Film über Natascha Kampusch

"Ich hatte Angst, lebendig begraben zu sein"

| Lesedauer: 8 Minuten
Uwe Felgenhauer

Sonderkommissionen, Ermittlungspannen, Gerüchte: Seit ihrer Entführung 1998 und noch mehr seit ihrer Flucht 2006 steht Natascha Kampusch im Fokus weltweiten Interesses. In einer leisen ARD-Dokumentation spricht die Österreicherin nun erstmals detailliert über die Zeit ihrer Gefangenschaft.

Im Februar wird Natascha Kampusch 22. Achteinhalb Jahre davon lebte sie in Gefangenschaft, eingekerkert in einem knapp fünf Quadratmeter kleinen fensterlosen Kellerverlies eines Einfamilienhauses in Strasshof bei Wien. ”Ich bin für mein Leben geächtet“, sagt sie zu Beginn der ARD-Dokumentation ”Natascha Kampusch – 3096 Tage Gefangenschaft“. Und sie fühle sich, als habe sie einen Stempel auf der Stirn: ”Ich bin ein Gewaltopfer“. Wie sie der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil dazu machte, wie er sie ihrer Freiheit beraubte, eines Teils ihrer Kindheit und ihrer Jugend – das kann Kampusch noch heute dezidiert schildern.

Es geschah am Morgen des 2. März 1998 im XXII. Wiener Bezirk. Auf ihrem Weg zur Schule sieht die damals Zehnjährige einen Mann vor einem weißen Kleintransporter, der auf sie zukommt: ”Er schnappte mich, packte mich in den Kastenwagen. Ich versuchte zu schreien, doch es kam kein Laut.“

Eingewickelt in eine blaue Decke habe er sie dann aus der Garage in sein Haus und gleich runter ins Verlies getragen und dort ”in der Finsternis“ auf den Boden gelegt. ”Ich hatte mit meinem Leben schon abgeschlossen.“ Am ersten Tag ihrer Gefangenschaft erhält sie eine fünf Zentimeter dicke Matratze, die blaue Decke zum Zudecken. Die Luft in dem rund 2,70 Meter langen, 1,80 Meter breiten und 2,37 Meter hohen Raum sei schlecht und kalt gewesen, die Luftfeuchtigkeit ”ekelhaft“.

Kommuniktion der Gefangenen

”Anfangs zählte ich die Sekunden”, so Kampusch, doch ”bald wusste ich nicht mehr, ob Tag oder Nacht ist.“ Später installiert Priklopil eine Zeitschaltuhr, durch die das Licht ”regelmäßig an- und ausging” – und eine Gegensprechanlage für die Kommunikation mit seiner Gefangenen.

Mit sparsamen dramaturgischen Mitteln rekonstruieren Autor Peter Reichard und Regisseurin Alina Teodorescu Kampuschs Martyrium in dem Kellerverlies, in dem sie einen Tag lang drehen durften. Schon recht früh nach ihrer Flucht hatte Reichard, der früher selbst Polizist war und auch mit Entführungsfällen zu tun hatte, den Kontakt zur Österreicherin gesucht. Als sie Jahre später gesprächsbereit war, stand sie ihm eine Woche Rede und Antwort.

Teodorescu nahm das Interview in nur zwei Kameraeinstellungen auf. Meist ist Kampusch hinter den Querstreben eines Jalousie-Filters zu sehen, der das Bild abdunkelt. Wenn sie dann die karge Einrichtung ihres Gefängnisses beschreibt und die Kamera in kurzen Schnitten einen Ventilator, einen Duschbrausenkopf, einen Wasserhahn einfängt, wird der ganze Horror schier greifbar. Zwischendurch schildert Reichard immer wieder den Stand der polizeilichen Ermittlungen.

Zu Wort kommen auch Kampuschs Mutter Brigitta Sirny, die zwischenzeitlich in Verdacht geraten war, ihre Tochter ermordet zu haben, und Priklopils Geschäftspartner Ernst H. Er wurde bis zuletzt der Mittäterschaft verdächtigt. Im Film erinnert er sich unter anderem an Besuche in dem Haus, bei denen er ”nichts gemerkt habe“, und an Priklopils Frage, wie man einen Raum am besten schallisoliert.

Gesichert hatte der Täter das Verlies perfekt. Hinter dem 50 mal 50 Zentimeter großen Loch, durch das man sich hindurchzwängen musste, versperrten drei schwere Türen den Zugang, davor lagerte Sperrmüll. Um alles wegzuräumen, benötigte Priklopil stets eine Stunde, erzählt Kampusch. ”Ich hatte Angst, lebendig begraben zu sein, wenn er mal schwächer wird.“

Später, als Priklopil sich immer sicherer fühlte, ließ er das Mädchen öfter nach oben ins Haus. ”Er integrierte mich zunehmend in seinen Haushalt.“ Doch ihr Peiniger sei von einem regelrechten Putzzwang befallen gewesen. Wenn Kampusch weinte, habe er ihr die Tränen mit dem Handrücken eingerieben – aus Angst, ”die Fliesen könnten angegriffen werden“. Sie musste eine Plastikhaube auf dem Kopf tragen und wurde ”geschlagen und gewürgt“, wenn sie irgendwo Fingerabdrücke hinterließ. ”Es muss eine Genugtuung für ihn gewesen sein, über jemanden bestimmen zu können, jemanden für sich allein zu haben“, sagt Natascha Kampusch.

