Stewart Island

Der rätselhafte Tod der Grindwale in Neuseeland

An der Küste vor Neuseeland sind über 100 Grindwale gestrandet und gestorben. Warum die Tiere in flaches Wasser gerieten, ist unter Forschern umstritten.

Es war ein überraschender Fund und ein trauriges Bild. Über 100 Grindwale fanden Touristen bei einem Spaziergang in der Mason-Bucht auf den Stewart-Inseln im Süden Neuseelands. Als die alarmierten Wildhüter die Bucht erreichten, war etwa die Hälfte der Tiere bereits verendet – die anderen Tiere mussten eingeschläfert werden. Schon Anfang Februar waren Grindwale an Neuseelands Küsten gestrandet. Warum?

Der Mensch greift auf vielfältige Weise in die Lebenswelt der Grindwale ein. Durch die Jagd, versehentlichen Beifang, Entzug von Nahrungsgrundlagen, Meeresverschmutzung oder Störgeräusche. Letztere könnten auch Grund für die Orientierungsschwierigkeiten sein.

Grindwale gehören zu der Familie der Delfine und orientieren sich per Echo im Ultraschallbereich. Wenn sie durch die Meere schwimmen, geben sie regelmäßig „Klicklaute“ von sich. Anhand der Resonanz können sie sich orientieren. Etwa bei der Nahrungssuche. Bei den Grindwalen stehen Kopffüßer wie Tintenfische auf dem Speiseplan – dafür unternehmen sie nachts auch tiefere Tauchgänge. Dabei können sie für etwa 10 Minuten unter Wasser bleiben – vereinzelt wurden aber auch schon Tauchgänge von 18 Minuten aufgezeichnet.

Im Washingtoner Artenschutzübereinkommen sind die Tauch-Spezialisten im Anhang der überall schutzbedürftigen Arten zu finden. Die Informationen darüber, wie viele Grindwale es weltweit gibt, sind ungenau. In antarktischen Gewässern wird ihre Zahl auf etwa 200.000 geschätzt. Für den nord-östlichen Atlantik belaufen sich die Schätzungen auf ungefähr 750.000 Tiere. Die Zahlen sind allerdings mehr als 15 Jahre alt. In Nord- und Ostsee verirren sie sich allerdings nur selten. Grundsätzlich haben die Tiere in flachen Gewässern Orientierungsprobleme und geraten dort in Not. Wenn sie stranden und die Ebbe einsetzt, verbrennen sie ohne Wasser in der Sonne.

„Die Frage lautet: Warum geraten sie überhaupt in flaches Wasser?“, sagt Jörn Selling, der Meeresbiologe von der Stiftung firmm (foundation for information and research on marime mammals). Eine der Möglichkeiten sei, dass die Tiere ihrer Beute im Jagdrausch folgen und dann ins Flachwasser geraten. Oder dass ein krankes, im Bereich der Echo-Ortung taubes Leittier seine Gruppe in die Gefahrenzone führe. Auch Seebeben kämen theoretisch in Frage, um Wale orientierungslos zu machen. Eine noch neue Strandungstheorie – von denen es zahlreiche gibt. Meeresbiologe Boris Culik hält letztere wegen der Frequenzbereiche, in dem der Beben-Lärm anzusiedeln ist, für unwahrscheinlich, bringt aber dafür das Erdmagnetfeld ins Spiel, an dem sich die Grindwale orientieren.

„Es gibt da sicherlich sehr viele Faktoren. Mit steigender Sonnenaktivität kommt auch die Sonne wieder als Auslöser in Betracht“, bestätigt Klaus Vanselow vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Universität Kiel. Am 4. und 18. Februar, also genau in dem Zeitraum der letzten beiden Strandungen vor Neuseeland, habe es Sonneneruptionen gegeben, die zu Störungen im Erdmagnetfeld geführt haben. Durch die Eruptionen wird das Magnetfeld regelrecht zusammengestaucht. Nach Jahren geringerer Sonnenaktivität müssten sich die Tiere, die das Navigieren erst im Laufe ihres Lebens lernten, wieder an diesen Störfaktor gewöhnen. Bewiesen ist die Vermutung nicht, aber Vanselow kann sich diesen Zusammenhang sehr gut vorstellen.

30 verschiedene Theorien

Die Tiere benutzen das Magnetfeld wie ein Navigationssystem – bei Störungen ist es so, als würden sie sich anhand einer falschen Karte orientieren. Vanselow hat dies einmal zusammengetragen. Insgesamt gebe es an die 30 Theorien, mit denen die Orientierungsschwierigkeiten der Tiere erklärt würden: Der Klimawandel, der die Wanderrouten beeinflusst, Parasiten, die die Ohren der Säuger befallen, die ablenkenden Magnetfelder von Kabeltrassen, Naturgewalten wie Orkane oder Tsunamis, die Sinne trübende Gifte von Schiffslacken, verstärktes Nahrungsangebot in Küstennähe oder die Küstenbeschaffenheit selbst. Gerade sichelförmige Buchten können leicht zur Gefahr für die Grindwale werden, wenn sie an der Küste entlang schwimmen.

Gerade vor Australien und Neuseeland sei die spezielle Unterwassertopographie Grund für Orientierungsschwierigkeiten – an vielen Stellen werden die Gewässer sehr plötzlich seicht, sagt auch Nicolas Entrup, Geschäftsführer der Whale and Dolphin Conservation Society Deutschland. „Bei Tieftauchern wie den Grindwalen beruhen derartige Strandungen sehr oft auf natürlichen Ursachen. Uns liegen außerdem keine Daten über menschliche Aktivitäten wie etwa militärische Übungen in der Region vor. Dennoch ist es wichtig, dass die Strandungen transparent untersucht werden.“

Vor allem Strandungen, bei denen verschiedene Arten beteiligt sind, seien Indiz dafür, dass eine Strandung auf den Einfluss des Menschen zurückgeht. Beispiele dafür, die Culik nennt: „Bei der Suche nach Öl- und Gasvorkommen werden Schallkanonen eingesetzt, die in einem sehr breiten Spektrum den Orientierungssinn der Grindwale angreifen können. Oder wenn U-Boote geortet werden sollen, wird eine extrem laute Sonartechnik benutzt. Da die U-Boote immer unsichtbarer werden, wird der Lärmdruck immer größer. Die Tiere steigen in Panik auf und leiden an der Taucherkrankheit.“

Vor allem für ihr ausgeprägtes Sozialverhalten sind die Grindwale bekannt. Sie finden sich in großen Gruppen, sogenannten Schulen, zusammen. Diese umfassen häufig um die 100 Tiere, können aber auch noch wesentlich größer sein. Häufig sind die Tiere auch mit anderen Walarten unterwegs. Die soziale Ader ist allerdings auch Teil des Problems. Aufgrund der sozialen Herden-Strukturen sind bei Strandungen immer sehr viele Tiere beteiligt.

Die Gruppe folgt dem Leittier, und insbesondere dann, wenn Jungtiere um Hilfe rufen, eilt der Rest der Herde herbei. Das Sozialverhalten kann laut Culik aber auch Schlüssel zum Erfolg bei Rettungen sein: Kürzlich gelang die Rettung, indem die Jungtiere befreit und in tieferem Gewässer an Bojen festgebunden wurden. So lockten ihre Notrufe den Rest ihrer Gruppe in die Freiheit.