Dakota-Appartments

Rassismus-Vorwürfe in New Yorks feinster Adresse

Das Dakota gehört zu den berühmtesten Gebäuden in New York. Doch nun hat sich ein übler Schatten auf die erste Adresse am Central Park gelegt.

Das Dakota gehört zu den schönsten Gebäuden in Manhattan. Wer den Central Park etwa auf Höhe der 72. Straße in westlicher Richtung durchquert, sieht schon bald seine charakteristischen drei spitzen Giebel zwischen den Bäumen auftauchen.

Findet man sich endlich vor dem hohen hellgelben Haus wieder, dann glaubt man einen verwirrten Augenblick lang, man sei durch einen Zeitsprung in die Renaissance zurückversetzt worden: Wäre das Dakota nämlich nur eine winzige Spur kleiner, könnte dieses Haus mit seinen Balkonen, Nischen und Balustraden ebenso gut in Hannover stehen und aus dem 16. Jahrhundert stammen – in Wahrheit wurde es aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts erbaut.

Sollte der Spaziergänger nun auf die unkluge Idee kommen, aus purem Interesse an der Architektur das Innere des Gebäudes zu erkunden, so würde er am Eingangstor von livrierten Herren mit sachtem Nachdruck darauf hingewiesen, dass hier nur Leute vorgelassen werden, die eine Anmeldung vorweisen können: Die Bewohner des Dakota bleiben gern unter sich.

Das Heim der Multimillionäre

Im Dakota wohnen ausschließlich Multimillionäre, unter ihnen befanden sich schon immer viele Prominente. Als erstes fällt einem John Lennon ein, der auf den Stufen des Gebäudes erschossen wurde. Seine Witwe Yoko Ono lebt immer noch hier. Aber man muss auch die große Hollywoodschauspielerin Lauren Bacall nennen.

Dann wären da die Gespenster. Angeblich geht im Dakota noch immer der Schatten von Boris Karloff um, der einst Frankensteins Monster spielte. Angeblich soll in den Gemäuern des Dakota aber noch ein ganz anderes Ungetüm herumlungern und üble Dämpfe verbreiten: der Geist des Rassedünkels. Daran ist natürlich der Bolschewismus schuld, der sich im Herzen des Kapitalismus eingenistet hat.

Die meisten Eigentumswohnungen in New York sind Genossenschaftswohnungen. Das heißt: Dem Wohnungseigentümer gehört eigentlich nicht seine Wohnung, sondern ein Anteil an dem Haus, in dem sich seine Wohnung befindet. Zusätzlich zur Hypothek bezahlt der Eigentümer eine Art Miete, oft viele tausend Dollar im Monat, um die laufenden Kosten zu decken: Wartungsarbeiten, Reparaturen, die Gehälter für den Hausmeister und die „Doormen“.

Über der Genossenschaft thront ein kommunistisches Zentralkomitee, das „board“. Jenes Zentralkomitee diskriminiert munter drauflos: Wer kein prall gefülltes Bankkonto vorweisen kann, soll doch bitteschön woanders wohnen. Aber nicht nur Minderbemittelte, auch Berühmtheiten werden häufig mit Eiseskälte abgewiesen – denn wer möchte denn schon, dass dauernd Paparazzi vor dem Haus ihre Zelte aufschlagen? Es soll auch vornehme Häuser geben, die unverheiratete Paare nicht über ihre Schwelle lassen.

Jeder Umbau muss en detail vom „board“ bewilligt werden. Und früher, gewiss, da gab es auch Häuser, in denen Aspiranten auf ein warmes Nest mit hochgezogenen Augenbrauen gefragt wurden, ob sie etwa „die hebräische Religion praktizierten“.

Leute mit schwarzer Haut waren in solchen Etablissements ohnehin nicht erwünscht. Doch seit Präsident Johnson 1964 den „Civil Rights Act“ unterzeichnet hat, ist die Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, ethnischer Herkunft und religiösem Bekenntnis in Amerika strengstens verboten.

Der Fall des Alphonse Fletcher Jr.

Damit ist nun endlich die Zeit für den Auftritt von Alphonse Fletcher Jr. gekommen. Alphonse Fletcher wohnt im Dakota; er ist außerdem schwarz. Neulich wollte er zu seiner Wohnung eine Nachbarwohnung dazukaufen und eine Wand einreißen, die dazwischen lag; das Zentralkomitee verweigerte ihm dies. „Insufficient funds“, hieß es, er habe nicht genügend Geld auf der hohen Kante, er könne sich das gar nicht leisten. Und nun verklagt Alphonse Fletcher das Zentralkomitee.

Erstens will er vor Gericht die Genehmigung zum Kauf der zweiten Wohnung und zum Umbau erstreiten; zweitens aber will er Schadensersatz bar auf die Hand haben, und zwar reichlich, denn der Ruf, er verfüge nicht über das nötige Kleingeld, könnte ihn – Fletcher arbeitet an der Wall Street – teuer zu stehen kommen.

Worauf stützt sich seine Klage? Dass man ihn die andere Wohnung nicht kaufen lasse, behauptet Fletcher, sei nichts als Schikane, es handle sich um blanken Rassismus: „Obwohl ein solches Benehmen durch den Vorstand einer Genossenschaft in der Upper West Side erstaunlich sein mag“, heißt es in der Anklageschrift, „befindet sich dieses Benehmen doch im Einklang mit der beständigen Feindschaft, die die Beschuldigten gegenüber nichtweißen Bewohnern des Gebäudes an den Tag legten.“

Es folgen Schauergeschichten. Mitglieder des „board“ hätten Witze über einen abgewiesenen Bewerber gerissen, es handle sich bei ihm um ein „Mitglied der jüdischen Mafia“. Einem Mann hispanischer Abkunft und seiner Ehefrau sei der Einzug verweigert worden, und hinterher habe das „board“ gewitzelt, man habe doch nicht zulassen können, dass der Mann aus seinem Fenster im Erdgeschoss heraus Drogen an Passanten verkaufe.

Mittlerweile hat sich herausgestellt: Mit jenem Ehepaar waren Antonio Banderas und Melanie Griffith gemeint.

Das Zentralkomitee hat sich sogleich gegen die Vorwürfe verwahrt: Es sei dem „board“ nicht leicht gefallen, Alphonse Fletcher, einem langjährigen und geschätzten Bewohner des Hauses, die Genehmigung zu verweigern, aber jeder, der Einblick in seine Privatfinanzen habe, werde bestätigen, dass die Entscheidung berechtigt war.

Selbstverständlich gebe es im Dakota keinen Rassismus. Übrigens sitze im „board“ auch die Mutter des Klägers. Und wer hat nun Recht? Zu den Leuten, die einst hier wohnen wollten und abgewiesen wurden, gehörten auch Gene Simmons und Billy Joel. Weil man im Dakota keine Sänger mag? Weil dem „board“ ihre jüdischen Nasen nicht passten? Das Innere des Gebäudes liegt im Zwielicht, nun müssen die Gerichte entscheiden, ob dies eine Hochburg des Ressentiments ist.

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