30 Jahre "Wetten, dass..?"

Die Mutter aller Talentshows in den Wechseljahren

| Lesedauer: 8 Minuten
Antje Hildebrandt

Nach 30 Jahren steckt "Wetten, dass..?" in der Krise. Dabei hat die Show Potenzial. Ihre Macher müssten sich bloß wieder auf ihre Kernkompetenz besinnen.

Am Ende wird alles so sein wie früher. Maria Furtwängler wird als Überraschungsgast aus der Torte springen, um erst ihren neuen ZDF-Zweiteiler zu vermarkten und dann die dreißig Kerzen der Geburtstagstorte von “Wetten, dass..?“ auszupusten.

Udo Lindenberg wird wetten, dass es dem ZDF nicht gelingen wird, 1500 Doppelgänger ins Studio zu locken, die auf ihrer Unterlippe snowboardfahren können. Thomas Gottschalk wird damit drohen, die nächste Sendung in Jeans zu moderieren, falls es für die Jungs der wiedervereinten Boygroup „Take That“ nicht genug Slips auf die Bühne hagelt, um damit die Hall of Fame zu tapezieren.

Wird es tatsächlich so sein wie früher? Am 04. Dezember 2010 ist ein Wettkandidat in der Show verunglückt. Er schlug hart auf den Boden auf bei dem Versuch, den Wagen eines Herstellers zu überspringen, der als Gewinnspielpartner der Show firmiert: Audi.

Es war ein Unfall, wie man inzwischen weiß. Aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

Das letzte elektronische Herdfeuer

Lange galt „Wetten, dass..?“ als das letzte elektronische Herdfeuer, um das sich die ganze Familie versammelte. Ein blond gelockter Herr, der sich wie der Sonnenkönig kleidete und wie ein Animateur für Kindergeburtstage gebärdete, entführte sie in eine andere Welt.

Auf dieser Bühne verwandelten sich Büromäuse in trickreiche Erfinder, die die Nation mit immer neuen Wetten verblüfften. 884 Male ging das gut, doch dann passierte etwas, was die Frage aufwarf, ob die Realität dieses lieb gewonnene Relikt aus der Steinzeit der Samstagabendunterhaltung nicht längst überholt hat.

Ein 23-jähriger Hobby-Stuntman hatte gewettet, dass er mit Sprungfedern kopfüber über fünf Autos springen kann. Es war eine spektakuläre Wette, die aus dem Rahmen dieser Show fiel, doch der Zuschauer hat sich nichts dabei gedacht. Wer zu RTL zappt, kann um dieselbe Zeit ganz andere Bilder sehen. Einen splitternackten Mann zum Beispiel, der sich einen Knaller in den Allerwertesten steckt.

So sieht Samstagabendunterhaltung heute aus: Am Ende zählt nur, was hinten herauskommt. RTL deklariert so etwas als Castingshow – und die Kandidaten als Supertalente. „Wetten, dass..?“ kam bislang ohne solche Superlative aus. Als Frank Elstner das Konzept für die Sendung in einer Nacht 1980 auf sechs DIN-A4-Seiten aufschrieb, da hatte er, ohne es zu ahnen, die Grundidee der Castingshow vorweggenommen.

Schließlich waren und sind die Wetten bis heute das Herzstück der Show. Mit „Wetten, dass..?“ hatte Frank Elstner eine Bühne für Menschen geschaffen, die etwas können, was andere nicht können. 33 Kakteen mit der Zunge erkennen. Stinkefüße anhand des Miefs aus Gummistiefeln identifizieren. Oder tausend Kerzen in zwei Minuten auspusten.

Die Mutter aller Talentshows

Es mag anachronistisch klingen, aber auch in Zeiten, da sich der Wert von TV-Formaten nur noch nach Schlagzeilen und Quoten bemisst, reichen solche Kunststücke, um ins Fernsehen zu kommen – zumindest beim ZDF.

Die Mutter aller Talentshows, sie lockt auch nach dreißig Jahren immer noch beinahe zehn Millionen Zuschauer vor den Schirm. Eine gute Nachricht – eigentlich. Doch was macht das ZDF? Weil sich die Sehgewohnheiten der Zuschauer ändern und die Quote infolgedessen bröckelt, ist der Sender immer weiter von seinem Erfolgsrezept abgerückt.

Die Celebrities auf der Couch, sie haben den Wettkandidaten längst die Show gestohlen. Das versteht man beim ZDF unter Glamour. Hollywood-Diven schauen kurz vorbei, um ihren neuen Film zu promoten. Und schwupps, schon sind sie wieder weg. Say hello, wave good-bye.

