Kachelmann-Prozess

Alice Schwarzer verweigert als Zeugin die Aussage

Im Kachelmann-Prozess will Alice Schwarzer nicht aussagen. Ihre Vorladung nannte sie eine Verzögerungstaktik.

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Auf den Tag genau vor einem Jahr, nachts irgendwann nach 0.30 Uhr, soll die Tat im Schlafzimmer einer kleinen Schwetzinger Dachwohnung geschehen sein. Doch ob das überhaupt stimmt, ob Jörg Kachelmann damals tatsächlich seine Freundin mit einem Messer attackiert und vergewaltigt hat, dieser Antwort ist das Gericht auch 365 Tage später noch nicht auf die Spur gekommen.

Daran hat auch die mit großer Spannung erwartete Zeugenvernehmung von Alice Schwarzer nichts geändert, zumal ihr Auftritt nur gut eine Minute lang dauerte. Die Aussicht, die „Emma“-Herausgeberin im Zeugenstand zu erleben, hatte am 27. Verhandlungstag reichlich Zuschauer ins Gericht gelockt, doch das große Schauspiel blieb ihnen verwehrt: Die 68-Jährige berief sich umgehend auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht als Journalistin, um ihre Informanten zu schützen, wie sie sagte. Daraufhin entließ sie Richter Michael Seidling sofort.

Weitere Vorladung wahrscheinlich

Dennoch ist es möglich, dass Schwarzer noch einmal antreten muss. Denn schon kurz nach ihrem Abgang gab es einen Disput zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Der junge Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge hatte seinen Unmut darüber angedeutet, dass ihm das Gericht die Gelegenheit verwehrt hatte, Alice Schwarzer ein paar Fragen zu stellen. Denn die Journalistin hatte durchaus angeboten, zumindest zu dem, was sie bisher schon öffentlich geäußert hatte, Stellung zu beziehen. Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn gab daraufhin zurück, dann müsse die „Emma“-Gründerin eben womöglich noch einmal vorgeladen werden. Das Gericht will darüber noch beraten.

Schwenn hatte die Journalistin, die für die „Bild“-Zeitung über den Prozess berichtet, laden lassen, weil er Kontakte zwischen ihr und einem sachverständigen Zeugen vermutete. Sie habe über den Kofferinhalt von Günter Seidler, dem Therapeuten des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers Claudia D., Bescheid gewusst und darüber in „Bild“ berichtet, hieß es in Schwenns Antrag. Daraus schloss Schwenn, dass Seidler und Schwarzer miteinander über den Fall Kachelmann gesprochen haben mussten, auch wenn beide das bestreiten.

Alice Schwarzer hatte grundsätzliche Kontakte zu Seidler eingeräumt. Am 26. Verhandlungstag, kurz bevor Schwenn ihre Ladung als Zeugin beantragte, hatte sie Journalistenkollegen von mehrfachen Telefonaten mit Seidler berichtet. Es sei aber nur um seine Expertise als Traumatologe und Wissenschaftler gegangen. Außerdem habe er sich ein Interview mit ihr gewünscht. „Es wurde aber nie ein Wort über Claudia D. gesprochen“, sagte sie.

Auch einen zwei bis drei Monate währenden, „ganz zurückhaltenden“ E-Mail-Verkehr mit dem mutmaßlichen Opfer selbst räumte sie ein. Nach Übernahme der Prozessberichterstattung für „Bild“ habe sie aber eine Art Abschiedsmail an Claudia D. geschickt. „Liebe Frau D., ich werde mich nicht mehr melden. Ich möchte meine Objektivität in der Berichterstattung nicht gefährden“, habe sie ihr mitgeteilt, so Schwarzer.

Abgesehen von der noch ausstehenden Aussage Alice Schwarzers lief der 27. Verhandlungstag nicht schlecht für Jörg Kachelmann. Am Morgen war die 5. Große Strafkammer zunächst trotz aller Bemühungen daran gescheitert, dem Heidelberger Rechtsmediziner Rainer Mattern eine eindeutige Aussage abzuringen. Der 65-Jährige blieb auch am zweiten Tag seiner Gutachtervernehmung beharrlich: Nachweisen könne er gar nichts – weder dass die Verletzungen der 37-jährigen Radiomoderatorin durch einen fremden Angreifer entstanden seien, noch dass diese sie sich selbst beigebracht hatte.

Gutachter hält Vergewaltigung für "unwahrscheinlich"

Im Anschluss daran ging der 48-jährige Rechtsmediziner Markus Rothschild von der Universität Köln in den Zeugenstand. Die Meinung des Gutachters, der von der Verteidigung verpflichtet worden war, war deutlicher vorgetragen als alles, was bisher in öffentlichen Sitzungen im Saal 1 des Landgerichts zu hören war: Er halte es als Mediziner und Wissenschaftlicher für „ausgesprochen unwahrscheinlich“, stellenweise sogar für undenkbar, dass die Tat so geschehen sein soll, wie sie Claudia D. schilderte.

Weder habe sich mit einem so schmalen Gegenstand wie dem Messerrücken eine so klar begrenzte Verletzung wie jene am Hals von Claudia D. verursachen lassen, vor allem in der „dynamischen“ Konstellation einer Vergewaltigung. Noch passten die riesigen blauen Flecken auf den Schenkeln des mutmaßlichen Opfers zu ihrer Darstellung. „Herr Kachelmann ist 1,90 Meter groß, die Nebenklägerin 1,70 Meter. Wie soll dann, wenn er während der Tat auf ihren Schenkeln gekniet hatte, ein Hämatom oberhalb ihrer Knie entstanden sein?"

Die Widersprüche der angeblichen Tat

Sein Kollege Mattern, der Claudia D. am Morgen nach der fraglichen Nacht untersucht hatte, hatte zuvor keine grundsätzlichen Widersprüche zwischen dem angeblichen Vergewaltigungshergang und den Verletzungen gesehen. Allerdings musste der kommissarische Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Heidelberg einräumen, dass die Spuren, die sich gegen alle Erwartungen nicht auf dem Messer fanden, nicht recht zu Claudia D.s Schilderung der angeblichen Tat passen wollen.

Mattern geht eindeutig davon aus, dass die Striemen und Abschabungen am Hals der Nebenklägerin nicht von der scharfen und geriffelten Kante der Klinge verursacht gewesen sein konnten, auch wenn die Frau ausgesagt hatte, sie habe die Schneide am Hals gespürt. Er halte aber den Messerrücken für ein mögliches Tatinstrument, sagte Mattern.

Einige der Kratzer, die am Körper der 37-Jährigen gefunden wurden, könnten zudem durch die abgebrochene Spitze des Tomatenmessers entstanden sein. Nun fehlen an dieser Spitze allerdings ebenso Haut- und DNA-Spuren wie am Messerrücken. „Die hätte man finden müssen“, räumte Mattern ein. Wenn man mit Sicherheit ausschließen könne, dass irgendwie Hautreste oder Zellen vom Messer entfernt wurden, dann „kann man das als Widerspruch darstellen“.