Bohlens RTL-Show

Endlich wird bei DSDS mal richtig gut gesungen

Auf den Malediven zeigt DSDS endlich, wonach die Show sucht: Talente. Statt peinlicher Pannen und fieser Sprüche gab es tatsächlich schöne Stimmen zu hören.

Groß war der Anspruch, mit dem sich RTL vor rund acht Jahren das erste Mal auf Talentsuche begab. Ein Superstar sollte gefunden werden, herausgefiltert aus tausenden von Teenagern, ein einzigartiges Talent, das die Charts erobern sollte. Und dann kamen Alexander Klaws, Tobias Regner, Thomas Godoj, Daniel Schuhmacher. Kamen, sangen und siegten, landeten einen, vielleicht zwei Charthits – und verschwanden wieder.

Doch nicht nur ihre doch sehr blassen Schatten sind der Grund, warum der nun mittlerweile achte Versuch von RTL, aus Deutschlands Teenagermasse einen Superstar zu fischen, von vielen nur noch müde belächelt wird. Grund ist auch das Konzept der Sendung: Erstmal zu zeigen, wer alles nicht singen kann.

Wochenlang haben uns die Macher mit schiefen Stimmen und schrägen Tanzeinlagen gequält, haben peinliche Auftritte mit peinlichen Effekten unterlegt, dicke, dumme und überhebliche Kandidaten lächerlich gemacht, Bohlen schimpfen und schikanieren lassen. Während Deutschland noch auf den Superstar warten musste, hatte RTL zielsicher schon die Superdeppen ausgemacht und führte sie vor– mit großem Quotenerfolg. Wir gucken hin, wenn andere sich quälen – das Prinzip funktioniert immer.

Dennoch sollten sich die Talentsucher fragen, ob sie der Suche damit einen Gefallen tun. Haben wir doch bisher nur gelernt: Es waren mal wieder eine Menge Vollidioten beim Casting. Kann RTL also letztlich nur zwischen schlimm und weniger schlimm, nicht zwischen gut und besser aussuchen?

Nun gibt es Hoffnung: Abseits der tristen Castinghotels, an den schönen Stränden der Malediven, lernen wir endlich ein paar Jugendliche kennen, die offensichtlich singen können. Es mag am klaren Meerwasser, dem weißen Sand oder den idyllischen Palmen liegen: Auf einmal ist der Goldkettchen-Proll-Mief, der dieser Superstar-Suche seit langem anhaftete, verflogen. Statt perspektivloser Prügelkids stehen jetzt fröhliche junge Menschen in Badehosen vor uns, die mit viel Elan muntere Liedchen trällern.

Schiefe Töne hat man sich diesmal für die letzten zehn Minuten aufgehoben, ein bisschen Häme muss schließlich sein und irgendwer muss auch nach Hause fliegen – Wettbewerb ist Wettbewerb. Für Nicole, Sarah und Anna-Carina aber läuft das Vorsingen gut. Dieter Bohlen lächelt unter seiner Sonnenbrille und macht übertriebene Komplimente: „Das Package ist einfach hammergeil“, stellt er fest, schließlich kann der Poptitan in beide Richtungen zu dick aufgetragen.

Nicht nur gute Stimmen lernen wir nun endlich kennen, auch Namen rauschen in der nun schon arg geschrumpften Kandidatengruppe nicht mehr so schnell vorbei, wie zuvor in den Casting-Runden. Schnell wird deutlich, dass man sich ein paar merken sollte – sie werden wohl in der weiteren Dramaturgie eine Rolle spielen.

Da ist zum einen Marvin. Marvin ist 29, ein bulliger Typ aber nah am Wasser gebaut. Er gilt als einer der Favoriten von Dieter Bohlen – auch wenn Marvin wirklich nicht nach einem Superstar im RTL-Format aussieht, hat der Poptitan ihn ins Herz geschlossen. Beim Recall habe er „gesungen wie ein Gott“, hatte Bohlen damals entzückt festgestellt – auch jetzt bescheinigt er ihm eine Wahnsinnsstimme.

Aber Marvin glaubt nicht an sich, ist unsicher, dabei ungelenk: „Du stehst da wie der letzte Pinsel in deiner Werkstatt“, pflaumt Bohlen ihn an, um sich dann scheinheilig erkundigen: „Was ist denn mit dir los? Warum hast du kein Selbstvertrauen?“ Marvin zuckt mit den Schultern und Bohlen hakt weiter nach: „Was ist denn los, hast du Probleme?“ „Nicht mehr als jeder andere, glaub ich“, sagt Marvin und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, lässt Bohlens letzte Frage unkommentiert: „Wer hat dein Selbstvertrauen so kaputt gemacht?“ Man kann sich sicher sein, dass dieser Punkt noch einmal zur Sprache gebracht werden wird.

Eine feste Rolle in der Superstar-Soap spielt jetzt bereits Pietro. Der 18-Jährige hatte schon seinen Recall-Auftritt völlig vergeigt, weil er sich den Text nicht merken konnte. Ohne weitere Begründung ließ Bohlen ihn damals weiter, jetzt ist der tollpatschige Junge mit auf der Insel und immer noch kann er sich den Text nicht merken. Hinzukommt ein überraschender Stromausfall, der ihn aus seinem Bungalow aussperrt – eine Nacht im Freien verhindern geraden noch Norman und Marvin, die den Jungen in ihrer Hütte übernachten lassen: Eine doch allzu krude inszenierte Spannungsschleife.

Am Ende singt Pietro mit Textzettel und bekommt von Onkel Bohlen ein „Weiter so“ und den väterlichen Hinweise: „Pietro: Lass jetzt nicht nach! Der liebe Gott hat vor den Erfolg den Schweiß gesetzt.“

Diesen Hinweis sollte sich wohl auch Ricardo auf die schweißfeuchte Stirn schreiben – es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich Bohlen den Möchtegern-Checker mit der Rolexuhr vorknöpft. Noch aber genießt der großmäulige Clown Welpenschutz, muss sich lediglich von Fernanda Brandao anhören, er sehe aus, wie ein Mitglied einer Boyband. „Boy Band? Das ist doch nicht Boy Band!“, protestiert Ricardo und man setzt in Gedanken ein „Alter“ dahinter.

Von „großen Talenten“ hat Bohlen geschwärmt, von „einmaligen Stimmen“ und „grandiosen Auftritten“, als nach einer Dreiviertelstunde dann doch noch ein Wolkenbruch über der sonnigen Insel niedergeht. Drei Jungs, die sich vergeblich an einem Mallorca-Hit versuchen, bekommen vom Poptitan entgegengefeuert, selbst „jeder beschissene Hai, der hier rumschwimmt“, habe mehr Rhythmusgefühl als sie, ätzt der Juror.

Dennoch: Abreisen müssen sie nicht sofort – diese Hiobsbotschaft bekommen Fatima und Vidina überbracht, nach nur einem Tag geht es für sie heimwärts. „DSDS ist kein Linienbus, DSDS nimmt nicht jeden mit“, philosophiert der Poptitan großspurig, bevor er sie zum Abschuss vortreten lässt. Kein Linienbus also – was aber dann? Irgendetwas, das mit viel heißer Luft gefüllt wird vielleicht, Luft, die in den kommenden Wochen langsam entweichen wird. Bis auch das letzte Sternchen wieder festen Boden unter den Füßen hat.

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