Puppenkult

Ken wird 50 und kehrt endlich zu Barbie zurück

Jahrelang stand Ken tapfer im Schatten von Barbie. Dann, vor sieben Jahren, verschwand er urplötzlich auf Abenteuerreise. Doch jetzt ist er wieder da.

1961. Das war das Jahr, in dem ich sehr sicher war, dass mein Name Goldie Goldfasan ist. Auch wenn manche Leute zu mir Toxi sagten, was ich nicht verstand. Toxi war eine Filmfigur, und ich guckte noch keine Filme. Ich war vier und sehr viel draußen, ohne Sonnenschutz natürlich, das hätte ja verhindert, dass ich braun werde. Und Farbe war Wohlstand damals.

Ich wurde allerdings ganz besonders dunkel und hatte im Gegensatz zu meinen älteren, auch gut gegrillten, aber eben sehr blonden Geschwistern, viele, sehr schwarze Locken auf dem Kopf, weshalb ich offenbar aussah wie das berühmte „Besatzungskind“ – und deshalb zu Weihnachten „Negerpüppchen“ geschenkt bekam, was als politisch korrekt galt. Ich weiß nicht, ob es den Begriff überhaupt schon gab, ich war ja, wie gesagt noch klein und dachte ohnehin, ich wäre Goldie Goldfasan. So war das 1961.

Es war das Jahr, als das ZDF auf Sendung ging, die Sammelbilderfirma Panini in Italien gegründet wird, als mit Jurij Gagarin der erste Mensch im Weltraum überlebt. Als Walter Ulbricht lügt, dass „niemand die Absicht hat, eine Mauer zu bauen“ und Ostberlin abriegelt. Yves St. Laurent bei Dior entlassen wird, weil zu avantgardistisch, große Perlmuttknöpfe angesagt waren und die Jugend „bezahlbare“ Mode forderte. Konrad Adenauer war Bundeskanzler, John F. Kennedy wurde Präsident der Vereinigten Staaten. Und Ken Carson kam auf die Welt. Gleich erwachsen. Barbie sollte schließlich einen Freund haben.

Das Drama um die wilde Ehe

Dass er (zwei Jahre) jünger war als sie, wurde natürlich verschwiegen. Das gehörte sich so wenig wie wilde Ehe, weswegen man ja andauernd Hochzeit spielen sollte. Wobei es dann eine ganze lange Zeit nicht sicher war, ob Ken überhaupt Frauen würde heiraten wollen. Aber schwul war wirklich kein Wort, das in den 60ern kinderzimmertauglich war. Geschweige denn Salonfähig.

Aber eigentlich war Ken ja auch ein Bruder. Jedenfalls haben seine Erfinder, die Handlers, ihn so genannt, weil ihr Sohn auch so hieß. Barbie war der Spitzname ihrer Tochter.

Ken kam zunächst in der roten Badehose daher, die wiederum auch mein Bruder hatte, mit kantiger kurzer Veloursfrisur, Korksandalen, irre dünnen Beinen und ohne jeden Muskel. Sixpacks waren damals wohl wirklich nur den Bierflaschen vorbehalten.

Ken sah schon gut aus, vor allem in Smoking und Pyjama, und die elegante Strandjacke könnte Tom Ford inspirieren, und mit der Zeit übte er auch immer mehr Berufe aus, aber er hatte uncoole steife Arme und streife Beine und einen erschrockenen Blick. Der wurde im Laufe der Jahre nicht intelligenter, während Körper, Frisur und Kleidung sich dem Zeitgeist anpassten. Nicht immer zum Guten, wie wir von uns selbst erinnern. Trendbewusst wie er ist, trug er allein neun verschiedene Haarfarben, selbstverständlich auch Vokuhila, übte mehr als 40 Berufe aus und besonders leidenschaftlich den des Schauspielers, doubelte James Bond, Captain Kirk, Edward und viele andere.

Doch während Frau von Mattel eine ungeheure Welt-Karriere hinlegte, stand er von Anfang an in ihrem Schatten. Mehr Accessoire als Hauptperson eben. So gesehen ist es eigentlich erstaunlich, dass die Amerikanerin es nie schaffte, zum Maskottchen der Emanzipationsbewegung zu werden. Im Gegenteil.

Der legendäre Rasier-mich-Ken

1964 stand in der „Bild am Sonntag“ in der Rubrik „Das Köfferchen – zum Kramen für Damen“: „Barbie hat alles, wovon ein Mädchen träumt: eine komplette Garderobe vom Bikini übers Abendkleid bis zum Pelzmantel, auch ein Satz Perücken fehlt nicht. 1000 Mark kostet ihre Ausstattung. ... Inzwischen bekam Barbie auch einen Boyfriend, den flotten Ken, der sie im Smoking oder als Baseballspieler begleitet. Seine Ausstattung: wieder 1000 Mark. Wenn das über den Ozean kommt!“

Kam es natürlich wenige Monate später. Wobei der Einstiegspreis weit niedriger lag. Und ich war sehr froh, dass Ken auch mitgekommen war. Denn ich hatte nur eine Petra-Puppe, die Billigkopie. Alles andere fand meine Mutter albern. Alle anderen in der Klasse in dem norddeutschen Dorf, in dem wir eine zeitlang lebten, hatten die Barbie. Und dazu Original-Klamotten. Meine Petra trug von unserer Haushälterin Gehäkeltes. Dass das im Grunde der viel größere Snobismus war, ahnte ich nicht. Ich war einfach nur raus. Doch dann kam Ken. Im Original. Nur in Badehose. Aber immerhin.

Und er hat sich nicht anmerken lassen, dass Petra gar nicht Barbie war. Und sie hat darüber hinweg gesehen, dass er immer in den Shorts unterwegs war. Für ihn wurde nämlich nicht gehäkelt. Es ist wohl überflüssig zu betonen, dass die Schmach mit dem Geburts-Alibi meiner ersten Tochter konsumpsychologisch gründlich aufgearbeitet wurde. Legendär: der Rasier-mich-Ken, der Ende der 70er-Jahre das Licht der Fabrikation erblickte und auch in den 80ern noch verkauft wurde. In den 90ern wurde Ken dann richtig sportlich, als Wintersport-Mann geradezu biegsam. Was ihm schließlich im neuen Jahrtausend sogar zu einer Karriere als Balletttänzer verhalf. Aber das war vielleicht dann doch zuviel für Barbie. 2004 war Schluss mit Ken. Sensible Fans glauben bitte, dass er auf eine lange, einsame Abenteuerreise ging.

Jetzt ist Ken wieder da

Aber jetzt ist alles wieder gut: Hello again, du ich möchte Dich heut noch seh'n, ich will Dir gegenüber steh'n, viel zu lang war die Zeit. Schalalala. So wie der König der Pässe auf dem Fußballplatz Kenny Dalglish endlich wieder zum FC Liverpool (als Trainer) zurückgekehrt ist, stand Ken vor meinem Schreibtisch.

Aber nicht als Howard Carpendale, keine Sorge. Eher Typ Boygroup. Wir werden ja alle nicht älter. Er auch nicht größer als 30,5 Zentimeter. Für meinen Geschmack hat er mit seinen fünfzig Jahren etwas zu tief in den Gel-Topf der Sorte „Strandmatte“ gegriffen, aber die Fremde hat ihm gut getan, die Züge sind markanter, der Körper trainierter, er kann nun mit kerniger Stimme Sätze wiederholen, die man ihm vorsagt. Dieser muss jetzt sein: Yes, wie Ken!