Symbol der Einheit

Belgiens Pommesbuden sind vom Aussterben bedroht

Heiß geliebt und bedroht – Belgiens Frittenbuden stecken in der Krise: EU-Hygienevorschriften und strenge Städteplaner machen ihnen das Leben schwer.

Das Symbol für Belgiens Einheit riecht schon aus der Entfernung: Die Frittenbude an der Straße eint Flamen, Wallonen und Brüsseler trotz aller Gegensätze, die das Land derzeit in eine der längsten politischen Krisen seiner jüngeren Geschichte stürzen. Doch auch die Institution Pommesbude ist bedroht, anspruchsvolle Hygienenormen und strenge Stadtverschönerer haben vielen der Treffpunkte den Garaus gemacht. Landesweit, in Flandern wie in Wallonien, mehrt sich dagegen der Protest.

„Ich liebe es. Das ist Belgien“, sagt Tatiana Henry, die sich an einer Bude nahe dem Atomium in der Hauptstadt Brüssel stärkt. Die belgische Studentin besucht gemeinsam mit ihrem peruanischen Freund die alte Heimat – normalerweise lebt das Paar in Kalifornien. „Das findet man in Amerika nicht“, bestätigt ihr Freund und beißt genüsslich eine der heißen, fetten Kartoffelstäbchen. „Frietkot“ werden die Buden in Flandern genannt, „baraque à frites“ heißen sie bei den französischsprachigen Belgiern.

Für Amerikaner ist nur wichtig zu wissen, dass sie nicht wie zu Hause üblich von „French fries“ sprechen dürfen – denn „französische Fritten“ sind bei Belgiern in allen Landesteilen verpönt. „Die Frittenbude ist Mini-Belgien“, meint auch Bernard Lefèvre, Präsident des Verbandes der Pommes-Anbieter (Unafri).

Was aber außer den Buden macht derzeit noch das Land Belgien aus? Flamen und Frankophone sind heftig entzweit, die Parteien der beiden großen Sprachgruppen können sich nicht einmal über Grundsätzliches einigen – seit Monaten warten die Bürger auf eine neue Regierung, immer mal wieder macht das Schreckgespenst einer Aufspaltung des Landes die Runde.

Da passt es irgendwie, dass auch die Pommesbuden in der Krise stecken. Einst lockten Tausende zwischen Brügge und Charleroi, zwischen Antwerpen und Lüttich die Hungrigen oder Einsamen, die auf ein Schwätzchen hofften. Heute sind laut Unafri weniger als 1500 übriggeblieben. Strenge EU-Hygienevorschriften machen den Betrieb für Kleinunternehmer aufwendiger, zudem stören sich immer wieder Verantwortliche in den Rathäusern an den teilweise schmierigen Bauten.

„Es ist wahr, dass meine alte Frittenbude nicht sehr ansprechend für's Auge war“, gesteht Thierry Van Geyt freimütig. „Die Gesundheitskontrollen sind anspruchsvoll, es ist, als müsste alles so aussehen wie bei McDonald's“, sagt der 49-jährige frühere Friseur und Reitlehrer. Vergangenes Jahr musste er seine Graffiti-beschmierte Bude am Brüsseler Flagey-Platz dichtmachen, die schon fast so etwas wie Kultstatus besaß. Die Kunden waren empört. Sie starteten eine Petition im Internet und eine Kampagne im Sozialen Netzwerk Facebook und konnten schließlich die Behörden überzeugen: Nur einige Dutzend Meter vom alten Standort entfernt durfte Van Geyt inzwischen ein neues, schmuckeres Häuschen aufstellen.

Ähnlicher Widerstand regte sich im flämischen Eeklo, als zwei „Frietkots“ vom zentralen Platz verschwinden sollten. 800 Protest-Mails erhielt die Stadt nach eigenen Angaben. Das Rathaus erlaubte schließlich den Weiterbetrieb, verlangte aber von den Besitzern, dass sie ihre Buden renovieren. Einem von ihnen waren die Investitionen zu hoch, er machte selbst dicht. Eeklos Bürgermeister Koen Loete hat seitdem seine Lektion gelernt: Eine Pommesbude sei „etwas Heiliges“ – sie vor den Wahlen zu schließen sei eine Garantie dafür, dass „wir nicht gewinnen“.