Luftschiffe im Kaiserreich

Absturz des Giganten – das Schicksal von LZ5

Mit ihnen eroberten die Pioniere den Himmel: Zeppeline. Allerdings bezahlten die Visionäre ihre Experimentierfreude mit einem hohen Preis, denn viele der ersten Luftschiffe stürzten ab. Das Luftschiff LZ5 mit 136 Meter Länge war das größte des Kaiserreichs. Vor 100 Jahren zerschellte es an einem Berg.

Foto: picture alliance / dpa / dpa

Das Größere ist der Feind des Großen. Ein Zeppelin ist wahrlich ein Gigant – aber verglichen mit einem Berg doch eher klein und schwach. Das Luftschiff LZ5, nach Zählung des Kaiserlichen Heeres auch ZII genannt, wurde mit seinen 136 Meter Länge als bei Weitem größtes Flugobjekt seiner Zeit bewundert – und erwies sich doch schon einem kleinen Felsen wie dem Webersberg bei Weilburg an der Lahn als unterlegen.

Vor genau 100 Jahren, am 25. April 1910, kam es an diesem Felsen zu einem spektakulären Unfall: Das Luftschiff, erst der fünfte überhaupt in Dienst gestellte Zeppelin, rammte oberhalb der Lahn und der parallel verlaufenden Bahngleise den Webersberg. Wie eine geplatzte Weißwurst krümmte sich das zerborstene Aluminiumskelett mit dem zerrissenen hellen Ballonstoff den Abhang hinunter.

Die Kulturforscherin Susanna Kolbe, die eher zufällig auf ein Bild des havarierten Zeppelins gestoßen war, hat für eine historische Miniatur die vergessene Geschichte dieses Absturzes recherchiert. Ihr mit Büchlein ist lesenswert und teilweise sogar amüsant (Susanna Kolbe: Am Berg gestrandet. Jonas Verlag Marburg. 96 S., 15 Euro).

In den Tagen vor der Havarie hatten die Weilburger fiebernd auf die erste „Überfahrt“ eines Zeppelins über ihrem Städtchen gewartet. In Bad Homburg hatte Kaiser WilhelmII. zuvor die drei miteinander konkurrierenden Luftschiff-Konstruktionen inspiziert. Mehr als die motorgetriebenen Ballonzigarre nach dem Prinzip August von Parsevals oder das Kielluftschiff des Majors Hans Groß imponierte Seiner Majestät dabei der „Luftkreuzer“ nach dem Zeppelin-Prinzip. Der LZ5 war länger als die beiden anderen Konstruktionen zusammen, bewegte sich außerdem einfach eleganter am Himmel.

Doch Zeppelins Konstruktion war bei Weitem anfälliger für schlechtes Wetter als die beiden anderen Modelle, vor allem für Scherwinde. Das zeigte sich zwei Tage später, als der LZ5 auf der Rückfahrt zum Stützpunkt in Köln unvorgesehen auf einem Feld bei Limburg landen musste. Eilig herbeigerufene Soldaten mühten sich, die mit Wasserstoff gefüllte Aluminium-Zigarre sicher am Boden zu behalten.

Doch am Mittag des 25. April 1910 erfasste eine kräftige Böe den Zeppelin und riss ihn aus seiner Verankerung. Ohne Besatzung gewann das Luftschiff rasch an Höhe und wurde Richtung Weilburg abgetrieben. Nach zehn Minuten drückten unberechenbare Winde den LZ5 auf den Webersberg und ließen ihn zerschellen. Dem Reporter der „Vossischen Zeitung“ bot sich ein Bild der Verheerung: „Das stolze Schiff, das noch vor 24 Stunden so tapfer gegen Wind und Wetter gekämpft hatten, hing zerschmettert an den Bäumen, ein Wirrwarr von verbogenen Aluminiumstangen und Leinwandfetzen.“ Wenigstens kam kein Mensch dabei zu Schaden.

Jetzt kamen die Weilburger erst recht in Scharen, um den ersten Zeppelin in ihrer Gegend zu bewundern; wer konnte, griff sich ein Stück der Hülle oder ein abgebrochenes Alu-Bauteil. Die örtlichen Fotografen witterten das Geschäft ihres Lebens und produzierten Dutzende Aufnahmen, die sich als Postkarten gut verkauften.

Am nächsten Tag ging das Gerücht um, der Kaiser selbst komme zum Ort der Havarie. Stattdessen erschien ein älterer Mann mit weißem Schnurrbart und Schirmmütze, den ganz Weilburg für den Grafen Zeppelin höchstpersönlich hielt. Der Besucher wurde hofiert und zur Unglücksstelle geführt. Erst als er wahrheitsgemäß auf die Frage eines Mädchens antwortete, er sei nicht Luftschiffkonstrukteur, sondern Pensionär aus Wiesbaden, hatte das Spektakel ein Ende. Vorher waren selbst Berliner Zeitungen auf den Auftritt des Doppelgängers hereingefallen.

Dem Unfall von Weilburg zum Trotz wurden bis 1938 noch 119 weitere Zeppeline gebaut. Erst 1937 beendete die Katastrophe des „Hindenburg“ bei New York die Ära der majestätischen Luftschiffe.