Urteil

Fall Karl-Heinz B. – Wenn Rocker Polizisten töten

Angeblich aus Notwehr hat ein Hells-Angels-Mitglied einen SEK-Mann erschossen. Dafür muss er für neun Jahre ins Gefängnis.

Engel ausknipsen. So heißt das im Sprachgebrauch der Bandidos, wenn sie einen Hells Angel unschädlich machen. Karl-Heinz B. aus Anhausen im Westerwald, den seine Freunde „Kalli“ nennen, ist ein Höllenengel. Und als er am frühen Morgen des 17. März 2010 Männer vor seiner Haustür bemerkte, die nicht gerade wie die Zeugen Jehovas wirkten, und die Tür aufbrechen wollten, da glaubte er, dass dran war.

Er fackelte nicht lange. Schließlich war schon einmal bei ihm eingebrochen worden, was er als echte Ehrverletzung empfunden hatte. Noch einmal wollte er sich das nicht bieten lassen. Und „Hells Angels“ brauchen keine Hilfe vom Staat, wenn sie sich bedroht fühlen. Sie regeln ihre Angelegenheiten alleine „Verpisst Euch!“, will Kalli noch gesagt haben, bevor er auf den Abzug seiner Pistole drückte. Das Spezialeinsatzkommando der Polizei, das in Bs. Haus eindringen wollte, will nichts gehört haben. Karl-Heinz B. habe ohne Vorwarnung geschossen. Zwei Mal. Das erste Projektil schlug nur durch die Tür. Das zweite traf den 42-jährigen SEK-Mann Manuel K. Die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen.

In dem Prozess um den Tod des SEK-Mannes – es war der erste Mal seit 25 Jahren, dass in Rheinland-Pfalz ein Polizist im Dienst getötet wurde – sprach das Landgericht Koblenz das Urteil gegen Karl-Heinz B.: Der 44-Jährige geht wegen Totschlags sowie Nötigung und Erpressung für neun Jahre ins Gefängnis. Ursprünglich hatte ihm die Staatsanwaltschaft Mord vorgeworfen. Das hätte lebenslänglich bedeutet. Weil sie dem Angeklagten aber abgenommen hat, nicht gewusst zu haben, dass die Polizei vor der Tür stand und ihm glaubte, dass er sich ernsthaft bedroht gefühlt habe, ging sie jetzt von Totschlag aus.

Angeklagter erpresste Prostituierte

Die Verteidigung hatte der Polizei im Verlauf des Prozesses schwere Vorwürfe gemacht. Gleich mit einem Spezialeinsatzkommando das Haus von Karl-Heinz B. zu stürmen – das sei übertrieben gewesen. Doch die Kripo wusste, was sie tat. Die Durchsuchungsaktion war Teil groß angelegter Ermittlungen im Westerwälder Rotlichtmilieu. Insgesamt sind elf Frauen und Männer unter anderem wegen räuberischer Erpressung angeklagt.

Bei Karl-Heinz B. war die Polizei auf der Suche nach Notizen, aus denen hervorgeht, dass er Prostituierte erpresste. Außerdem wussten die Beamten, dass der Sportschütze einen Waffenschein besitzt. Zudem hatte er sich in abgehörten Telefonaten gewaltbereit gezeigt. Später, als die Polizei schließlich Bs. Haus durchsuchte, fand sie auch die Notizen, die bewiesen, dass er Prostituierte erpresst hatte. Außerdem soll er ein ehemaliges Bandenmitglied erpresst haben.

Rheinland-Pfalz ist besonders betroffen von der kriminellen Energie der Hells Angels. Und die Bandenkriege nehmen hier wie in ganz Deutschland immer schwerere Ausmaße an. Erst im Juni 2009 hatten zwei Mitglieder der Hells Angels den Chef der konkurrierenden Outlaws in Donnersberg getötet. Offenbar hatte sich einer der beiden Täter rächen wollen, weil er drei Tage zuvor von einem Outlaw-Mitglied zusammengeschlagen worden war. Der Friedensvertrag, den die konkurrierenden Rockergangs Bandidos und Hells Angels im Mai 2010 überaus medienwirksam geschlossen haben, gilt als Inszenierung. Er soll ablenken von ihren kriminellen Aktivitäten, die Gebiete abstecken, damit sie sich dabei nicht mehr in die Quere kommen.

Angeklagter entschuldigt sich

In Flensburg sind die „Hells Angels“ seit einem Jahr eine illegale Organisation. Und der Polizistenmord von Anhausen wird den Versuchen der Rocker, sich in ein legales Licht zu stellen, nicht gerade förderlich sein. So veranlasste er das niedersächsische Innenministerium sowie den Berliner Innensenat, das Verbot der Hells Angels zu prüfen. Juristisch ist das nicht so einfach. Tatsächlich sind auch nicht alle Mitglieder der Motorradclubs kriminell.

Immerhin hat eine Untersuchung der europäischen Polizeibehörde Europol über „Outlaw Motorcycle Gangs“ in Europa herausbekommen, dass 60 Prozent vorbestraft sind. Vertreten sind sie häufig im Rotlichtmilieu als Zuhälter und Bordellbesitzer. In Deutschland, so die Polizei, war die Rocker-Szene noch nie so gefährlich wie heute. Sie seien gut durchorganisiert. Ihre Strukturen werden mit denen der italienischen Mafia verglichen. Bundesweit sollen rund 3500 Frauen und Männer den großen Clubs wie Hells Angels, Outlaws und Bandidos angehören.

Nach der Polizistentötung von Anhaus versuchten die Hells Angels, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. „Zutiefst“, so hieß es in einer Pressemitteilung, würden sie den Todesfall bedauern. Auch Karl-Heinz B., der mal Konditor gelernt hat, sagte vor Gericht, dass ihm Manuel Ks. Tod „aus ganzem Herzen“ leidtue. Aber eigentlich, sagte er, sei die Polizei Schuld.

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