Trainerin getötet

Nach Attacke – Amerika leidet mit Orca "Tilly"

Vor den Augen der Zuschauer hat Orca "Tilly" seine Trainerin im Meerestierpark "SeaWorld" getötet. Viele Amerikaner geben dem Tierpark die Schuld an der Attacke. Sie zeigen Verständnis für "Tillys" Verhalten, nachdem der Killerwal jahrelang Langeweile erdulden und sich als Zuchtbulle verausgaben musste.

Foto: REUTERS

Ruhig sind die Kommentare, fast schon besonnen. Da sind keine Vergeltungsrufe, keine Mordgelüste, niemand, der poltert, ihn doch endlich einschläfern zu lassen: jetzt, sofort, weil er Menschen tötet, den dritten schon. Nichts.

Dabei ist es noch nicht lange her, gerade einmal wenige Tage , dass Tilikum, genannt "Tilly" , 4,5 Tonnen schwer, seine Trainerin Dawn Brancheau (40) während einer Show im Meerestierpark "SeaWorld" in Orlando in die Tiefe gerissen hat und ertränkte.

Das Opfer ist noch nicht begraben, und trotzdem überwiegen bei den vielen Amerikanern schon jetzt zwei Dinge: Mitleid und Verständnis. Für Brancheau, die Trainerin, aber vor allem für "Tilly", der seit Jahren in einem für ihn winzigen Becken dümpelt, Kunststücke vorführen muss und als Zuchtbulle für den Meerestierpark ausgenutzt wurde.

„Wir sollten daraus lernen und endlich aufhören, Meerestiere nur zur Unterhaltung gefangen zu nehmen“, schreibt da ein J. Schubert aus Atlantic City unter einen Artikel auf msnbc.com, einem dem größten Nachrichtenportale der USA. Nur wenige Einträge darunter schreibt eine Agnes Proctor aus Waltham, Vermont: „Captivity will make any animal, including humans, crazy” (Gefangenschaft macht alle Tiere, auch Menschen, verrückt). Und ein Ted Krawczyk aus Maui, Hawaii, schreibt: „Der Tod des Trainers, und auch die davor, sollte für uns Grund genug sein, dass wir endlich aufhören, diese Kreaturen in Gefangenschaft zu halten“.

Die Einträge auf msnbc.com sind keine Einzelfälle, im Gegenteil. Die Kommentare unter anderen Artikeln sind ähnlich, der Ton gleich. Egal, ob auf den Internetauftritten der „New York Times“ oder dem „Wall Street Journal“, „USA Today“ oder „CBS News“.

Zudem ist ein Brief aufgetaucht. Bereits drei Jahre alt, verfasst von Russ Rector, einem Tierschützer und Delfin-Trainer. Darin warnte er "SeaWorld", dass deren Trainer die Tiere zu sehr fordern würden. Nur, um die Zuschauer zum Staunen zu bringen. Damit würden die Trainer Angriffe auf sich selbst provozieren. „Ich habe sie gewarnt“, sagt Rector nach der tödlichen Attacke. „Fröhliche Tiere töten ihre Trainer nicht.“

Dass sich jetzt etwas ändert, der Schwertwal wohlmöglich freigelassen wird, ist unwahrscheinlich. Das schreibt zumindest „a small voice for justice“ (eine kleine Stimme für Gerechtigkeit), in seinem Kommentar auf msnbc.com. Schließlich sei der Bulle eine „cash cow“ für den Meerestierpark, eine Gelddruckmaschine. Eine Million US-Dollar würde ein Orca kosten, steht da in dem Eintrag. Bei vierzehn Kälbern, die Tilly schon gezeugt hat, hätte er SeaWorld bereits 14 Millionen US-Dollar eingebracht. Dazu kämen noch die Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten. Das ist viel Geld. Richtig viel Geld. Darauf will man schließlich nicht verzichten.