USA

Babyboomer werden 65 – Wenn Hippies in Rente gehen

In den USA tritt die Generation der Babyboomer von der Bühne des Berufslebens ab. Dem Land steht eine beispiellose Veränderung bevor.

Als sie jung waren, stöhnten sie auf bei Marilyns Posen und Elvis’ Hüftschwung. Sie beteten die Beatles an und schrien sie nieder, sie ließen sich die Haare wachsen und badeten im Schlamm von Woodstock. Sie lebten und lehrten das Lebensgefühl von Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll, bis ihr Studium erledigt war und die Kinder und die Scheidungen, die Jobs und die Stadtstreicherkarrieren kamen. Amerika nennt sie Babyboomer und meint die geburtenstarken Jahrgänge nach dem Zweiten Weltkrieg, die die Welt veränderten. Die ersten zweieinhalb Millionen von ihnen sind schon im Ruhestand.

Seit Jahresbeginn verbreiten die Babyboomer, zu denen auch die Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush zählen, Hoffnung und Schrecken wie seit ihrer Jugend nicht mehr: denn sie gehen nicht nur in Heerscharen in Rente, wie damals sprengen sie das System. Jeden Tag werden rund 7000 bis 10.000 Babyboomer 65 Jahre alt.

Und viele von ihnen können es nicht fassen. In den kommenden 20 Jahren werden es 78 Millionen sein, die Rentenansprüche an das amerikanische System aus Social Security und Medicare stellen. Zu viele Empfänger angesichts der sinkenden Zahl der Steuerzahler. Die Renten werden schrumpfen, die Krankenkasse wird immer weniger Kosten ersetzen: Die meisten Babyboomer sind langlebig, verwöhnt und unterversichert. Das ist eine heikle Kombination, die für Millionen in Altersarmut münden wird.

Während die Mittellosen und Unvermittelbaren auf ihr frühes Hippie-Niveau zurückfallen, jeden Aushilfsjob annehmen, um sich über Wasser zu halten oder ihren Kindern zur Last fallen, wird eine betuchte, privilegierte Gruppe der Babyboomer ihre letzte Revolution anzetteln: Wie Autos gebaut und verkauft, wie Alte gepflegt werden, wie Universitäten, Golfklubs und Kommunen funktionieren, werden ihre Bedürfnisse entscheiden. Ihre Wählerstimmen werden zunehmend den Kongress beherrschen. Sie sind daran gewöhnt, zu erstreiten, was sie wollen. Die Jungen werden nichts zu lachen haben.

Drei von vier Amerikanern beantragen Rente mit 62

In den ebenso bangen wie respektvollen Würdigungen der Boomer, die um den Jahresbeginn durch die US-Medien gingen, überwog deshalb Skepsis. Meist schrieben die Jüngeren über die Nöte und Ansprüche der Boomer, die im Ruf stehen, narzisstisch zu sein. Doch nun stellen die grauen Hippies fest, dass ihre Häuser nicht annähernd das Altenteil abwerfen, das sie erwartet hatten. Fast elf Millionen Amerikaner schulden den Banken mehr, als ihr Haus wert ist; viele sind Babyboomer.

Dazu verschwanden die US-Betriebsrenten. Um 1980 waren sie noch ein verlässlicher Anspruch für 39 Prozent der Beschäftigten, heute sind es 15 Prozent, die darauf zählen können, ihre magere staatliche Rente so zu alimentieren. Drei von vier Amerikanern beantragen ihre Rente und den Medicare-Beitritt mit 62 Jahren, zum frühestmöglichen Termin und bei beträchtlichen Abschlägen. Weil sie keine Wahl haben, arbeitslos und ohne Krankenversicherung sind. Über die Hälfte selbst jener Glücklichen, die jahrzehntelang gut verdienten, Kinder durchs College brachten und hemmungslos ihre Konsumwünsche befriedigten, werden mit enormer Fallhöhe im Lebensstandard abstürzen. Verarmte, tattrige Revolutionäre sind als Kunden unbrauchbar und unbeliebt. Der amerikanischen Industrie bleibt wenig übrig, als auf die Selbstsucht und Eitelkeit der Babyboomer auch im Alter zu setzen.

