Prozess

"Ich hoffe, dass Marcos Albtraum endlich endet"

Im nächsten Frühjahr muss Marco Weiss in der Türkei wieder vor Gericht. Vorwurf: Er soll eine junge Britin vergewaltigt haben. Seine Anwälte legten das Mandat nieder, weil Weiss ein Buch veröffentlichte. Nun ist der alte Verteidiger Jürgen Schmidt der neue. Erstmals spricht er über seinen schwierigen Job.

Foto: ddp / DDP/Sascha Weiss

Marco Weiss, der vor eineinhalb Jahren in der Türkei verhaftet wurde, weil er eine 13-jährige Britin vergewaltigt haben soll, hatte Anfang Dezember ein Buch über seinen Fall herausgebracht. Daraufhin legten Marcos deutschen Anwälte ihr Mandat nieder. Jürgen Schmidt, der ihn bereits am Anfang juristisch vertreten hat, übernahm erneut die Verteidigung. Im April wird der Prozess in Antalya fortgesetzt.

Morgenpost Online : Herr Schmidt, warum tun Sie sich diesen Fall erneut an?

Jürgen Schmidt : Ich habe nicht den Eindruck, dass ich mir etwas antue. Die Eltern von Marco haben mich gebeten, wieder tätig zu werden und ich tue dies gern. Mir tut nach wie vor Marco Leid und auch seine Familie. Ich will ihm helfen, da ich die Familie schon seit längerer Zeit kenne. Die Hilfe wird von der Familie gewünscht und es soll, wie es auch bei meiner ersten Tätigkeit von Mitte Juni 2007 bis Anfang Oktober 2007 gehandhabt wurde, möglichst zurückhaltend gearbeitet werden. Ich habe deshalb lange mit mir gerungen, ob ich dieses Interview überhaupt geben soll.

Morgenpost Online : Was heißt zurückhaltende Arbeit?

Schmidt : In der Türkei selber trete ich nicht auf. Dies tun allein die Kollegen in Antalya. Ich vertrete die Familie hier in Deutschland, und zwar auch bei der Zusammenarbeit mit den Medien und hoffe, dass etwas Ruhe einkehrt. Es ist kein Medienspektakel beabsichtigt.

Morgenpost Online : Die Familie hat die Medienarbeit doch selbst übernommen.

Schmidt : Wenn Sie auf die Buchveröffentlichung von Marco anspielen, muss ich Ihnen sagen, dass man meiner Ansicht nach diesen Schritt akzeptieren muss. Marco konnte sich sehr lange nicht selber äußern. Viel ist über seinen Kopf hinweg geschehen und gesagt worden.

Morgenpost Online : Marco ist freigelassen, aber nicht freigesprochen. Was erwarten Sie von der Fortsetzung des Prozesses am 10. April in Antalya?

Schmidt : Eine Voraussage kann ich nicht treffen. Ich habe jedoch die Hoffnung, dass dann endlich ein Albtraum für Marco endet und Marco freigesprochen wird. Vielleicht überlegen die Richter in der Türkei auch, dass seit der, meiner Ansicht nach, unberechtigten Festnahme von Marco zwei Jahre verstrichen sind, ohne dass die Richter nach meinem Dafürhalten etwas Belastendes in Händen haben.

Morgenpost Online : Wie erklären Sie sich, dass sich der Prozess derart lang hinzieht?

Schmidt : Dafür habe ich keine Erklärung. Angesichts der Kommunikationsmöglichkeiten ist das sehr zeitaufwendige Hin und Her mit der Übermittlung von Akten und Übersetzungen unerklärlich.

Morgenpost Online : Hat Marco mit seinen Haftmemoiren nicht einen möglichen Freispruch gefährdet?

Schmidt : Ich glaube das nicht. Ein unabhängiges Gericht muss aufgrund feststehender und vorliegender Tatsachen eine Entscheidung fällen. Wie sich einer der Beteiligten äußert, darf das Gericht nicht beeinflussen. Ich halte Marco aufgrund der mir zum jetzigen Zeitpunkt vorliegenden Unterlagen für unschuldig. Daran kann auch eine Buchveröffentlichung nichts ändern. Ich halte darüber hinaus das Buch insoweit für harmlos. Wer monatelang in Untersuchungshaft verbringt, hat ja wohl das Recht, sich darüber zu äußern.

Morgenpost Online : Das sehen Ihre Kollegen Nagel und Waldraff offenbar anders. Sie wollen Marco nicht mehr vertreten. Können Sie den Schritt nachvollziehen?

Schmidt : Dies kann ich eigentlich nur unter dem Gesichtspunkt nachvollziehen, dass die Kollegen aus Hannover, die sonst daran interessiert schienen, bei jedem Schritt die Medien zu informieren, überrascht waren, dass sie nicht als erste von der Buchveröffentlichung informiert waren. Dies ist allerdings nur eine Vermutung von mir.

Morgenpost Online : Sie sind nicht sonderlich gut auf die Kollegen zu sprechen.

Schmidt : Die Kollegen Waldraff und Nagel warben Mitte August 2007, als Marco schon über vier Monate in türkischer Haft war, in meiner Kanzlei darum, mit ins Boot geholt zu werden, wobei sich ein vermeintlicher Medienberater auch noch um die Mitbeauftragung der Herren Kollegen bemühte.

Morgenpost Online : Aus welchem Grund?

Schmidt : Die Begründung der Kollegen Waldraff und Nagel sowie des Medienberaters erschien mir abenteuerlich. Die genaue Begründung will ich zu diesem Zeitpunkt, bei dem das Verfahren gegen Marco in der Türkei noch nicht abgeschlossen ist, nicht nennen. Ich will nur darauf hinweisen, dass die Eltern von Marco Anfang August 2007 völlig verzweifelt und von daher leicht beeinflussbar waren. Die Eltern erklärten mir, sie hätten die Kollegen Waldraff und Nagel mitbeauftragt unter erheblichen Magenschmerzen, aber sie seien es ihrem Sohn schuldig, nichts unversucht zu lassen.

Morgenpost Online : Warum waren Sie selbst dann in der Zwischenzeit eigentlich nicht mehr beteiligt?

Schmidt : Eine Zusammenarbeit mit den Kollegen Waldraff und Nagel war nicht möglich. Wir waren unterschiedlicher Arbeitsauffassung. Ich war der Meinung, dass man gegenüber den Medien zurückhaltend sein sollte. Die Äußerung des Kollegen Dr. Nagel, „in den ersten Monaten wurde Marco faktisch nicht verteidigt“, war zudem falsch und stellte eine Missachtung der Arbeit der zuvor tätigen Kollegen dar. So war es uns und den türkischen Anwalts-Kollegen Ersoy gelungen – noch bevor die Kollegen aus Hannover überhaupt tätig wurden – dass der Untersuchungsarzt und der zweite Junge, der in der fraglichen Nacht zugegen war, vernommen wurden. Deren Angaben waren günstig für Marco.

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