Amanda Knox

Als dem "Engel mit Eisaugen" speiübel wurde

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Uwe Schmitt

Amanda Knox wurde als Mörderin ihrer Kommilitonin berühmt. In Italien wurde sie zu 26 Jahren Haft verurteilt. Ihr Fall wurde jetzt verfilmt. Nicht nur das ist ein Drama.

Es irrt, wer meint, die amerikanische Nation habe sich am Montagabend vor dem Fernseher versammelt, um mit geballten Fäusten und Racheverwünschungen das Drama „Amanda Knox: Murder on Trial in Italy“ zu bezeugen.

Das Aufsehen war gering, und das war ein gutes Zeichen. Die Dramatisierung des sensationellen Mordfalls durch den österreichisch-amerikanischen Regisseur Robert Dornhelm schlug sich auf keine Seite eines Glaubenskriegs, der vor zwei Jahren die Boulevardpresse in Italien und den USA aufeinanderhetzte und zu Boykottaufrufen gegen italienische Restaurants verleitete.

Gelitten hat an dem Film, so berichtet Knox’ Stiefvater Chris Mellas nach einem Telefonat mit seiner Tochter, die zu 26 Jahren Haft verurteilte Mörderin im Gefängnis in Italien. Sie sah einen Trailer des Films in der Zelle und kämpfte vor Entsetzen mit Übelkeitsanfällen und Atemnot.

Seit Dezember 2010 läuft das Berufungsverfahren von Amanda Knox (23), in dem neue Beweismittel zugelassen sind. Ihre Familie hatte über ihre Anwälte alles getan, eine Ausstrahlung des Films zu verhindern. Verbittert beklagten Knox’ Mutter Edda Mellas und ihr Vater Curt Knox, die seit über 20 Jahren getrennt leben, „selbstsüchtige, profitgierige Motive“ in dem „schändlichen, mit Ungenauigkeiten gespickten“ Film.

Sie seien traurig und verärgert. Der US-Anwalt der Familie, Theodore Simon, macht geltend, die Dramatisierung verletze während des Berufungsverfahrens die in der Verfassung garantierte Unschuldsvermutung für Angeklagte.

Fest steht, dass keine rechtlichen Schritte die Ausstrahlung des Films von Robert Dornhelm (63) verhinderten. Das wäre auch zu viel der Ehre für ein konventionelles Fernsehdrama gewesen.

Er könne nicht sagen, welcher Seite sein Film nütze, hatte Dornhelm im Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt. Doch die amerikanische Bevölkerung finde „Shakespeare’sche Dramen unterhaltsam, besonders wenn es um Sex geht und die Akteure gut aussehen“.

Gewiss ist jenseits des Films: In einer Dezembernacht 2009 kamen zwei Richter und sechs Geschworene in der mittelitalienischen Stadt Perugia nach einem fast ein Jahr lang währenden Indizienprozess zu dem Schluss, dass die Amerikanerin Amanda Knox (22) schuldig an der Ermordung ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher sei. Das Gericht erkannte auf 26 Jahre Haft für Knox, 25 Jahre für ihren ehemaligen Geliebten, Raffaele Sollecito. Zusammen mit einem dritten Mann, Rudy Guede, sollen sie die 21 Jahre alte britische Austauschstudentin in der Nacht zum 2. November 2007 auf brutale Weise gequält, vergewaltigt und ermordet haben.

Knox und Sollecito beteuern ihre Unschuld und arbeiten an ihren Berufungsverfahren, die nach dem italienischen Strafprozessrecht automatisch nach einer Verurteilung angestrengt werden können. Eine bemerkenswert faire Regelung, die jedoch in Knox’ „riesiger PR-Maschine“ (Dornhelm) niemanden versöhnt. „Euer System hier ist absolut geisteskrank“, ruft im Film Edda Mellas aus. Ihr Anwalt lächelt dünn.

Es ist unbestreitbar, dass viele Amerikaner wider alle Evidenz meinen, nur in ihrem Land werde rechtens Recht gesprochen, in der übrigen Welt herrschten Barbarei und Willkür. Wahr ist weiter, dass ein Justizirrtum, wenn die Verurteilung von Knox einer wäre, noch monströser erscheint, wenn er Tausende Meilen entfernt begangen und in einer fremden Sprache formuliert wird.

Der Film versucht nicht zu entscheiden, ob die Indizien gegen Knox und ihren Geliebten ausreichten oder ob die Spurensicherung schlampig gearbeitet hat. Er zeigt auch weder Knox noch Sollecito bei der Tat; eine grausige Folterszene wurde herausgeschnitten. Das Drehbuch arbeitet mit Rückblenden zu Knox’ unbeschwertem Leben in Seattle; nichts deutet auf eine Neigung zu Drogen oder Sexeskapaden hin.

Amanda Knox (Hayden Panettiere) ist ein sympathisches, lebenslustiges Mädchen; erst am Tag nach dem Mord verhält sie sich sonderbar (wie Zeugen aussagten), als sie lachend mit ihrem Geliebten auf dem Polizeirevier herumschmust, während die Freunde Meredith’ eine Mahnwache halten. Da der Film peinlich darauf achtet, keine Partei zu ergreifen, bleibt ein mögliches Motiv im Dunkeln.

Nicht einmal die Familie Mellas wird zu behaupten wagen, die US-Justiz arbeite ohne Fehler und Irrtümer, zumal bei dem Risiko, Menschen unschuldig hinzurichten. Es ist unmöglich zu entscheiden, welches für die Eltern die größere Tragödie wäre: Nicht fassen zu können, dass ihre Tochter unschuldig verurteilt wurde, oder nicht fassen zu können, dass ihre Tochter eine Mörderin ist.

Die Angehörigen von Meredith Kercher beschweren sich verbittert, dass der Rummel um Knox, ob um „den Engel mit den Eisaugen“ oder das Justizopfer, das Gedenken an das einzige wirkliche Opfer unerträglich übertöne.

Hayden Panettiere hat den Film verteidigt. Wie sie entschied auch Robert Dornhelm, keine Angehörigen der einen wie der anderen Seite zu treffen.