Mit bekannten Gesichtern, denken sie beim ZDF, verkaufe sich alles besser, sogar dicke Milch. Als Teilhaber einer Firma, die auf den schönen Namen Dolce Media hört und ihr Geld mit Product Placement im Fernsehen und mit Werbung mit Prominenten verdient, saß Thomas Gottschalk gewissermaßen an der Quelle. Seinem Lockruf konnte kaum einer widerstehen.

Die Berben, der Lauterbach oder die Furtwängler zogen immer – und die PR-Bühne zog die Promis. Als der Moderator 1990 nach Kalifornien zog, kamen sie immer häufiger aus Hollywood. Doch mit der Zeit verlor dieses Rundherum-Sorglos-Paket an Attraktivität. Prominente sitzen sich längst auch in anderen Talkshows die Hintern platt.

Hollywood-Stars haben im Kino mehr zu erzählen als auf Gottschalks Gästesofa. Und Chartstürmer treten längst auch bei der Konkurrenz auf – als Gesangslehrer in den RTL-Castingshows oder in den Pausen von „Schlag den Raab.“

So gesehen wären die Macher von „Wetten, dass..?“ gut beraten, sich wieder auf ihre Kernkompetenz zu besinnen und nur noch solche Wetten auszuwählen, die der Zuschauer zu Hause unfallfrei nachspielen kann.

Unglaublich, aber wahr: Originelle Zaubertricks kommen beim Publikum besser an als halsbrecherische Manöver. Man erinnere sich nur an den Teilzeit-Bauern Achim Jehle, der seine Kühe zielsicher an ihren Schmatzgeräuschen identifizieren konnte. Er wurde Wettkönig.

Riskante Wetten wie die von Samuel Koch wird es nicht mehr geben. Diese Konsequenz hat das ZDF aus einer Expertise zum Hergang des Sturzes gezogen. Danach handelt es sich zwar eindeutig um einen Unfall, der Gutachter schließt aber nicht aus, dass der Sender zumindest eine Mitschuld trägt: „Ob die Risikobeurteilung durch das ZDF hinreichend war, ist schwer zu beurteilen.“

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Thomas Gottschalk ist aus der Firma Dolce Media ausgestiegen. In der Münchener Zentrale heißt es, der Entertainer wolle sich nicht dem Verdacht aussetzen, er verdiene an den Wetten. Kein abwegiger Gedanke: Die Firma wird von Gottschalks Bruder Christoph geführt.

Für sein Krisenmanagement bekommt der Moderator jetzt den Grimme-Preis – und das zu Recht. Schließlich hat er nach dem Sturz das einzig Richtige getan. Er hat die Sendung abgebrochen, zum ersten Mal in der Geschichte der Show.

"Betreutes" Moderieren

Das Timing für diese Auszeichnung hätte kaum günstiger sein können: Dem 60-Jährigen eilt der Ruf voraus, er habe den Spaß an „Wetten, dass..?“ verloren. Man kann es ihm nicht verübeln. Der Gummibärchen-Dompteur ist einer der letzten Moderatoren, die noch mit ihrer Persönlichkeit punkten. Doch seit RTL seine Supertalente am Samstagabend gegen die ZDF-Wettkandidaten in die Arena schickt, hat er es schwer. Einen alten Sack nennen ihn seine Kritiker.

Seit ihm das ZDF 2008 mit Michelle Hunziker eine mehrsprachige, aber einsilbige Assistentin zur Seite gestellt hat, muss sich der Opa tatsächlich als solcher fühlen. So etwas nennt man wohl betreutes Moderieren. Seither kann zwar jeder Gast sicher sein, dass er mit dem richtigen Namen angesprochen wird. Doch die Talfahrt der Quoten konnte auch die Blondverstärkung nicht stoppen. Dieses Kunststück wird nicht einmal jenem Mann gelingen, den sich die meisten Zuschauer als Nachfolger wünschen: Hape Kerkeling.

Doch muss das einen öffentlich-rechtlichen Sender tatsächlich beunruhigen?

Als Comedian bringt Kerkeling gute Voraussetzungen mit, um die ganze Familie vor den Schirm zu locken. Bei Bedarf könnte er sogar kurzfristig erkrankte Hollywood-Diven vertreten, ohne dass es der Zuschauer merken würde. Soviel Show zwischen den Wetten darf dann doch ruhig sein.