer bei den Turbinen wurde der Reaktor selbst nicht gefährdet, die Flammen konnten laut der japanischen Atomsicherheitsbehörde NISA nach einigen Stunden gelöscht werden. Da es keine direkte Trennung zwischen Primärkreislauf und Turbinen gibt, hätte der Brand aber dazu führen können, dass Radioaktivität über mögliche Schäden im Turbinengebäude nach draußen dringt.

Umweltschützer betonen, die Vorfälle in Japan zeigten, dass Atomkraft unverantwortlich sei. „Die Befürworter der Atomenergie unterschlagen die Sicherheitsdimensionen“, sagt der frühere Umweltstaatssekretär und heutige Vorsitzende der Naturfreunde Deutschlands, Michael Müller (SPD). Es gehe nicht nur um die Eintrittswahrscheinlichkeit, die bei AKWs sehr gering sei. „Es geht, zumal in dicht bevölkerten Regionen, auch um den Schadensumfang“, sagt Müller.

„So eine Situation, dass so viele Reaktoren gleichzeitig betroffen sind, hatten wir noch nie“, sagt Rüdiger Rosenthal vom Bund für Naturschutz Deutschland (BUND). „Das zeigt mal wieder, welches Risiko wir mit der Atomkraft eingehen.“ Wirklich sicher könne man Atomkraftwerke eben nicht betreiben.