Wer zum Kauf von Hula-Hoops, LPs, Bell-Bottom-Jeans, später BMWs und iPads verführt werden konnte, mag auch die Fitnessstudios und Schönheitschirurgen mit seinem Jugendwahn durchbringen. Der Konsum der Boomer macht die Hälfte des US-Verbrauchs aus; Boomer geben in Umfragen an, in den kommenden zehn Jahren rund 50 Milliarden Dollar lieber für sich selbst aufwenden zu wollen, als sie ihren Nachkommen zu hinterlassen. Der Weg vom Konsumverzicht ihrer Jugend zur Verbraucherpower im Alter war lang und, so sagen die meisten, ein Vergnügen.

Die Über-50-Organisation AARP hat in Studien bemerkenswerte Zufriedenheit bei den Babyboomern festgestellt. 78 Prozent der Boomer erklären, sie seien ziemlich glücklich mit dem Erreichten und mit dem Leben überhaupt. Nur vier von zehn Befragten gaben allerdings an, sie hätten die finanzielle Sicherheit erarbeitet, die sie erwartet hatten. Angesichts der Lebensspanne, die sie für sich erwarten (85 Jahre), sind das wenig beunruhigende Aussichten.

Das bedeutet: Viele Babyboomer wollen und müssen über das Rentenalter hinaus arbeiten. Zwei von fünf erklären, sie liebten ihren Beruf und wollten ihn noch lange nicht aufgeben. Die Frage ist, ob der Beruf sie zurückliebt. Und ob ihre Kinder und Enkel, mit denen sie um Jobs und Teilzeitarbeit konkurrieren, begeistert davon sind, von den Alten unterboten zu werden. Bei einer Arbeitslosigkeit, die noch über Jahre kaum unter acht Prozent fallen dürfte, lässt dieser Wettbewerb um Jobs nichts Gutes erhoffen. Die einst keinem über 30 trauten und lieber sterben wollten, als den Rock ’n’ Roll zu verraten, sahen sich naturgemäß nie in Rente gehen. Man kann ihnen nicht nachsagen, sie hätten keinen Erfolg gehabt. Die Wohlhabenden der Babyboomer dürften zu der letzten Generation zählen, die ihren Kindern einen guten Start ins Leben bieten können.

Für die anderen Boomer werden die goldenen Jahre blechern ausfallen. Amerika sieht sich traditionell als jugendliches, dynamisches Land. Mit dem Respekt, auf den etwa Chinesen und Japaner mit Mitte 60 noch zählen dürfen, kann kein amerikanischer Babyboomer rechnen. Rücksichtnahme im Alter muss durch Konsum verdient, also erkauft werden. Die Boomer werden kaufen, was ihnen gefällt. Das mag durchaus nicht sein, was der normale Markt hergibt.

Viele können sich nur noch zehn Lebensjahre leisten

Die Boomer lieben Nischen. Sie zu ignorieren, kann kein US-Dienstleister riskieren, gleichgültig, ob er Bankgeschäfte oder Biowein feilbietet. Umgekehrt kann es sich kein Babyboomer leisten zu ignorieren, welche Risiken das Rentenalter mit sich bringt. So sollte man meinen.

Rund 200.000 Dollar muss nach einer Hochrechnung ein 65 Jahre Amerikaner, der noch 20 Jahre leben will, bereithalten, um die sinkenden Medicare-Erstattungen auszugleichen. Die meisten Babyboomer haben nicht einmal die Hälfte dieser Summe gespart, und ihre Aktienpakete fürs Alter sind abgeschmolzen. Immer weniger Ärzte und Kliniken in den USA werden es sich künftig finanziell leisten können, alte Menschen zu behandeln.

Noch weiß niemand, ob die anspruchsvollen Rentnerrevolutionäre zu der Genügsamkeit ihrer Jugend zurückfinden können, wenn sie müssen. Aber vor 20 Jahren wusste auch noch niemand, dass Mick Jagger mit 68 Jahren auf den Weltbühnen stehen würde, Paul McCartney mit 69, Bob Dylan gar mit über 70. Eigentlich schrecklich. Oder tröstlich? Es scheint, dass die Herren sich etwas zur Rente hinzuverdienen.