Kindstötung

Jagd nach einem Serienmörder in Norddeutschland

Fast zehn Jahre nach der Tat gibt es eine neue Spur im Mordfall Dennis. Der Mörder soll in Norddeutschland, in den Niederlanden und Frankreich vier weitere Kinder getötet haben.

Foto: dpa

Dennis war neun Jahre alt, als er starb. Pilzsammler fanden die Leiche eines Kindes auf einem abgelegenen Waldweg im niedersächsischen Landkreis Rotenburg. Eine Woche später, nach einer DNA-Analyse stand fest: Der Tote war der kleine Dennis. Er war erst entführt, dann missbraucht und schließlich erstickt worden.

Fast zehn Jahre ist das her, Jahre, in denen es keine Spur von seinem Mörder gab. Die Akten im Fall Dennis wuchsen auf insgesamt 80 Meter. 7800 Hinweisen gingen die Fahnder ergebnislos nach. Aber nun gibt es sie auf einmal, diese Spur. Ein Zeuge hat sich bei der Polizei gemeldet.

Er sei sich “hundertprozentig“ sicher, in der ersten Septemberwoche 2001 morgens gegen 4.30 Uhr den Neunjährigen auf der Rückbank eines parkenden Opel Omega Caravan gesehen zu haben, teilte die Sonderkommission Dennis in Verden mit.

Zeuge sah bulligen Mann mit Brille

Beim Joggen sei der Zeuge an dem hellen Wagen vorbeigekommen. Am Steuer habe er einen bulligen Mann mit Brille und kurzen Haaren Anfang 30 gesehen. Die Angaben seien für die Soko „absolut nachvollziehbar und glaubhaft“, sagte deren Leiter Martin Erftenbeck. Der Zeuge habe sich erst im vergangenen August an die Polizei gewandt, als er sich nach einem TV-Bericht über die ungelösten Mordfälle an seine früheren Beobachtungen erinnerte.

Die Fahnder hoffen, mit diesem Hinweis einem Serientäter auf die Spur zu kommen, der neben Dennis vier weitere Jungen ermordet und fast 40 sexuell belästigt haben soll.

Dennis stammte aus der nordniedersächsischen Stadt Osterholz-Scharmbeck. Er war auf einer Klassenfahrt, als er am 05. September 2001 entführt und getötet wurde. Der Täter muss sich nachts in den Schlafraum des Schullandheims Wulsbüttel (Kreis Cuxhaven) geschlichen haben und Dennis dann aus dem Raum gelockt haben. Der neunjährige Junge trug ein Schlafanzugoberteil mit zwei Hunden darauf und eine kurze Hose.

Einen Tag später durchkämmten Polizisten die knapp 2000-Seelen-Gemeinde Wulsbüttel. Als es nach sechs Tagen noch immer keine Spur gab, verstärkten die Beamten ihre Bemühungen. Eine „Soko Dennis“ wurde eingerichtet. Am Abend des 11. September durchsuchten 200 Beamte und 40 Polizeihunde ein weites Gebiet um das Schullandheim herum. Erfolglos.

Eine Woche später wurden 5000 Flugblätter rund um Wulsbüttel verteilt, die Wasserschutzpolizei suchte Seen in der Umgebung ab. Bis dann am 20. September Pilzsammler rund 45 Kilometer von dem Schullandheim entfernt auf die Leiche von Dennis stießen.

Serientäter des Typs "netter Nachbar"

Nach Ansicht der Ermittler handelt es sich bei dem mutmaßlichen Serienmörder nicht um ein sozial randständiges „Monster“. Vielleicht ist der Mörder mit pädophiler Neigung eher der Typ netter Nachbar von nebenan. Er ist intelligent und bringt auch die Fähigkeit mit, sozial unauffällig und integriert zu sein, glauben die Ermittler.

Er sei in der Lage, ein nach außen hin „normales“ Leben zu führen und könnte sogar verheiratet sein oder Kinder haben. „Wir müssen weg vom schwarzen Mann, den Täter entmonstern“, sagte der Sprecher der Polizei Verden, Jürgen Menzel.

Sechs Jahre soll seine letzte Tat zurückliegen. Trotzdem ist die Angst groß, dass der Mann wieder morden wird. „Tatpausen sind bei Serienmördern nicht ungewöhnlich. Die Gefahr besteht immer, dass es zu neuen Taten kommen kann“, sagte der Fallanalytiker und Profiler Alexander Horn vom Polizeipräsidium München. Die Ermittlungen im Mordfall Dennis führten die Ermittler auf Parallelen zu anderen ungeklärten Fällen zwischen 1992 und 2004.

Stets vergriff sich der Täter nachts an Jungen mit ähnlicher Statur und in einem ähnlichen Alter, stets drang er unbemerkt in Schullandheime, Internate und Zeltlager ein. Der Großteil der Vorfälle spielte sich in Norddeutschland ab. Zwei Morde geschahen aber in den Niederlanden und Frankreich. Nach Ansicht der Fahnder soll der Täter aus Niedersachsen oder Bremen stammen, weil seine Taten einen starken geografischen Bezug zeigen.

Drei Wochen nach Dennis’ Verschwinden nahmen mehrere Hundert Menschen bei einer öffentlichen Trauerfeier von ihm Abschied. Würde er noch leben, wäre er vor ein paar Tagen 19 Jahre alt geworden.