Neue Staffel "Ladykracher"

Anke Engelke hat den richtigen Riecher für Humor

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Antje Hildebrandt

Foto: obs / dpa

Die Geschlechterfront in der Comedy bröckelt. Nur "Ladykracher" spielt weiterhin außer Konkurrenz. Die neue Staffel beginnt gleich mit einer Schönheitsoperation. Das Blöde ist nur: Statt einer neuen Nase wird Anke Engelke ein männliches Gemächt ins Gesicht operiert – und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Lady Kracher (Anke Engelke) war beim Schönheitschirurgen. Eine neue Nase musste her. Doch entweder unterlief dem Operateur ein verhängnisvoller Kunstfehler. Oder er erlaubte sich einen makaberen Scherz. Oder die Patientin ist selber irrtümlich in der Urologie statt in der HNO-Abteilung gelandet. Bei dem neuen Ersatzteil, kein Zweifel, handelt es sich jedenfalls um das beste Stück eines männlichen Organspenders.

Das klingt nach einem echten Schenkelklopfer aus dem Neolithikum der Sketch-Comedy, als lustig kostümierte Knallchargen mit vorstehenden Zähnen und panzerglas-dicken Brillengläsern zielsicher auf das Zwerchfell zielten. Doch Lady Kracher wäre keine Lady, wenn sie ihre Figuren nicht davor bewahren würde, auf dieses Niveau abzurutschen. Sie trägt ihren Schönheitsfehler mit Würde.

Und genau das ist es, was dem Polizisten, der bei einer Verkehrskontrolle routinemäßig ihre Personalien überprüft, die Sprache verschlägt. Fassungslos stammelt er beim Blick in ihr Gesicht: „Sie haben da was ...“ Da, schau her! Anke Engelke ist zurück. Fünf Jahre ist es her, dass Sat.1 seine mehrfach preisgekrönte Sketch-Comedy „Ladykracher“ zeigte. Wenn heute abend um 22.15 Uhr die vierte Staffel beginnt, wird ein Ruck durch Deutschlands Wohnzimmer gehen.

Frauen und Comedy, das ist hierzulande ein Trauerspiel. Wie schlecht es um den Nachwuchs steht, zeigte jüngst die Verleihung des Deutschen Comedy-Preises. Mangels geeigneter Kandidatinnen waren in der Kategorie Frauen neben der bereits mehrfach preisgekrönten Anke Engelke zwei Kolleginnen nominiert, die, bei allem Respekt, besser in der Kategorie Witzfiguren aufgehoben gewesen wären: Cindy aus Marzahn und Mirja Boes.

Weil die erste schon im vergangenen Jahr den Preis als beste Newcomerin gewonnen hatte, machte diesmal Mirja Boes das Rennen. Die Wahl gehorchte also gewissermaßen dem Ausschlussprinzip.

Anything goes

Dabei sind es eigentlich gute Zeiten für komische Frauen, die ihre Inspiration aus dem eigenen Umfeld schöpfen. Die Geschlechterrollen sind beinahe erdrutschartig ins Wanken geraten. Frauen können Kanzlerinnen werden, Männer, die als Frau zur Welt gekommen sind, gebären Kinder. Anything goes.

Doch anders als in den USA; wo Komikerinnen und Sitcom-Schauspielerinnen wie Sarah Silverman („The Sarah Silverman Program“) oder Christina Applegate („Samantha Who?“) aus dem Spiel mit den Klischees Funken schlagen und auf diese Weise die Diskussion um die uralte Frage neu entfachen, was typisch weiblich und was typisch männlich ist, ist diese Domäne hierzulande scheinbar fest in der Hand eines Mario Barth.


Seine Bühnenprogramme atmen den Geist der fünfziger Jahre, das macht sie besonders für jene Männer attraktiv, denen zwischen Wickel-Volontariat und Survival-Camp der Navigator abhanden gekommen ist. In seiner Welt sind die Rollen noch klar verteilt. Männer sind entweder noch primitiv, aber glücklich oder Schweine (Frauen aber auch).

Mario Barth

Dass Super-Mario in seiner Entwicklung in der Postpubertät stehengeblieben zu sein scheint, zeigt ein Blick ins TV-Programm: Die Männer haben die Flucht nach vorne ergriffen. Getarnt als „Schräge Kerle“ (Sat.1) oder als „Mannsbilder“ (Sat.1), drehen sie den Spieß in der Comedy um. Flaschenbier, Fußball, Frauen, diese Koordinaten markieren zwar immer noch ihren Alltag.

Doch der emanzipierte Komiker von heute schaut auch selbstkritisch in den Spiegel – sehr zur Freude der Zuschauerinnen. Die Typen, die ihr in diesen beiden Sketch-Comedys begegnen, sind geradezu liebenswerte Karikaturen im Vergleich zu den ungehobelten Kerlen, die Mario Barth über den Spottplatz jagt.

Es sind raue Gesellen, die ohne Flaschenöffner beim Abenteuercamp in der Natur kein Bier aufbekommen oder alleinerziehende Väter, die nach Worten ringen, wenn es darum geht, ihre pubertierende Tochter aufzuklären.

Komik ist geschlechtsneutral

Dabei, sagt Stefan Herschung, bei der Firma „Schwerlustig TV“ Produzent der gerade ausgelaufenen Sat.1-Comedy „Weibsbilder“ und Headwriter des Nachfolgers „Mannsbilder“, entstehen die Figuren keineswegs dadurch, dass das Autoren-Team, in beiden Fällen paritätisch besetzt mit Männern und Frauen, den Kanon der Geschlechterunterschiede durchdekliniere.

Männer und Frauen, glaubt er, lachten zwar an denselben Stellen. Komik sei also geschlechtsneutral. Sie entstehe, aber, wenn unterschiedliche Erwartungen mit der Wirklichkeit kollidieren. Als Beispiel nennt er einen Sketch, in dem ein Ehepaar bei seiner Rückkehr nach Hause feststellt, dass eine unbekannte Person im Ventilator hängt. „Sie ist schockiert, er begeistert: Wer hätte gedacht, dass der alte Ventilator das aushält ....“

Die Geschlechterfront in der Comedy bröckelt also. „Ladykracher“, keine Frage, läuft aber weiterhin außer Konkurrenz. Anke Engelke ist immer noch die alte – mit dem Unterschied, dass sie auf der Bühne stolz einen Babybauch vor sich herschiebt.

Ob als breitbeinige Lesbe, die gegen die Vermännlichung des Alltags kämpft oder als Bombenentschärferin, die 59 Sekunden vor Ablauf der Zeitbombe alles stehen und liegen lässt, weil eine Freundin mit dem neugeborenen Kind im Maxi-Cosi vorbeischlappt, die 42-Jährige schafft etwas, was keiner anderen Komikerin gelingt. Sie hat Mut zur Hässlichkeit. Doch sie gibt ihre Figuren nie der Lächerlichkeit preis, egal, wie peinlich oder hässlich sie sind. Die Frau mit den tausend Gesichtern hat eben ein Gespür für Situationskomik.

Oder soll man sagen: den richtigen Riecher?

"Ladykracher" läuft immer freitags um 22.15 Uhr auf Sat.1.