Missbrauch im Westerwald

Detlef S. terrorisierte seine Familie auf grausamste Art

Die Details aus dem Missbrauchsprozess in Fluterschen sind ungeheuerlich. Der Vater machte seine Kinder mit Teppichklopfer und Peitsche gefügig.

Zu den erschütterndsten Phänomenen bei Kindern gehört, dass sie sich mit einer unvergleichlichen Radikalität an ihr Zuhause klammern. Selbst wenn ihr Leben dort eine einzige, nicht enden wollende Qual bedeutet, wenn die Menschen, die sie eigentlich behüten, beschützen sollten, sie schlechter als ein Stück Vieh behandeln, hängen sie sich an sie, verteidigen sie gegen Außenstehende, seien es Behörden, Lehrer oder Nachbarn, kämpfen gar für sie.

Der Brief, den eine der Töchter von Detlef S. geschrieben hat, der ihre Hölle erst öffentlich machte und auch der Grund dafür ist, dass dieser Prozess vor dem Landgericht Koblenz überhaupt stattfindet, zeugt von diesem Phänomen.

Ungelenk ist er, sodass der Vorsitzende Richter Winfried Hedge Probleme hat, ihn vorzulesen, und doch steckt viel Klarheit darin: Die damals 18-jährige Jasmin klagt ihre Geschwister an, von allem gewusst zu haben, sie klagt ihre Mutter an und vor allem natürlich ihren Vater, Detlef S., den sie nicht mehr Vater nennen kann, seit sie neun Jahre alt war. „Da hörtest du auf, mein Papa zu sein“, schreibt sie.

Sie schreibt, dass sie natürlich nie in Koblenz oder beim Zahnarzt mit Detlef S. gewesen sei, wie er immer sagte, sondern in jenem Waldstück oder in der Dönerbude oder in jenem Schuppen, auf jeden Fall dort, wo sie ihm und anderen, die für sie ein paar Euro bezahlten, ausgeliefert war.

„Warum auch, glaubt ihr, wollte ich nie oben bei Papa schlafen? Warum hab ich immer geweint?“, fragt sie ihre Familie in dem Brief und bricht mitten im Satz mit einem „Boa“ ab, weil sie vor Hilflosigkeit keine Worte mehr findet.

Und dann richtet sie sich an ihre Mutter, versichert, sie zu lieben, sie könne ja nichts dafür, schließlich schreibt sie an ihre Schwester, die auf ihre Kinder aufpassen solle, damit die nicht das Gleiche durchmachen müssen. „Keine Angst, ich geh ihn nicht anzeigen“, schreibt sie in dem Brief. Sie wolle schließlich die Familie nicht zerstören.

Es ist voll an diesem Tag im Saal 128 des Koblenzer Landgerichts, was nicht weiter verwunderlich ist, zu bizarr, zu groß ist die Anklage gegen den 48-jährigen arbeitslosen Mann auf der Anklagebank, als dass man die Angelegenheit im Stillen verhandeln könnte. Detlef S. aus Fluterschen im Westerwald ist klein, schmächtig und hat eine hohe Stimme.

Er trägt heute ein rotes Jackett und wirkt zwar ein bisschen fahrig, aber durchaus vorbereitet auf den Rummel aus Kameras, Fotografen und Reportern.

Die Verlesung der Anklageschrift erträgt er stoisch, manchmal schüttelt er den Kopf, sucht für einen kurzen Moment den Blick seines Verteidigers Thomas Düber, der versucht, seinen Mandaten möglichst nicht anzusehen. Vor der Verlesung fragt Staatsanwalt Thorsten Kahl, ob die anwesenden Nebenkläger nicht den Saal verlassen wollen, doch Stiefsohn Björn B. und Stieftochter Natascha S. entscheiden sich zu bleiben.

Die Anklage ist beispiellos abscheulich. Es geht um mindestens 350 Fälle seit 1987, in denen Detlef S. seine leibliche Tochter Jasmin, seine Stieftochter und seinen Stiefsohn missbraucht und zur Prostitution gezwungen haben soll, bis er im vergangenen Jahr festgenommen wurde.

Mit einem Teppichklopfer, dem Gürtel einer Bundeswehruniform und einer selbst gemachten siebenschwänzigen Peitsche soll er die Kinder gefügig gemacht haben. Für ein paar Euro soll Detlef S. seine Töchter zudem mindestens drei anderen Männern verkauft haben, zu dritt sollen sie sich dann an den Mädchen vergangen haben.

Quälende 30 Minuten dauert die Verlesung der Anklage. Und immer, wenn man denkt, es kann nicht mehr kommen, wird es schlimmer. Von den sieben Kindern Nataschas spricht Staatsanwalt Kahl in der Anklage nicht.

Detlef S. räumt erst nach einer Unterredung mit seinem Anwalt ein, Vater der Kinder zu sein, kurz danach wird das Ergebnis einer DNA-Analyse verlesen, die eindeutig die Vaterschaft in allen sieben Fällen feststellt. Den Vorwurf des Missbrauchs bestreitet Detlef S., was dazu führt, dass seiner Tochter Natascha S. an diesem Tag eine Aussage nicht erspart bleibt, wobei die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird.

Vieles kommt noch nicht zur Sprache an diesem ersten Tag des Prozesses. So etwa die Rolle des Jugendamtes im Kreis Altenkirchen, das spätestens 2003 auf die Familie aufmerksam geworden war. Schon damals wurde gegen Detlef S. ermittelt, aus Mangel an Beweisen erfolgte jedoch keine Anklage.

Die damals elfjährige Tochter Jasmin bestritt, von ihrem Vater missbraucht zu werden, ihre Halbschwester Natascha machte keine Aussage. Ihr Bruder Björn wurde damals offenbar nicht gehört, doch im Vorfeld der Verhandlung sagte er Medien, er habe sich dem Jugendamt offenbart, doch die hätten die Vorwürfe nicht ernst genommen.

Dabei sei schon lange in dem kleinen Ort Fluterschen das Gerücht umgegangen, dass Detlef S. sich „seine Enkel selbst macht“, wie eine Frau aus dem Ort vor ein paar Tagen sagte.

Ob die fünf angesetzten Verhandlungstage ausreichen, scheint zudem fraglich, wenn Detlef S. kein Geständnis ablegt. Schon für das Eingeständnis von Detlef S., dass er der Vater von Nataschas Kindern ist, brauchte es lange Unterredungen des Anwalts mit seinem Mandanten. Detlef S. drohen 15 Jahre Haft, außerdem prüft die Staatsanwaltschaft, ob sie Sicherungsverwahrung für den Mann beantragt.