Entführt oder untergetaucht?

Münchner Tankwart verschwand in 120 Sekunden

Peter Moosheimer verschwand auf dem Weg zur Bank. Wurde er entführt oder ist er untergetaucht? Fest steht: Der Tankwart lebte auf großem Fuß und hatte Schulden.

Foto: dpa

Jetzt sind es nur noch zwei Minuten. Zwei Minuten, in denen der Münchner Peter Moosheimer, 48, nicht gesehen worden ist. Zwei Minuten, in denen der blendend aussehende, stets braun gebrannte Unternehmer, ein Frauentyp à la George Clooney mit einer Vorliebe für schnelle Autos, Opfer einer Entführung oder gar eines Gewaltverbrechens geworden sein könnte. Aber Markus Kraus, Chefermittler der Münchner Mordkommission, glaubt nicht mehr so recht daran.

In einer Puzzlearbeit ohnegleichen haben es seine Beamten geschafft, den Zeitraum für eine Entführung auf 120 Sekunden einzugrenzen. Dass es potenziellen Tätern gelungen sein könnte, den drahtigen Endvierziger mitten im München so schnell und ungesehen aus seinem Porsche zu zerren, ist eher unwahrscheinlich. Dass knapp eine Woche nach der „Entführung“ immer noch keine Lösegeldforderung eingegangen, ist absolut untypisch. Die einzige Spur, eine Blutanhaftung am Wagen, die von Moosheimer stammt und auf eine Gewalteinwirkung deuten könnte, ist so marginal, dass daraus kaum Rückschlüsse auf die Art der Verletzung gezogen werden können.

„Wir haben trotzdem noch ein Blutspuren-Bild beim Institut für Rechtsmedizin in Auftrag gegeben“, sagt Kraus. Die Ermittler wollen keinen Fehler machen, solange ein Gewaltverbrechen „nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen“ werden kann. Kraus aber ist lang genug Polizist, um zu wissen, dass der Schauplatz eines Gewaltverbrechens anders aussieht. „Wir hätten in einem solchen Fall viel mehr Spuren finden müssen.“

Gibt es ein Drehbuch im Fall Moosheimer?

Man kann, bei diesen Worten, förmlich hören, wie aus dem Fall Moosheimer die Luft rausgeht. In einer Stadt, in der zeitgleich der kaltblütige Mord am Manager und Familienvater Dirk Poschinger von Camphausen verhandelt wird, der wegen seines schönen Wagens sterben musste und mit 13 Schüssen regelrecht hingerichtet wurde, sorgte die Vorstellung, dass erneut ein scheinbar wohlsituierter Geschäftsmann Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte, für gewaltige Erregung.

Der Fall Moosheimer schien auf den ersten Blick einem ganz ähnlichen Drehbuch zu folgen: Ein Mann verschwindet. Fehlt nur noch seine Leiche. Moosheimer, dem eine Tankstelle am viel befahrenen Mittleren Ring, der Hauptverkehrsschlagader Münchens, gehört, war dort am Montag gegen 7.45 Uhr in seinen Porsche gestiegen – angeblich, weil er die Einnahmen der vergangenen Nacht, rund 2000 Euro, zur Bank bringen wollte. 750 Meter, sagt Markus Kraus, liegen zwischen der Tankstelle in der Richard-Strauss-Straße und Moosheimers Hausbank am Herkomerplatz. Normalerweise braucht man dafür fünf Minuten, im morgendlichen Berufsverkehr auch schon mal länger. Moosheimer war um 7.57 Uhr da.

In den folgenden drei Minuten wurde der Unternehmer von anderen Bankkunden gesehen. Bleiben die erwähnten zwei Minuten bis 8.02 Uhr. Am Freitag ging die Polizei deshalb noch einmal an die Öffentlichkeit, bat um Zeugenhinweise. Auch das eine Formalie. Mehr als für ein Gewaltverbrechen spricht mittlerweile nämlich dafür, dass Moosheimer sich abgesetzt haben könnte.

Seine Geschäfte liefen schlechter

Der Tankstellenbesitzer, der auf großem Fuß lebte, hatte Schulden in einer Höhe, die ihn veranlasst haben könnte, unterzutauchen, sagt Markus Kraus. Münchner Medien, die den wirtschaftlichen Background Moosheimers in den Tagen seit seinem Verschwinden bis in den letzten Winkel ausleuchteten, hatten schon davor berichtet, dass Moosheimer um die Existenz seines Betriebes fürchten musste. Mit der Umleitung der Verkehrsströme infolge der Untertunnelung des Mittleren Rings gingen seine Geschäfte schlechter. Die Einbußen lagen angeblich bei 60 Prozent. Außerdem gibt es für das Tankstellen-Areal einen Bebauungsplan. In absehbarer Zeit soll dort eines jener Mischgebiete aus Geschäften, Büros und Wohnungen entstehen, wie sie für die Münchner Peripherie typisch geworden sind. Es wäre wohl das Ende für Moosheimers Betrieb.

Moosheimer, der Mann, der sich in Luft auslöste, wäre in dieser Version nicht Opfer, sondern Täter. Es sieht schwer danach aus, als habe er seinen Abgang inszeniert: Es sollte wie ein Verbrechen aussehen, war aber in Wirklichkeit nicht mehr als eine überhastete Flucht. Die Tatsache, dass Moosheimer sowohl seinen Reisepass als auch seinen Personalausweis im Auto ließ, steht dem nicht unbedingt entgegen, war womöglich gar ein Trick. Absetzen könnte er sich auch mit einem Pass, den er vor einigen Jahren als verloren meldete, sagt Markus Kraus: „Wenn er den noch hat, wäre er auch gültig.“

Angeblich gibt es keine Geliebte

Noch sucht die Münchner Polizei nach dem 48-Jährigen, aber für eine Zielfahndung bräuchten die Ermittler einen Haftbefehl, den sie nicht haben und den sie auch nicht bekommen. Denn sollte sich Kraus' Verdacht erhärten, gibt es keinen Geschädigten. Strafrechtlich gesehen hätte sich Moosheimer allenfalls des Vortäuschens einer Straftat schuldig gemacht, ein Vergehen, das in den allerseltensten Fällen mit Freiheitsstrafe geahndet wird. Klammheimlich keimt in den Beamten deshalb die Hoffnung auf, dass Moosheimer vielleicht schon bald von selber wieder auftauchen könnte.

Mit den 2000 Euro, die er bei sich hatte, die er aber nicht eingezahlt hat, käme er nicht weit. Mit seiner Ehefrau, sagt Markus Kraus, steht die Polizei „in ständigem Kontakt“. Eine Freundin oder Geliebte gibt es offenbar nicht.

Keine so gute Situation, in der Peter Moosheimer da allem Anschein nach steckt.