Schwerer Missbrauch

Abschiedsbrief offenbart Sex-Horror in Fluterschen

Über Jahre soll ein Vater in einem rheinland-pfälzischen Dorf die Tochter und Stiefkinder sexuell gequält haben. Mit der Stieftochter bekam er acht Kinder.

Erst ein Brief beendete den Sex-Horror im beschaulichen Westerwald: Acht Kinder soll ein 48 Jahre alter Mann aus dem Dorf Fluterschen mit seiner Adoptivtochter gezeugt haben. Außerdem soll er die 28-Jährige und seine eigene Tochter über Jahre hinweg missbraucht und an fremde Männer für sexuelle Dienste verkauft haben. Nun flog der Fall auf.

Am kommenden Dienstag wird dem Mann vor dem Landgericht Koblenz der Prozess gemacht. Der Abschiedsbrief der Tochter, der alles ans Licht brachte, war an den Vater gerichtet.

Das Mädchen war nun 18 Jahre alt und konnte endlich aus dem Haus ausziehen. „Doch vorher wollte sie noch klar Schiff machen“, sagt ihre Anwältin Sandra Buhr. Der Brief kam nie beim Vater an, vorher fand ihn die 28 Jahre alte Stiefschwester beim Aufräumen.

Selbst vom Terror der vergangenen Jahrzehnte gezeichnet, leitete sie den Brief ans Jugendamt weiter und brachte Buhr zufolge damit den Stein ins Rollen.

In dem heruntergekommenen Einfamilienhaus mit den braunen Querstreben in der teils verschimmelten Fassade lebten zeitweise bis zu 15 Kinder mit dem 48-Jährigen und seiner 52 Jahre alten Ehefrau zusammen: vier Kinder aus erster Beziehung der Ehefrau, vier Kinder aus der Ehe sowie die sieben Kinder der Stieftochter – gezeugt zwischen 1999 und 2009.

Das erste Kind dieser unheilvollen Beziehung starb kurz nach seiner Geburt. Es liegt im Nachbarort begraben. „Das waren wohl nicht die feinsten Leute“, schätzt ein Nachbar die Familie ein. Das Dorf ist klein, nur etwa 750 Menschen leben dort. Man kennt sich. Die Gerüchteküche brodelte immer wieder.

Der Lokalzeitung sagen einige Bewohner, dass sie etwas geahnt hätten. Die Kinder der 28-Jährigen hätten wie Klone des Stiefvaters ausgesehen, sagten Einwohner Medienberichten zufolge. Im Kindergarten will niemand dazu Stellung beziehen. „Kein Kommentar“, heißt es dort nur knapp.

Das Jugendamt betreute die 28-Jährige mit ihren sieben Kindern - mindestens einmal wöchentlich schaute eine Mitarbeiterin vorbei. „Die junge Frau war teilweise überfordert“, sagt Hermann-Josef Greb, der Leiter des zuständigen Jugendamtes, rückblickend. Immer wieder habe die Mitarbeiterin nachgefragt, ob der Stiefvater der Vater der Kinder sei. „Das Opfer hat das jeweils abgestritten und erklärt, da sei nichts dran, das seien Unterstellungen.“

Später präsentierte die Familie sogar einen Mann, der die Vaterschaft anerkannt hatte. Mittlerweile fechte er diese jedoch wieder an. Auch die Polizei kam nicht weiter. Einmal sollen die Beamten dem Jugendamtsleiter zufolge sogar einen Tipp aus dem direkten Umfeld der Familie bekommen haben.

Doch die Blockadehaltung der Eltern und der Kinder sowie die entlastenden Aussagen der mutmaßlichen Opfer ließen alle Ermittlungen im Sande verlaufen. Der Vater habe die gesamte Familie terrorisiert, begründet die Anwältin der Adoptivtochter, warum die gesamte Familie sich nicht gewehrt hat. „Er hatte enormen Druck auf die Familie ausgeübt. Er hatte die ganze Familie so im Griff, dass sie letztendlich das getan haben, was er wollte“, sagt Katharina Hellwig. „Wehren half nichts, sie haben sich ihm gebeugt.“

Nun muss sich der mutmaßliche Vergewaltiger der Justiz beugen. Bislang streitet er seinem Verteidiger zufolge die Tat ab. Die Staatsanwaltschaft fordert Sicherungsverwahrung, die Anwälte der missbrauchten Kinder schließen sich an. Sandra Buhr, Anwältin der 18 Jahre alten Tochter: „Mein Wunsch für alle Opfer wäre, dass der sich hinstellt und gesteht. Und damit den Opfern die Aussage erspart.“