Fall Kalinka

Regierung will entführten Arzt aus Frankreich holen

Die Bundesregierung bemüht sich um die Freilassung des nach Frankreich entführten und dort festgenommenen Arztes Dieter K. Dem 74 Jahre alte Mediziner vom Bodensee droht ein erneutes Gerichtsverfahren. Er war bereits 1995 wegen fahrlässiger Tötung seiner Stieftochter Kalinka zu 15 Jahren Haft verurteilt worden.

Die Bundesregierung setzt sich für die Freilassung des vom Bodensee verschleppten und in Frankreich verhafteten deutschen Arztes Dieter K. ein. Das Auswärtige Amt stehe mit den französischen Behörden in Kontakt, sagte ein Sprecher des Ministeriums. „Wir bemühen uns um eine Lösung für den Betroffenen, nach Deutschland zurückzukehren.“ Auch die deutsche Botschaft in Paris sei mit dem Fall des 74-Jährigen befasst.

Der Mediziner war 1995 in Frankreich wegen fahrlässiger Tötung des 15-jährigen Mädchens Kalinka in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Die deutsche Justiz hatte zuvor ein eigenes Ermittlungsverfahren eingestellt. Sie lehnte das französische Auslieferungsgesuch daher ab. Mehrere europäische Gerichte hatten das französische Gerichtsverfahren verurteilt, weil der Angeklagte nicht anwesend war.

Am vergangenen Wochenende hatte der leibliche Vater des getöteten Mädchens, der jahrelang vergeblich um die Auslieferung des Arztes gekämpft hatte, den Arzt von Lindau am Bodensee nach Frankreich verschleppen lassen. Geknebelt und gefesselt wurde der alte Mann am Sonntag im elsässischen Mülhausen in einem Hauseingang gefunden. „Ich bin mit mir selbst in Frieden und mein Ziel ist erreicht. Der Mörder meiner Tochter kommt vor Gericht“, sagte er. Die französische Justiz ermittelt nun wegen Freiheitsberaubung und Entführung gegen ihn. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft.

Der deutsche Mediziner kam unterdessen in Paris in Untersuchungshaft. Er soll sich in einigen Monaten erneut vor einem französischen Gericht verantworten. Seine Tochter sieht darin einen massiven Verstoß gegen europäische Rechtsvorschriften.

Die Verfahrensweise der französischen Behörden billige Faustrecht, betonte ihr Anwalt Nicolas Becker in einer Mitteilung. Dies könnte andere Länder animieren, „sich mit Privatgewalt unter Umgehung von Auslieferungsprozeduren die von ihnen begehrten Verdächtigen zu besorgen“.

K. hatte seine Zulassung als Arzt in Deutschland 1997 wegen sexuellen Missbrauchs verloren. Das Landgericht Kempten befand ihn für schuldig, eine 16-jährige Patientin unter Narkose vergewaltigt zu haben. Er bekam dafür zwei Jahre Haft auf Bewährung, übte seinen Beruf aber illegal weiter aus.