Unbändiger Überlebenswille

Wie unbändig ihr Überlebenswille gewesen sein muss und wie stark diese junge, äußerst reflektierte Frau ist, wird deutlich, wenn sie sagt, sie habe dem Täter immer sofort alles verziehen. ”Sonst wäre ich wohl zu Grunde gegangen.“ Geholfen habe ihr auch das Lesen von Büchern, die ihr Priklopil gab, und das Hören von Radiosendungen, die für sie zur ”Ersatzfamilie“ wurden.

Nachts durfte sie mitunter fünf bis zehn Minuten in den Garten. ”Der Wind, die Hecken anfassen – das war toll.“ Als Andenken habe sie dann ein paar Zweige abgepflückt.

Am 23. August 2006 gegen Mittag nutzte Natascha Kampusch eine Unaufmerksamkeit Priklopils zur Flucht. Mit dem Staubsauger reinigte sie gerade sein Fahrzeug, die Hoftür stand offen: ”Ich lief so schnell ich konnte, so schnell mich meine Beine tragen konnten.“ Der Täter nahm sich noch am selben Tag das Leben.

Was die junge Frau danach erwartete, waren nicht nur unzählige Interviewanfragen, sondern auch grausige Gerüchte um Sado-Maso-Praktiken während ihrer Gefangenschaft und einen Kinderpornoring, dessen Chef Priklopil gewesen sein soll. ”Das wollen die Leute, dieses Abstoßende“, sagt Kampusch. Selbst Häme und Niedertracht, mit der ihr in Medien und Internet-Foren seitdem begegnet wird, versteht sie richtig einzuordnen: ”Die Tat löst Aggressionen aus. Und weil ich nur da bin, krieg ich’s halt ab.“

Natascha Kampusch wird wohl noch länger eine Medienfigur bleiben. Und wer will es einer Frau verdenken, die jetzt erst ihren Mittelstufenabschluss nachholt, dass sie etwa mit einer eigenen Talkshow bei einem österreichischen Privatsender (”Natascha Kampusch trifft“, nach drei Folgen 2008 wieder abgesetzt) und mit Interviews Geld verdient?

Bei der nun ausgestrahlten Dokumentation jedenfalls scheint es ihr weniger ums Geld gegangen zu sein. Auf die habe sie sich eingelassen, weil sie ihren Fall nicht immer nur von österreichischen Medien, sondern mal von „einer anderen Seite betrachtet“ sehen wollte.

In ihrer Heimat hat die Oberstaatsanwaltschaft Wien den Fall übrigens gerade erst vor zwei Wochen zu den Akten gelegt, zuletzt schloss sie auch die Mittätertheorie aus. Bereits kurz nach der Entführung war es zu Ermittlungspannen gekommen. Bei der umfangreichsten Vermisstensuche der österreichischen Kriminalgeschichte kontrollierte die Polizei 5000 Fahrzeuge, darunter auch das des Täters, der aber nicht für verdächtig erachtet wurde. Einem anonymen Hinweis auf ihn gingen die Beamten nicht nach.

Die beiden 1998 und 2002 eingesetzten Sonderkommissionen und eine vom Innenminister beauftragte Evaluierungskommission geizten nicht mit Mutmaßungen und Verdächtigungen, sodass der Fall 2008 erneut aufgerollt wurde. Bei den neuen Ermittlungen widerlegten die Behörden auch Behauptungen, nach denen Kampusch mehrfach geflohen, aber freiwillig zu ihrem Peiniger zurückgekehrt sei, und Videos von ihrer Gefangenschaft im Internet zu sehen seien.

Zugleich stufte Sonderermittler Thomas Mühlbacher drei Vorfälle als Fluchtversuche ein. Einmal habe das Entführungsopfer bei einem Skiausflug mit Priklopil auf sich aufmerksam zu machen versucht, ein anderes Mal habe es in Wien versucht zu fliehen. Beim dritten Vorfall wollte Kampusch aus dem Haus des Täters in Niederösterreich fliehen, schaffte es wegen ihres schlechten Gesundheitszustands aber nur bis zum Gartenzaun.

Mühlbacher widersprach somit dem Leiter der Evaluierungskommission und langjährigen Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs Ludwig Adamovich. Der hatte in einem Interview unter anderem gesagt, dass es dem Mädchen möglicherweise in dem Verlies besser gegangen sei als zuvor. Adamovich ist für diese Aussage im Dezember 2009 nach einer Klage von Kampuschs Mutter zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt worden, wogegen sein Anwalt Berufung einlegte.

Der Fall Kampusch geht also weiter – wohl auch im Fernsehen. Autor Peter Reichard kündigte an, es werde ”irgendwann“ einen zweiten Film geben.

Natascha Kampusch – 3096 Tage Gefangenschaft, Mo., 25.1., 21.00 Uhr, ARD

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