Nach Erdbeben

Von Tod bis Hochzeit – Schicksale in Christchurch

Mehr als 100 Menschen haben das Erdbeben in Christchurch nicht überlebt. Dutzende sind schwer verletzt. Andere feiern ihr Glück in der Katastrophe.

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Sechseinhalb Stunden lang war Emma Howard nach dem verheerenden Beben in Christchurch verschüttet. Am Freitag gab sie ihrem Verlobten das Ja-Wort.

Video: Reuters
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Die Opfer des schweren Erdbebens in Neuseeland bekommen Gesichter. An einigen Stellen in Christchurch stehen Menschen mit den Fotos vermisster Angehöriger vor den Trümmerhaufen, wie Mahnwachen. Zeitungen veröffentlichen Fotos von denen, die nach dem schweren Erdbeben am Dienstag nicht nach Hause kamen. Manche haben Stunden eingeklemmt unter Beton und Ziegelsteinen ausgeharrt – und dann kam die Rettung. Über einige dieser Menschen berichtet die Lokalzeitung „The Press“ in Christchurch.

Einer von ihnen ist Kento Okuda: ein 19-jähriger Student aus Japan, der erstmals im Ausland war. Er wollte Englisch lernen. Er wurde in einer Cafeteria im 4.Stock des Canterbury Television-Gebäudes verschüttet. Vom Handy aus rief er den Bruder in Japan an, der die Behörden alarmierte. Nach zwölf Stunden stießen die Retter zu ihm vor – doch Okudas Bein war unter Tonnen von Beton eingequetscht. Es musste amputiert werden. „Ich habe es akzeptiert, ich wollte nur leben“, sagte er der Zeitung. „Ich will trotzdem noch die Welt entdecken. Ich hoffe, ich bekomme einen Job, bei dem ich mein hier gelerntes Englisch benutzen kann.“

Brian ist ein 52-jähriger Neuseeländer. Er lag schwer verletzt und eingeklemmt unter dem eingestürzten Pyne Gould Corporation-Building. Ärzte, die anlässlich eines Urulogen-Kongresses in Christchurch waren, fanden ihn nach fünf Stunden. „Wir hatte keine andere Wahl, als seine Beine zu amputieren“, sagte der Arzt Stuart Philip (38) aus Brisbane in Australien. „Die Operation wurde praktisch mit einem Schweizer Taschenmesser und einer Säge ausgeführt – wir hatten nichts anderes.“

Ein Anästhesist war zur Hand, um dem Mann den Schmerz wenigstens etwas zu nehmen. Brian kam ins Krankenhaus und überlebte. Stuart Philip schrieb zwischendurch eine SMS, um sich von seiner Frau und den zwei Kindern zu verabschieden. „Mit den vielen Nachbeben und den Trümmerteilen, die ständig runterfielen, waren wir nicht sicher, ob wir da lebend rauskommen würden.“ Er schaffte es.

Lai Chang, 27, Studentin aus China, schaffte es offensichtlich nicht. Auch sie rief vom Handy aus verzweifelt ihre Familie in China an und sagte, sie sei eingeklemmt. Der Vater alarmierte die chinesische Botschaft in Neuseeland und die Rettungsmannschaften. Doch wurde die junge Frau bis Freitag nicht gefunden.

Das Bild von einem staubverschmierten und schmerzverzerrten Mann ging um die Welt. Das war Shane Tomlin (42). Helfer und Kollegen hatten den Bäcker aus dem eingestürzten Cashel-Einkaufszentrum gezogen. „Er wurde auf eine Holzplanke gelegt und auf dem Dach eines Polizeiautos zum Krankenhaus gefahren“, sagte eine Kollegin. Doch fehlt seitdem von Tomlin jede Spur. „Er hätte mich längst anrufen müssen, er war immer sehr zuverlässig“, sagte seine verzweifelte Mutter Doreen. „Er muss doch noch leben!“

Für Emma Howard gab es ein Happy End, das ganz Christchurch feierte. Mit Kratzern und blauen Flecken auf den Schultern stand sie am Freitag vor dem Traualtar. Da war es vier Tage her, dass sie im einstürzenden Pyne Gould-Gebäude, zusammengekauert in ihrem Büro und von Weinkrämpfen geschüttelt, dem Tod ins Auge sah. Sie rief ihren Verlobten per SMS zu Hilfe. Chris Greenslade grub sich mit bloßen Händen durch den Steinhaufen und half mehreren Eingeschlossenen hinaus – aber seine Emma war nicht dabei. Nach sechseinhalb Stunden wurde sie dann doch befreit. Pastor John Adams traute die beiden in der katholischen King-Kirche. Die Hochzeitsgesellschaft gedachte während der Trauung der Opfer.