Urnenfund

US-Psychiatrie sucht Angehörige Tausender Toter

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Die Asche tausender Patienten lagerte Jahrzehnte in einer psychiatrischen Anstalt. Erst 120 wurden zugeordnet. Die Klinik war einst Kulisse für "Einer flog über das Kuckucksnest".

Fünf Oscars heimste das Drama von Milos Forman aus dem Jahre 1975 ein. Damals, lange vor „Titanic“ und „Der Herr der Ringe“, galt das noch als besondere Auszeichnung, hatten bis dahin doch nur die Filme „Stadt der Illusionen“ von 1952 und „Es geschah in einer Nacht“ von 1934 ebenfalls fünf Oscars bekommen.

In „Einer flog über das Kuckucksnest“ spielte sich Jack Nicholson als Randle Patrick McMurphy in die Filmgeschichte. Der Film handelt davon, dass McMurphy wegen der Verführung einer Minderjährigen vor Gericht kommt. Um dem Gefängnis zu entgehen, verhält er sich derart auffällig, dass er prompt in eine Psychiatrie verlegt wird. Doch diese stellt sich als weit schlimmer heraus. Mit Elektroschocks und Medikamenten werden die Insassen gezüchtigt, McMurphy rebelliert und wird mit einer Operation bestraft, die einen irreparablen Hirnschaden zur Folge hat. Schließlich erstickt ihn Mitpatient und Freund Chief Bromden – aus Mitleid, da McMurphy nicht mehr fliehen kann und ihm nur noch das trostlose Vegetieren im irren Szenario des Hospitals bleibt.

Die Kulisse für das Filmspektakel war damals das Gelände der Psychiatrie von Salem im Bundesstaat Oregon im Westen der USA. Dieses Krankenhaus gibt es noch immer. 2004 wurde es abermals zu einer furchtbaren Kulisse – in diesem Fall allerdings ist die Geschichte nicht Fiktion, sondern Wirklichkeit: In dem heruntergekommenen Klinikkomplex wurde ein über Jahrzehnte vergessenes Geheimnis gelüftet: der „Raum der vergessenen Seelen“.

Durch Zufall hatte eine Gruppe von Besuchern die Tür zu eben jenem Raum in einem baufälligen Nebengebäude geöffnet – und war dort auf mehr als 3500 Metallgefäße gestoßen. Ihr Inhalt: Asche von kremierten, verstorbenen Patienten.

Der Raum war offenbar drei Jahrzehnte lang völlig vergessen worden. In den 70er-Jahren war das im 19. Jahrhundert erbaute Krankenhaus stark heruntergekommen. Bis 2008 war es zu 40 Prozent nicht mehr nutzbar, die Farbe blätterte, Ratten hatten sich häuslich eingerichtet, Asbest rieselte von den Decken. Gegen Mitarbeiter wurde der Vorwurf sexuellen Missbrauchs erhoben, jedes Jahr wurden knapp 400 Fälle von Handgreiflichkeiten unter Patienten gezählt. Dies offenbarte 2007 ein Bericht des amerikanischen Justizministeriums.

Daraufhin beschloss das Parlament von Oregon einen 458-Millionen-Dollar-Plan (rund 356 Millionen Euro), mit dem nicht nur ein neuer Direktor eingestellt, sondern seit 2009 auch ein Großteil des Gebäudes abgerissen und wieder aufgebaut werden sollte.

Seitdem läuft der Versuch, die Angehörigen der Menschen in den Urnen ausfindig zu machen und ihnen diese zurückzugeben. Die Todesfälle erstrecken sich von 1914 bis in die 70er. Manche Urnen sind beschriftet, andere haben ihr Etikett verloren. In einigen Urnen ist die Asche gleich mehrerer Verstorbener aufbewahrt.

Der Bundesstaat Oregon hat jetzt eine Liste mit den Namen von 3500 Menschen im Internet veröffentlicht, deren Überreste in dem Raum gefunden worden waren: www.oregon.gov/DHS/mentalhealth/osh/cremains.shtml .

Darunter die Asche von Marie Abner, gestorben am 1. Juli 1938, oder von Mary Helen Zucher, gestorben am 22. Oktober 1928 – ihnen allen ist das Krankenhaus eine würdige Bestattung bislang schuldig geblieben. „Wir wollen die Überreste den Familien zuführen, aber angesichts der langen Zeit ist das nicht immer möglich“, sagt der Direktor von Oregons Krankenhausverwaltung, Greg Roberts. Bislang konnten die wenigsten Urnen zugeordnet werden.

Der 79 Jahre alte Don Whetsell aus Portland zählt zu den wenigen, die ihre Angehörigen würdig bestatten konnten. Sein Bruder und sein Großvater starben in der Anstalt. Whetsells Bruder war neun Jahre alt, als er eingeliefert wurde. Er starb zwei Jahre später. „Er hatte Epilepsie mit schrecklichen Anfällen“, erinnert sich der Rentner. „Heute könnte man das behandeln.“

Auch sein Großvater starb nach zwei Jahren in der Anstalt. „Sie haben meinen Großvater für schwachsinnig erklärt. Wahrscheinlich war es Alzheimer.“ Zu Hause sei das Thema praktisch tabu gewesen. „Die Eltern haben nicht viel darüber geredet, es war einfach zu traumatisch.“ 2005 begann er damit, dem Schicksal seiner Verwandten nachzuforschen. Vier Jahre später hielt er ihre Urnen in den Händen. Den Großvater hat er bereits auf einem Familiengrundstück beigesetzt, den Bruder will er im Sommer bestatten.

„Etwa 120 Urnen haben wir bei Hinterbliebenen unterbringen können“, sagt Rebeka Gipson-King von der Krankenhausverwaltung. Für die meisten hätten sich aber noch keine Hinterbliebenen gemeldet. „Die nicht abgeholten Überreste werden Teil eines Mahnmals sein, das wir auf dem Gelände errichten wollen“, sagt Gipson-King. Dies dürfte dann auch auf den Bildern von der Webcam des Hospitals zu sehen sein. Die Renovierungsarbeiten des Krankenhauses werden seit Beginn live auf der offiziellen Internetseite dokumentiert. Dort steht unter „Über uns“ übrigens auch: „Wir stehen dafür, unsere Patienten würde- und respektvoll zu behandeln.“