Winnenden-Prozess

Erschütterndes Video zeigt Vater des Amokläufers

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Miriam Hollstein

Im Prozess um den Amoklauf von Winnenden ist vor Gericht ein Film gezeigt worden. Darin ist der Vater von Amokläufer TIm K. zu sehen. Erst stürzt er die Treppe hinauf - später ist er aber äußerst gefasst.

Es sind verwackelte Bilder, keine drei Minuten dauert der Film. Doch er gibt auf dramatische Weise Einblick in das Leben der Familie des Amokläufers von Winnenden. Und er dokumentiert ihr Ende. Die Aufnahmen zeigen den Vater von Tim K., wie er in Begleitung von Polizeibeamten in sein Haus läuft. Er stürmt die Treppe hinauf, vorbei an Kinderfotos und lichtdurchfluteten Räumen, ins Schlafzimmer. Dort greift er in ein Kleiderregal. Er greift ins Leere. "Weg", sagt er, und dann zur Erklärung: "Eine Beretta." Dann stürzt er weiter zum Nachttisch, kramt darin. Auch die Munition ist verschwunden. Spätestens in diesem Moment muss Jörg K. klar gewesen sein, was das bedeutete. Dass der noch flüchtige Amoktäter, von dem er am Morgen im Radio gehört hatte, sein 17-jähriger Sohn Tim war. Seltsam gefasst führt er die Beamten in einen mit Softair-Waffen dekorierten Nachbarraum, vermutlich Tims Zimmer. Dann läuft er zu den Tresoren im Keller, öffnet sie mit einer Zahlenkombination. Sie sind vollgepackt mit Gewehren und Munition. Alles da, stellt er fest. Dann nimmt er ein gerahmtes Bild seines Sohnes von der Wand und gibt es den Polizisten.

Ein Beamter des Spezialeinsatzkommandos hat den Film am Vormittag des 11. März 2009 gemacht. Beim Prozess gegen den Vater vor dem Landgericht Stuttgart wurde der Film am Donnerstag gleich zweimal vorgeführt. Zu flüchtig waren die Bilder, um alle Details zu erfassen.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Prozesstag: Viele vermeintliche Gewissheiten erwiesen sich als flüchtig. Bekannt ist, dass Tim K. ein schlechter Schüler war. Doch zum Ende seiner Schulzeit an der Albertville-Realschule hatte sich seine Leistung gebessert. Seine Mittlere Reife legte er mit einem Notendurchschnitt von 3,5 ab. Mehrfach lud der als Einzelgänger geltende Junge Freunde zu sich nach Hause ein, bereitete sich mit ihnen auf Schulprüfungen vor. Einem Freund erzählte er, dass er unbedingt seinen kaufmännischen Abschluss am Berufskolleg schaffen wolle, das er besuchte. Spricht so jemand, der bereits mit seinem Leben abgeschlossen hat?

Im Januar 2007 hatten sich seine Eltern an eine schulpsychologische Beratungsstelle gewandt. Da war Tim K. zum dritten Mal versetzungsgefährdet. Im Januar 2009 - zwei Monate vor dem Amoklauf - erhielt Tim K. einen Musterungsbescheid vom Kreiswehrersatzamt. Darin heißt es auch, die Arztberichte wegen der Brille und der Depression sollten nachgereicht werden.

Der zuständige Polizeibeamte sagte vor Gericht, Jörg K. habe bei der Vernehmung "erschüttert, aber beherrscht" gewirkt, während Ehefrau und Tochter bei der Polizei einen "fast panischen, hysterischen" Eindruck machten. Als er Jörg K. die Nachricht vom Tod seines Sohnes überbrachte, sagte er nur einen Satz: "Das war vielleicht am besten so."