Mordprozess

Mit Kuhfuß auf Krankenschwester eingeschlagen

Das Landgericht in Lübeck hat einen 23-Jährigen verurteilt, eine Krankenschwester brutal getötet zu haben. Für die Familie des Opfers wurde der Täter zu freundlich behandelt.

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Was im Lübecker Landgericht geschah, ist ungewöhnlich. Bevor der Vorsitzende Richter Christian Singelmann das Urteil über den Mörder einer 23-jährigen Nachtschwester verkündete, stellte er eine kleine persönliche Erklärung voran.

Darin wies er den Vorwurf zurück, das Gericht habe den Angeklagten mit „kalter Sachlichkeit“ behandelt. Das hatte der Vater des Mordopfers dem Gericht zuvor vorgeworfen. Es sei ein „Schockerlebnis“ für die Familie gewesen, zu erleben, wie freundlich das Gericht mit dem Mörder umgegangen sei.

Am Ende wurde der 27-jährige Angeklagte Martin H. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Eine besondere Schwere der Schuld, auf die die Staatsanwaltschaft plädiert hatte, konnte das Gericht allerdings nicht feststellen.

Damit hat Martin H. die Möglichkeit, nach 15 Jahren eine erste Haftprüfung zu beantragen. Zwar sahen die Richter zwei Mordmerkmale – Heimtücke und niedere Beweggründe – als gegeben an. Sie hielten dem Angeklagten aber zugute, dass er sich selbst der Polizei gestellt und ein Geständnis abgelegt hatte. Das hatte er allerdings erst am fünften Prozesstag getan.

Erleichtert und enttäuscht zeigte sich die Familie der getöteten Vasthi G. über den Urteilsspruch. Erleichtert, weil die Strafe hoch ausfiel und der Prozess vorbei ist. Enttäuscht, weil das Gericht keine besondere Schwere der Schuld gesehen hatte. „Das ist für uns nicht nachvollziehbar“, sagte der Anwalt der Familie, Niko Brill.

Die 23-jährige Vasthi G. war in der Nacht zum 18. März in einem Wohnheim für psychisch Kranke im schleswig-holsteinischen Großhansdorf von dem Heimbewohner Martin H. getötet worden. Als Motiv gab der 27-Jährige verschmähte Liebe an. Das Mordopfer hatte erst wenige Tage zuvor angefangen, in „Haus Rümeland“ zu arbeiten.

Sie war froh darüber gewesen, eine Stelle gefunden zu haben, und hatte dafür in Kauf genommen, vor allem für die schlecht bezahlten Nachtschichten eingeteilt zu werden. Vor Gericht hatte Martin H. ausgesagt, er habe Vasthi am Abend vor der Tat seine Liebe gestanden, doch diese habe ihn nur ausgelacht. Daraufhin habe er sich nachts mit einem Wochen zuvor geklauten Generalschlüssel Zugang zum Schwesternzimmer verschafft, in dem Vasthi G. schlief. Nur reden mit ihr habe er wollen, sagte Martin H. vor Gericht. Warum er dabei mit einem Kuhfuß und zwei Messern bewaffnet war, konnte er nicht erklären.

Als die Heimleiterin am nächsten Morgen zum Dienst kam, war das Schwesternzimmer von außen verschlossen. Die herbeigerufene Polizei fand darin die Leiche der jungen Frau. Martin H. hatte mit dem Kuhfuß rund ein Dutzend Mal auf sie eingeschlagen.

Anschließend hatte er ihr mit einem der Messer in die Brust gestochen und die Kehle durchgeschnitten. „Jetzt hast du ein richtiges Grinsen“, will er nach eigener Aussage vor Gericht dabei gerufen haben. Nach der Tat floh er mit einem Dienstwagen des Wohnheims, stellte sich zwei Tage später aber der Polizei.

Die Familie der jungen Frau hatte diese Version von Anfang an bezweifelt. Denn nur wenige Stunden vor ihrem Tod hatte Vasthi mit einer ihrer Schwestern telefoniert. Das angebliche Liebesgeständnis H.s erwähnte sie dabei mit keinem Wort.

Die Staatsanwältin Ulla Hingst hatte in ihrem Plädoyer von einer „erbarmungslosen Brutalität“ bei Martin H. gesprochen. Der Anwalt der Familie, die als Nebenklägerin im Prozess auftrat, nannte Martin H. „bösartig und gemeingefährlich“. Die Öffentlichkeit müsse „vor ihm geschützt werden“.

Tatsächlich war H. in der Vergangenheit schon mehrfach straffällig geworden. Zuletzt hatte er 2006 an einer Autobahnraststätte bei Hamburg einen Autofahrer mit einer Schreckschusspistole bedroht und die Herausgabe seines Fahrzeugs gefordert. Dafür hatte H. eine Bewährungsstrafe erhalten, die auch eine psychologische Behandlung vorschrieb. Im Wohnheim „Haus Rümeland“ lebte er seit einem Dreivierteljahr, als Vasthi G. dort anfing.

Sie habe „schreckliche“ Momente während der Verhandlung erlebt, sagte die Schwester von Vasthi, Alexandra Brockmann, Morgenpost Online. Etwa, als der Angeklagte detailliert schilderte, wie er Vasthi G. ermordete. Dennoch bereut Alexandra Brockmann die Entscheidung nicht, beim Prozess dabei gewesen zu sein. „Es war immens wichtig, sich der Konfrontation mit dem Täter zu stellen.“ Für die Familie sei es zudem die einzige Möglichkeit gewesen, der getöteten Schwester eine Stimme zu geben.

Die Familie überlegt nun, ob sie in Revision geht. Außerdem plant sie, die Leiterin des Wohnheims anzuzeigen. Denn noch sind aus Sicht der Angehörigen zu viele Fragen unbeantwortet. Etwa die, warum eine Berufsanfängerin allein nachts zwölf psychisch Kranke, darunter auch einen verurteilten Gewaltverbrecher, betreuen musste. Oder warum die Heimleiterin zwar von den Vorstrafen von Martin H. wusste, ihre Mitarbeiter darüber aber offenbar nicht informierte.