Johann Schwenn

Die knallharte Strategie des Kachelmann-Anwalts

Im Kachelmann-Prozess wird der Ton noch schärfer. Jetzt glaubt sein Anwalt, Verlage hätten Beweise unterschlagen. Johann Schwenns Strategie hat nur ein Ziel.

Ein Antrag, die Redaktionen von „Bunte“ und „Focus“ durchsuchen zu lassen; harsche Attacken auf die angeblich vom Staatsanwalt manipulierten Richter; abfällige Bosheiten über den Anwalt eines Zeugen, ja, sogar über seinen eigenen Vorgänger: Der überaus selbstbewusste Johann Schwenn (63), neuerdings Verteidiger von Jörg Kachelmann, legte nach seinem bereits rasanten Einstieg in den Mannheimer Prozess jetzt noch einen Zacken zu.

Als er in die Mittagspause ging, bekam der Hamburger denn auch in der Lobby des Landgerichts spontan Applaus von einigen Zuschauern. Viele der Stammgäste, die das Verfahren von Beginn an verfolgen, halten den der Vergewaltigung bezichtigten Kachelmann für unschuldig und äußern das auch offen. Das kämpferische Angriffsspiel des Verteidigers gefiel ihnen deshalb deutlich besser als die moderate Verhandlungsführung von Vorgänger Reinhard Birkenstock.

Manch anderer jedoch mag sich bei dem Rundumschlag am 18. Verhandlungstag gefragt haben, ob ein solch heftiger Frontalangriff auf die Richter strategisch klug ist – oder zumindest, welche weiter reichende Absicht dahinterstecken könnte. Schwenn machte auf jeden Fall klar, dass er den Vorsitzenden Richter Michael Seidling und seine beiden Beisitzer für voreingenommen hält und ihnen derzeit kein faires Urteil zutraut. Der Kammer fehle die nötige Distanz zur Staatsanwaltschaft, und diese wiederum habe sich „vollkommen verrannt“, ätzte er. „Es ist schon sehr schwer, von einem Vorurteil herunterzukommen“. Anders als Birkenstock gab er sich pessimistisch, was den Ausgang des Prozesses angeht. „Bisher haben Staatsanwaltschaft und Gericht mir keinen Anlass gegeben, die Verurteilungsgefahr für gemindert zu halten.“

Aber mit Blick auf eine Revision betonte er, das letzte Wort werde nicht in Mannheim gesprochen. Schwenn gilt als Spezialist für Wiederaufnahmeverfahren und Revisionen. Die Revision ist bei einem schweren Tatvorwurf die rechtlich fast einzige Möglichkeit, das Urteil aufzuheben oder abzuschwächen. Der Bundesgerichtshof bewertet dabei nicht mehr Tatsachen, Beweise, Indizien oder Aussagen. Es wird überprüft, ob das Landgericht bei der Rechtsanwendung Fehler gemacht hat. Ein Wiederaufnahmeverfahren wäre möglich, wenn Beweise für das Vorliegen einer Fehlentscheidung gefunden würden.

Besonders erregte sich Schwenn darüber, dass sich das Gericht seiner Meinung nach „keinerlei Gedanken gemacht hat darüber, wie mit der Einflussnahme eines mächtigen Verlags umgegangen werden soll. Burda, dem Herausgeber von „Focus“ und „Bunte“, wirft der Verteidiger vor, Zeuginnen bezahlt und beeinflusst zu haben. Zwei Redakteure der „Bunten“ sollen eine Ex-Geliebte des Schweizers sogar so stark beeinflusst haben, dass sie ihre Aussage anschließend bei Gericht um ein wesentliches Detail ergänzte: Vor dem Sex mit Kachelmann habe sie einmal „Nein, ich will nicht“ gesagt – was auf eine Vergewaltigung deuten könnte. Das hatte die Frau nach Schwenns Darstellung zuvor bei der Vernehmung nicht so geschildert.

Zugleich werde von „Bunte“ und „Focus“ entlastendes Material einfach unterschlagen oder verschwiegen. Daher müssten die beiden Redaktionen durchsucht werden, so der Antrag der Verteidigung, der von „übler Nachrede und Beeinflussung des Verfahrens“ durch die Magazine sprach. „Focus“ hatte am Montag eine neue angebliche Belastungszeugin präsentiert. Die Frau soll den Mannheimer Staatsanwälten am Telefon von gewalttätigen Übergriffen berichtet haben, die Kachelmann nur wenige Wochen vor der angeblichen Vergewaltigung begangen haben soll.

Die Schweizerin will jetzt aber nicht vor dem deutschen Gericht erscheinen. Sie soll erst im September entdeckt worden sein, durch die Auswertung eines Handys von Kachelmann. Schwenn äußerte die Vermutung, dass es sich um eine „bezahlte und geführte Zeugin“ des Verlagshauses Burda handele. Der „Focus“ wies die Vorwürfe noch am selben Tag als „vordergründiges Ablenkungsmanöver“ zurück.

Sein Dauerfeuer hatte Schwenn am Morgen eröffnet. Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge hatte gerade noch Zeit, selbst einen Antrag zu stellen, da grätschte der grauhaarige Strafverteidiger bereits energisch dazwischen. Skurrilerweise wollte Oltrogge nämlich einen ursprünglich von der Verteidigung berufenen Sachverständigen wieder ins Verfahren zurückholen, den Schwenn in der letzten Sitzung ausgeschlossen hatte. Der Psychiater Hans Markowitsch hatte ein Gutachten zur Traumatheorie erstellt. Schwenn berichtete aus dem Nähkästchen, er habe Markowitsch befragt, warum sein Vorgänger Birkenstock ihn überhaupt verpflichtet hatte, wenn doch bereits ein Gutachten zum selben Thema vorliege.

Birkenstock habe argumentiert, Markowitsch formuliere etwas verbindlicher, das komme dem Umgang aller Verfahrensbeteiligten zugute – etwas, das Schwenn definitiv nicht vorhat. Später attackierte er Birkenstock noch einmal heftig, weil dieser nicht stärker gegen die „bezahlten Zeuginnen“ interveniert habe. Sein Antrag jedoch, Markowitsch nicht mehr als Gutachter zuzulassen, wurde vom Richter abgeschmettert. Zumindest vorerst ebenfalls ins Leere lief der Antrag auf Durchsuchung der beiden Magazinredaktionen. Die Staatsanwaltschaft will sich mit ihrer Stellungnahme Zeit lassen, bis ihr Schwenns Antrag schriftlich vorliegt, was zunächst nicht der Fall war.