Late Night "Illner"

Erregung für Guttenberg wie bei Prinzessin Diana

| Lesedauer: 5 Minuten

Foto: Svea Pietschmann / Svea Pietschmann/ZDF

Nach dem Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs ließ Maybrit Illner über die Lehren aus der Affäre und die "Erregungsbereitschaft" des Internets diskutieren.

“Auf einen Mann einzutreten, der bereits am Boden liegt, würde von schlechtem Stil zeugen“, gab der SPD-Politiker und ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi in ruhig hanseatischer Art zu bedenken. Tatsächlich ist der persönliche Teil der Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit mit dem Verzicht auf Ministeramt und Bundestagsmandat beendet. Sein Nachfolger Thomas de Maizière ist schließlich bereits im Amt.

Alles weitere wird die Staatsanwaltschaft Hof klären. Nach dem Verlust der Guttenbergschen Immunität prüft diese, inwieweit es zu einer strafrechtlich relevanten Urheberrechtsverletzung gekommen ist. Derzeit liegen ihr in der Sache mehr als 80 Anzeigen vor.

Unabhängig von dieser Ermittlungsarbeit wird die allgemeinpolitische Beurteilung der “Causa KT“ in allen Parteien noch einige Zeit für Gesprächsstoff sorgen. Längst ist die Diskussion um den ehemaligen Verteidigungsminister auf der Metaebene angekommen – natürlich auch im Fernsehen.

Wie ist der Ablauf der Ereignisse zu bewerten? Was kann die Politik für die Zukunft daraus lernen? Ist ein Comeback des gestrauchelten Freiherrn denkbar? Und welchen Schaden hat die Bundeskanzlerin im Verlauf der vergangenen beiden Wochen genommen? Einen ganzen Haufen Fragen hatte Maybrit Illner sich und ihren Gästen auf die To-Do-Liste gepackt.

Zunächst war es aber an von Dohnanyi, freundschaftliche Verbundenheit zu einem weiteren Studiogast zu bekennen. „Ich bin mit allen gescheiten Politikern befreundet. Auch mit Herrn Trittin.“ Im Wissen um diesen Rückhalt wird der Bundestagsfraktionschef der Grünen ruhig schlafen können; auch wenn er, anders als zu Guttenberg, nicht auf über 500.000 virtuelle Befürworter bei Facebook kommt.

Thomas de Maizière als bestmöglicher Nachfolger

Für eine Freundschaft zwischen Jürgen Trittin und dem ehemaligen CSU-Vorsitzenden Erwin Huber wird es in diesem Leben wohl nicht mehr reichen. Gewohnt unterschiedliche Meinungen präsentierten die beiden Herren im Verlauf der Gesprächsrunde. Immerhin waren sie sich einig, in Thomas de Maizière sei der bestmögliche Nachfolger gefunden worden.

Die Ansicht, zu Guttenberg sei wegen seiner übergroßen Beliebtheit in einer beispiellosen Hetzjagd zur Strecke gebracht worden, vertrat der bayrische Landtagsabgeordnete hingegen exklusiv. Von einer umfassenden und ordentlichen Recherche sprach beispielsweise der Journalist Hajo Schumacher, der unter anderem für Morgenpost Online arbeitet.

„Die CSU und auch die Kanzlerin haben in dieser schweren Zeit wie eine Eins hinter ihrem Verteidigungsminister gestanden“, gab Huber ungeachtet dessen stolz zu Protokoll. Auch dies blieb nicht unwidersprochen. Eben diese Treue kritisierten die anderen Gäste. In den Augen von Trittin hat sie sogar zu einer Beschleunigung der Ereignisse beigetragen. Nicht zuletzt die Wortwahl bei der Ansage Angela Merkels, sie habe keinen wissenschaftlichen Assistenten gesucht, habe die Akademiker im Lande unnötig provoziert.

In einem Punkt fand sich dann doch ein gemeinsamer Nenner: Aus dem „Fall Guttenberg“ wird trotz allem kein „Fall Merkel“ werden. „Zumindest kurzfristig“, meinte „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl. „Der Weg bürgerlicher Grundwerte ist verlassen worden. Auf lange Sicht wird das der Union eventuell schaden.“ Eine Möglichkeit, die schwierige Situation zwischen politischen Zwängen und eben diesen Werten nachhaltiger zu lösen, konnten selbst die alt gedienten Politprofis in der Runde nicht aufzeigen.

Grenzenlose Erregungsbereitschaft

Stattdessen wurde die Rolle des Internets in der ganzen Angelegenheit beleuchtet: Hier war die Doktorarbeit aufs Penibelste untersucht waren. Hier hatten sich die heftigsten Proteste formiert. Und hier sammeln sich momentan die Befürworter einer baldigen Rückkehr zu Guttenbergs. „Die Erregungsbereitschaft in diesen Gruppen ist im Moment grenzenlos“, hat Hajo Schumacher beobachtet. Zum Teil nehme das nahezu komödiantische Züge an. „Fast könnte man meinen, Prinzessin Diana sei noch einmal gestorben.“

Die fehlenden Zwischentöne zwischen „dafür“ und „dagegen“ bereiten ihm allerdings Sorgen. „Strauß, Lafontaine, Özdemir: Viele Beispiele haben gezeigt, dass ein solcher Rücktritt nicht das Ende der politischen Karriere bedeuten muss“, mahnte er zu mehr Besonnenheit. Damit rannte er bei Klaus von Dohnanyi eine offene Tür ein.

„Ich halte Karl-Theodor zu Guttenberg vor allem wegen seiner Geradlinigkeit für einen hervorragenden Politiker.“ Wenn er bereit sei, aus seinen Fehlern zu lernen, stehe einer Rückkehr in die Politik nach einer gewissen Zeit nichts im Wege. Erwin Huber und seine Parteikollegen werden ein solches Vorhaben garantiert nicht behindern. „Karl-Theodor ist ein herber Verlust für die CSU, die Koalition und die Demokratie. Unsere Türen werden für ihn immer weit geöffnet sein.“

Die Frage, ob in der bayrischen Landes- oder in der Bundespolitik, ließ Huber ebenso offen wie die, ob dieses Angebot auch nach einer potenziellen Anklage und Verurteilung zu Guttenbergs gelte. Abrupt endete die Diskussion. Eine technische Störung schnitt der Runde das Wort ab. Vielleicht ein Wink des Schicksals, sich ab sofort wieder dem tagespolitischen Geschehen zuzuwenden.

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