Late Night

Der blutige Dschungelcamp-CSI-Mix bei Maischberger

Experten thematisieren bei Sandra Maischberger schwer verdauliche Mordermittlungsmethoden. Betroffene erzählen von den Folgen falscher Ermittlungsergebnisse.

Ein bisschen Verbrechen, ein bisschen Blut und ein bisschen Made – Sandra Maischberger griff tief in die Ekelkiste und zeigte: Freunde des Ekel-TVs müssen heute nicht mehr Dschungelcamp angucken, sondern sind auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ganz gut aufgehoben.

Doch wenn es denn der Wahrheitsfindung dient, dann darf man im Fernsehen auch mal mit Schweineblut herumspritzen – wovon ein Gast eifrig Gebrauch machte. „Unter Verdacht – welche Spur führt zum Mörder?“ fragte Maischberger und mischte dabei CSI mit Dschungelcamp.

Es war vor allem zwei Gästen zu verdanken, dass der Zuschauer trotz gehäufter Wegguck- und Weghörreflexen etwas mitnehmen konnte. Da war der Kriminalbiologe Mark Benecke, der über den Informationsgehalt von Maden auf Leichen dozierte und die Rechtsmedizinerin Saskia Guddat.

Benecke kann mithilfe von Madenarten bestimmen, wie lange die Leiche schon eine Leiche ist. Eine knifflige Angelegenheit: So komme es beispielsweise vor, dass bei „dicken Madenteppichen“ die Temperatur durch die starke Konzentration der Maden ansteige und die Tiere so schneller wachsen würden – was wiederum dazu führt, dass die Ermittler den Todeszeitpunkt schwierig einschätzen können.

Der Kriminalbiologe kleckerte außerdem noch ein bisschen mit Schweineblut. So wollte er zeigen, wie bestimmte Blutstropfenformen zustande kommen. Mithilfe von Formeln lässt sich herausfinden, aus welchem Winkel der Blutstropfen auf dem Boden aufschlug. Diese Erkenntnisse könnten dann mit den Schilderungen des Täters verglichen werden. „Es ist eher ein Handwerk statt einer großen akademischen Kunst“, sagte Benecke trocken über seinen Beruf. Und zeigte dann munter die kleinen Löffelchen, mit denen er die Maden von toten Körpern abschabt.

Interessant waren auch die Erzählungen von Rechtsmedizinerin Saskia Guddat, insbesondere bezüglich des laufenden Kachelmann-Prozesses. Dort stehen die Richter vor der schwierigen Frage, woher die Verletzungen der ehemaligen Geliebten stammen. „Bei Hämatomen kann man nicht sagen, ob sie durch einen selbst oder durch einen Anderen zugefügt wurden,“ erklärte Guddat. Nur bei einigen Schnittverletzungen könnte man so eine Einteilung sicher vornehmen. Allerdings: Selbst wenn keine Verletzungen zu erkennen sind, heiße das noch lange nicht, dass keine Vergewaltigung stattgefunden hat: „In 50 Prozent der Vergewaltigungen sind überhaupt keine Male sichtbar.“ Beispielsweise wenn der Täter das Opfer nur bedroht, aber nicht geschlagen oder gewürgt habe.

Bei allen Hinweisen, die Kriminalbiologen und Rechtsmedizinerin liefern, gibt es deswegen immer eine große Unsicherheit, sagt auch der Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort: „Gutachten sind keine unumstößliche Tatsache, weil sie immer mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten.“

Wie sich Ermittler fatalerweise irren könnten, zeigten Maischberger anhand zweier Fälle: Der Sohn von Günter und Maryon Vollrath wurde im Dezember 2005 ermordet. Die Polizei ging jedoch von Anfang an von Selbstverschulden aus – und war nach der Einschätzung der Eltern auch ziemlich faul. „Die haben gesagt, wenn etwas passiert ist, wäre es jetzt sowieso zu spät,“ sagte Mutter Maryon. Die Eltern wollten das jedoch nicht hinnehmen – und begannen selbst zu ermitteln. Dabei stießen sie auf eklatante Ermittlungsfehler: „Die Spurensuche hat so gut wie nicht stattgefunden.“ Ihre eigenen Recherchen waren erfolgreicher: Sie fanden beispielsweise einen Badezimmerteppich voller Blut. Erst auf Druck eines ORF-Journalisten starteten die offiziellen Ermittlungen neu. Schließlich wurde ein Freund ihres Sohnes als Mörder entlarvt.

Als weiteres Beispiel für ein Opfer schlechter Ermittlungsarbeit war Holger Hellblau eingeladen, der mehrere Jahre unschuldig im Gefängnis verbrachte. Hellblau wurde vorgeworfen, seine Frau aus Eifersucht umgebracht zu haben. Sein Verteidiger sagte: Die Ermittlungen und die Verurteilung wurden so schnell vorangetrieben, dass noch nicht einmal alle vorliegenden Beweise und Hinweise in den Prozess eingingen. Fünf Jahre später wurden dank Bartel diese neuen Indizien berücksichtigt und Hellblau freigesprochen. Der wahre Mörder läuft jedoch immer noch frei herum.

Die Runde war sich schnell einig, wie es zu solchen Irrtümern kommen kann. Es ist ein Phänomen, das Benecke den „reversen CSI-Effekt“ nennt: Wenn die Ermittler sich erst einmal auf eine Interpretation der Spuren geeinigt haben, würden alle weiteren Ermittlungen nur noch in diese Richtung gehen. Man sammle zwar akribisch Spuren wie bei der US-Serie „CSI“ – jedoch nur die, welche eine Grundannahme bestätigen.

Teilweise hindere jedoch auch die Scheu vor dem großen Aufwand einer ernsthaften Analyse: „Knochenbleichen ist richtig harte Arbeit“, sagte Benecke trocken. Rechtsmedizinerin Guddat forderte deswegen auch strenge Vorschriften für die Leichenschau. Es könne nicht sein, dass diese Aufgabe häufig von dafür schlecht ausgebildeten Hausärzten übernommen würde. So komme es immer wieder dazu, dass statt Mord eine natürliche Todesursache diagnostiziert werde: „Wenn auf jedem Grab, in dem ein Opfer eines nicht erkannten Mordes liegt, eine Kerze stehen würde, dann wären deutsche Friedhöfe in der Nacht hell erleuchtet.“

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