Drama auf der Autobahn

Warum die Holzklotz-Mörder gefasst werden

| Lesedauer: 6 Minuten
Antje Hildebrandt

Er ist das wichtigste Beweisstück im Fall Olga K., die am Ostersonntag vor den Augen ihrer Familie starb: ein Holzklotz, sechs Kilo schwer, 24 Zentimeter hoch, 18 Zentimeter Durchmesser. Frank Federau, Sprecher des Landeskriminalamts Hannover, erklärt Morgenpost Online, wie die Polizei bei der Untersuchung des Klotzes vorgeht.

Morgenpost Online: Herr Federau, wonach genau suchen Ihre Kollegen?

Frank Federau: Es sind drei Fachgruppen an dieser Suche beteiligt: Ein Biologe untersucht den Klotz Millimeter für Millimeter nach Mikrofaserspuren. Weitere Experten nehmen ihn in der Hoffnung unter die Lupe, Fingerabdrücke oder DNA-Spuren zu finden. In einigen Fällen ist es so, dass solche Beweise zum möglichen Täter führen.

Morgenpost Online: Den Klotz können auch Menschen berührt haben, die mit der Tat nichts zu tun haben. Wie viel Gewicht messen Sie den Spuren vor diesem Hintergrund bei?

Federau: Mikrofaser- oder DNA-Spuren müssen im Gesamtkontext der Tat gewürdigt werden. Mir ist nicht bekannt, dass ein einziger Fussel am Holzklotz ausgereicht hätte, um einen Verdächtigen wegen der Tötung an der Frau zu verurteilen. Diese abschließende Bewertung obliegt aber dem Gericht.

Morgenpost Online: In Presseberichten ist immer wieder die Rede davon, dass der Täter erst dann als überführt gilt, wenn mindestens drei verschiedene Fasern von ihm an dem Klotz sichergestellt wurden. Ist das in der Praxis nicht ziemlich unwahrscheinlich?


Federau: Nein, die Beschaffenheit der Mikrofasern ist so unterschiedlich, dass letztlich auch Fussel Beweiskraft erlangen. Wenn der Verdächtige zum Beispiel bei der Tat eine rote Jacke getragen hat und wir an dem Klotz rote Fasern finden, können wir mit Sicherheit sagen, ob die Faser von dieser Jacke stammt. Einmal anhand der Struktur der Faser und dann aufgrund der Farbe. Rot ist nicht gleich rot. Es gibt bis zu Tausende unterschiedliche Farbschattierungen.

Morgenpost Online: Wenn der Täter clever ist, hat er sich dieser verdächtigen Kleidungsstücke längst entledigt.

Federau: Wir können auch Fasern von Kleidungsstücken nachweisen, die zum Tatzeitpunkt nicht getragen wurden. Auf einer Jeans können ja auch Flusen von einem Fleece-Pulli haften, den der Täter am Vortag trug. In der Vergangenheit hat es auch Fälle gegeben, in denen wir an einer Hose Fasern von Sofas nachgewiesen haben. Sie sehen also: Man kann nicht alles wegwerfen!

Morgenpost Online: Wie wichtig sind dann die DNA-Spuren auf dem Klotz?

Federau: Sie sind nur ein kleines Teil in einem größeren Puzzle: Wenn der Täter den Klotz getragen hat, kann es sein, dass sich dabei Hautpartikel übertragen haben. Sofern der Zellkern intakt ist, können wir daraus einen genetischen Fingerabdruck erstellen. Das geht auch mit Blutanhaftungen oder mit Haarwurzeln. Dafür reichen schon kleine Bruchstücke aus.

Morgenpost Online: Bleibt noch die Phantomskizze mit den fünf Jugendlichen. Hat die Polizei dazu schon Hinweise bekommen?


Federau: Würden wir sonst nach wie vor mit dieser Skizze fahnden?



Morgenpost Online: Dabei erkennt man darauf kein einziges Gesicht ....


Federau: Ein Zeichner hat diese Skizze freihändig anhand der Aussagen eines Zeugen angefertigt, der am Ostersonntag gegen 20 Uhr vier bis fünf Jugendliche in der Nähe der Brücke gesehen haben will. Um sie zu identifizieren, muss man sich nicht die Gesichter gemerkt haben. Wichtiger sind die so genannten Gruppen-Merkmale. Also: Dabei waren eine Frau, die einen Pferdeschwanz trug und einen Kopf kleiner war als die anderen - und ein junger Mann mit einer Basecap, der die anderen deutlich überragte. Er hatte ein Fahrrad dabei.

Morgenpost Online: Und Sie meinen, das reicht als Erinnerungshilfe?

Federau: Immerhin haben uns Anrufer sogar schon Namen genannt.

Morgenpost Online: Das heißt, dass das LKA sich einen Massen-Gentest sparen kann?

Federau: Nein, das heißt es nicht. Ein solcher Test macht ja erst Sinn, wenn wir am Tatort DNA-fähige Spuren gefunden haben. Womit sollten wir die DNA aus dem Speichel der Mündhöhle sonst vergleichen?

Morgenpost Online: Die Polizei in Oldenburg hat die Möglichkeit in Betracht gezogen, nur bei Personen, die im Umfeld des Tatortes wohnen, einen Gentest durchzuführen. Warum nur von diesem Personenkreis?

Federau: Die Kollegen in Oldenburg werden ihre Gründe haben, warum sie die Suche auf diese Personen begrenzen. Ein Massentest muss schon eingegrenzt werden. Wir können nicht den Speichel von 83 Millionen Bundesbürgern testen.

Morgenpost Online: Zurück zum Holzklotz. Der wiegt immerhin sechs Kilo. Den auf die Brücke zu schleppen, ist gar nicht so leicht. Spricht das nicht eher gegen die These, dass es sich bei dem Klotzwurf um die spontane Tat von Jugendlichen in Partylaune handelt?

Federau: Es gibt eine Zeugenaussagen, wonach der Klotz schon einige Stunden vor der Tat auf der Brücke gelegen haben soll. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass ihn dort jemand in böser Absicht deponiert hat.

Morgenpost Online: Sie wollen damit sagen, wenn es sich bei den Jugendlichen von der Phantomskizze um Zeugen gehandelt hätte, hätten sie sich längst bei der Polizei gemeldet?

Federau: Ja, das liegt nahe.

Morgenpost Online: Wie groß ist die Gefahr, dass der oder die Täter unerkannt entkommen?

Federau: Wenn Sie meine persönliche Meinung hören wollen, dann bin ich als Kriminalist zuversichtlich, dass der Täter überführt wird. Offenbar sind die Täter in der Gruppe aufgetreten, und wir können auch nicht ausschließen, dass Alkohol im Spiel war. Es hat in dieser Gruppe auch Personen gegeben, die den Klotz nicht geworfen haben. Die plagt das schlechte Gewissen. Früher oder später werden sie sich davon erleichtern.

Morgenpost Online: Was würde es für die Familie des Opfers bedeuten, wenn dieser Fall nicht aufgeklärt werden würde?

Federau: Ich kann nachvollziehen, dass die Hinterbliebenen ein Ergebnis haben wollen, um dieses traumatische Erlebnis verarbeiten zu können. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Polizei in Oldenburg alles unternehmen wird, um diese Tat aufzuklären.